Glücksspiel online bald legal: Suchtexpertin hält Botschaft für fragwürdig

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Im Ringen um eine Regulierung des Online-Glücksspielmarkts haben sich die Bundesländer nach jahrelangen Debatten auf einen gemeinsamen Ansatz geeinigt. Suchtexpertin Ilona Füchtenschnieder spricht im Interview von einer "fragwürdigen Botschaft".

  • Im Ringen um eine Regulierung des Online-Glücksspielmarkts haben sich die Bundesländer nach jahrelangen Debatten auf einen gemeinsamen Ansatz geeinigt.
  • Nach Angaben der schleswig-holsteinischen Landesregierung verständigten sie sich auf einen Staatsvertrag, der Onlineangebote wie Sportwetten, Poker und sogenannte Automatenspiele ab Juli 2021 bundesweit erlaubt.
  • Eine neue Aufsichtsbehörde soll die Anbieter kontrollieren.

Ilona Füchtenschnieder ist Leiterin der Landeskoordinierungsstelle Glückspielsucht in Nordrhein-Westfalen mit Sitz in Bielefeld. Sie kämpft seit Jahren gegen Glücksspielanbieter und deren oft fragwürdigen Produkte an. Im Gespräch mit Jens Greinke bewertet die 63-Jährige, die für ihre Arbeit bereits mit dem NRW-Landesorden ausgezeichnet worden ist, die geplante Neuregelung des deutschen Glücksspielmarktes aus ihrer Sicht.

Ilona Füchtenschnieder, Leiterin der Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW

Wie sehen sie die angedachte Reform des Online-Glücksspielmarktes als jemand, der seit Jahren gegen die Glücksspielsucht ankämpft?

Wir finden jede Initiative gut, die versucht, den Markt in den Griff zu bekommen. Weil Glücksspielanbieter einfach von Haus aus reguliert werden wollen. Sie bieten ein Gut an, das nicht nur ein bisschen Freizeitvergnügen, sondern mit hohen Gefahren verbunden ist. Von daher muss man – wenn man das Allgemeinwohl schützen will – diese Anbieter nicht einfach gewähren lassen.

Also ist die Reform ein gute Sache...

Wir sehen an einigen Stellen den Griff zum Samthandschuh. Die Zulassung der Online-Casinos halten wir beispielsweise für verfrüht. Wir haben eine höchstrichterliche Bestätigung des Verbotes von Online-Casinos vom Bundesverwaltungsgericht. Die Umsetzung dieses Urteils war in der Vergangenheit zäh und schleppend, aber man hätte noch einmal schauen müssen, was man da nachschärfen kann, um dem Vollzug mehr Handlungsspielraum zu geben. Diese Online-Casinos mit ihren Automatenspielen sind die suchtpotentesten Glücksspiele überhaupt. Online-Poker ist nicht so das große Problem, da gehen die Umsätze zurück. Bei den Casino-Spielen gibt es das sogenannten Große Spiel mit Black Jack, Roulette oder Baccara. Und eben die Automaten, die Slot-Machines. Dort wird auch in den realen Spielbanken der meiste Umsatz gemacht. Im Internet kommt als zusätzliches Problem hinzu, dass die soziale Kontrolle durch Freunde oder Familie wegfällt. Oder eben durch den Spielhallenbetreiber, der eigentlich gesetzlich dazu verpflichtet ist, einen Spieler anzusprechen, wenn dieser zu viel Geld verzockt. Dies soll online nun durch Algorithmen geschehen. Ich bin gespannt, wie das funktioniert.

Was sagen sie zum Einzahlungslimit von 1000 Euro pro Monat?

Wenn man das als Staat kommuniziert, dass es okay ist, 1000 Euro pro Monat für Glücksspiele einzusetzen, halte ich das für eine fragwürdige Botschaft. Dahinter steht nicht die Aussage: Glücksspiele sind gefährliche Güter! Es müsste wesentlich weniger sein – erst recht, wenn man sich die Einkommensverhältnisse vieler Menschen ansieht, die dort spielen. 1000 Euro sind als Summe viel zu hoch, und die Botschaft ist fatal.

Wie bewerten Sie die geplante Sperrdatei?

Die Sperrdatei war längst überfällig als Spielerschutzinstrument. In Hessen, wo es das schon gab, haben sich Stand August 2019 knapp 18 000 Menschen aus Selbstschutz sperren lassen.

Was sagen Sie zur zentralen Aufsichtsbehörde, die es künftig geben soll?

Ich finde es gut, dass eine zentrale Aufsichtsbehörde geben soll. Diese muss aber auch gut ausgestattet sein – und die Branche muss davor Respekt haben. Das heißt, dass gegenüber den Anbietern auch mal Konsequenzen gezogen werden.

Wie lautet trotz der Reform Ihre wichtigste Forderung?

Wir fordern ein Werbeverbot für Glücksspiele – und zwar ein komplettes. Gerade im Fußball, von dem so viele Kinder angesprochen werden. Es darf doch nicht kommuniziert werden: Glückspiele sind okay. Die Botschaft muss lauten: Glücksspiel – also auch die Sportwette – ist gefährlich. Wenn man so eine Reform macht, muss man also nicht nur den Wettanbietern, sondern auch der Suchtprävention entgegen kommen.

Waren Sie mit der Entscheidungsfindung bei dieser Reform einverstanden?

Man hat das auf politischer Ebene entschieden und nicht die Fachwelt dazu geholt. Diese Reform ist mit denen, die gegen die Glücksspielsucht kämpfen, gar nicht abgestimmt. Es wäre zudem besser gewesen, die Reform Schritt für Schritt angefangen mit dem Sportwettenmarkt durchzusetzen.

Quelle: wa.de

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