Große Mittelalterschau „Aufruhr 1225!“ in Herne

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Ritterkultur auch bei Tisch: Das figürliche Gießgefäß, ein Aquamanile, kommt aus dem Nationalmuseum Kopenhagen.

HERNE – 47 Stiche und Hiebe fanden die Gerichtsmediziner 1978 an den Gebeinen von Engelbert I. Der Kölner Erzbischof wurde am 7. November 1225 Opfer eines unbeschreiblichen Gewaltausbruchs. Der geistliche und weltliche Fürst, der in der Abenddämmerung im Hohlweg bei Gevelsberg fiel, war nach dem Kaiser Friedrich II., der im fernen Sizilien saß, der mächtigste Mann im Reiche, unter anderem Erzieher von Friedrichs Sohn Heinrich. Hinter dem Überfall steckte Graf Friedrich von Isenberg, ein Verwandter des Bischofs. Er sollte die Tat schwer büßen, fiel in Acht, wurde verraten und in Köln gerädert – eine der grausamsten Hinrichtungsformen des Mittelalters. Von Ralf Stiftel

Der Mord bildet den Ausgangspunkt der Ausstellung „Aufruhr 1225!“ im Westfälischen Museum für Archäologie in Herne. Es ist mit rund 1000 Exponaten die größte Mittelalter-Schau, die je im Ruhrgebiet gezeigt wurde, ein Hauptprojekt der Kulturhauptstadt. Der Etat, so Wolfgang Kirsch, Direktor des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe, der das Museum trägt, beträgt 1,7 Millionen Euro. Die Macher hoffen auf 180 000 Besucher – und mehr als 250 Führungen sind bereits gebucht.

Die Bluttat hatte überaus politische Folgen über Jahrhunderte hinaus. Der Graf von Isenberg hatte wohl auch „nur“ eine Entführung seines Onkels geplant, um sein Recht zu erzwingen. Denn die Äbtissin Adelheid vom reichen Essener Damenstift wollte ihn um seine Rechte als Vogt bringen und scheute dabei vor einer Urkundenfälschung nicht zurück (die Urkunden sind in Herne zu sehen). Engelbert sollte schlichten, aber Isenberg fühlte sich übervorteilt. Der Gewaltexzess war vielleicht der Versuch, alle Tatbeteiligten zur Treue zu zwingen – jeder hatte mitgemordet. Am Ende büßte allein Friedrich. Das Damenstift gehörte zu den Gewinnern der Geschichte: In der Folge genoss es große Freiheiten und blühte auf. Engelbert, zu Lebzeiten nicht unbedingt beliebt wegen seiner Machtgier, wurde zwar nie offiziell heilig gesprochen, aber trotzdem an vielen Orten verehrt wie ein Heiliger. Viele weitere Regionalfürsten profitierten davon, dass Isenberg entmachtet, seine mächtige Burg geschleift, sein Besitz herrenlos wurde. 450 Burgen wurden im Ruhrgebiet errichtet. An der Lippe wurde die Stadt Nienbrügge, Isenbergs Besitz, verwüstet, die Besitzer umgesiedelt in die neu gegründete Stadt Hamm. Mehr als 50 Jahre lang war die Region im Umbruch, bis zur letzten großen Ritterschlacht von Worringen, in der es um das Erbe Isenbergs ging. Im Juni 1288 verloren die Kölnischen Truppen und das Erzbistum endgültig die Vormacht in Westfalen. Die Region wurde zersplittert in kleinere Herrschaften – ein Zustand, der Wolfgang Kirsch zufolge bis in die Preußenzeit anhielt.

In Herne soll das Mittelalter nicht grau und dunkel aussehen, sondern bunt und vielschichtig. Viel Inszenierungskunst wurde aufgewandt, um die oft prachtvollen Exponate zur Geltung zu bringen. Der Besucher betritt die Schau durch einen Nachbau jenes Hohlwegs bei Gevelsberg, der zum Tatort wurde – und hört etwas Schlachtengetümmel.

Ein Rundweg erzählt die Geschichte des Isenbergers und seiner Nachfahren. Kabinette erläutern Themenschwerpunkte zum Alltag im Mittelalter, von der gesellschaftlichen Rangordnung über das Rechtswesen und die Strafen bis zu der Ausbildung und den Idealen der Ritter und zum Burgenbau. Neben dem Museum, mitten in der nüchternen Stadtszenerie Hernes, entsteht eine „Motte“, eine typische hölzerne Hügelburg des Mittelalters. Sie sollte eigentlich fertig sein, aber das Winterwetter verzögerte den Bau. Im März aber wird sie fertig: 100 Quadratmeter nacherlebbare Wohnkultur aus ferner Vergangenheit im „Fertighaus des kleinen Ritters“, wie Projektleiter Stefan Leenen es formuliert. Es gibt einen Mitmachbereich, in dem Besucher Mittelalter nachleben können – sich anziehen wie ein Ritter, Holz bearbeiten, in einem Bett liegen. Um das elende Ende Friedrichs zu verdeutlichen, wurde fast eine halbe Tonne Silber in Barren angehäuft. Das entspricht den 2000 Silbermark, für die ein Ritter in Lüttich Friedrich an seine Verfolger verriet – ein wahrhaft fürstliches Blutgeld.

Aber die Schau punktet auch mit exquisiten Leihgaben aus den besten Museen Europas und der Region. So sind einige der kostbarsten Stücke aus den Archiven Soests zu sehen wie das 1315 begonnene „Nequambuch“ und die 1225/1226 entstandene „alte Kuhhaut“, zwei juristische Schriften. Außerdem ist der Cappenberger Barbarossakopf in einer besonderen Präsentationsform zu sehen, nämlich auf einem Sockel auf der Grabplatte Gottfrieds von Cappenberg. Forscher vermuten, dass das 30 cm hohe Bildnis vor 700 Jahren so aufgestellt war. Nun steht es im ursprünglichen Kontext, freilich in einer Vitrine und auf einer Kopie der echten Grabplatte.

Hinzu kommen eine Fülle von Keramik, Waffen, Schmuck, Dokumenten, Kunstwerken und Modellen. Eins der Glanzstücke ist der Topfhelm des Adeligen Prankh aus der Wiener Jagd- und Rüstkammer, bei dem noch der Flügelaufsatz erhalten blieb. Weltweit sind nur noch zwei erhaltene Exemplare bekannt.

27.2.–28.11.,

di – fr 9 – 17, do bis 19,

sa, so 11 – 18 Uhr

Tel. 02323/94 628 20

http://www.aufruhr1225.de

Katalog 24,90 Euro, im

Buchhandel Verlag Philipp von Zabern, Mainz, 39,90 Euro

Quelle: wa.de

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