Werler Promi-Häftling winkt Freiheit

Erste Ausgänge für den Gladbecker Geiselgangster

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Dieter Degowski zum Zeitpunkt der Tat.

WERL - Es sind die ersten Schritte in Freiheit, ohne Handschellen. Die ersten nach jenen Tagen 1988, die eine ganze Nation in Atem hielten. Heute sind es zwei „Begleiter“, die ein Auge auf Dieter Degowski haben – und nicht ganz Deutschland, wie im August 1988, als der Mann als „Gladbecker Geiselganster“ in die Kriminalgeschichte einging.

Jetzt geht er – einmal im Monat raus aus der JVA Werl. Aber er muss auch wieder zurück. Noch. Bereits vier „begleitete Ausgänge“ über mehrere Stunden hat es für Degowski seit Februar gegeben. Das teilt Detlef Feige, Sprecher von NRW-Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) auf Anzeiger-Anfrage mit. In allen vier Fällen sei Degowski nicht gefesselt gewesen.

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Er konnte sich frei bewegen, wurde aber bei den Ausgängen von morgens bis abends zunächst von zwei Justizbeamten begleitet, vor einigen Tagen dann von einem Psychologen und einem Justizbeamten. In allen Fällen habe es keine Probleme gegeben. „Alles ist gut gelaufen“, sagte Feige. Wohin die Ausgänge führten, darüber hüllt sich das Ministerium in Schweigen. Denn eines will man vermeiden: Öffentliches Aufsehen oder gar erneut eine Medienmeute, die sich auf Degowski stürzt.

Zuvor hatte es erste Maßnahmen der Lockerung gegeben, bei denen Degowski begleitet ausgeführt wurde – da aber noch mit Handfesseln. Nun ist in der zweiten Stufe die „Freiheit auf Zeit“ weniger eingeschränkt. Als nächste Stufe ist bald der begleitete Ausgang über Nacht vorgesehen, sagt Feige. Einmal im Monat darf der Geiselgangster die JVA verlassen.

Sitzt in der JVA Werl ein und hofft nun auf Freiheit: der Gladbecker Geiselgangster Dieter Degowski, hier während der Tat 1988.

Nach und nach soll Werls prominentester Häftling sich so an die Freiheit gewönen, die ihm 26 Jahre nach dem Verbrechen bald winkt. Das NRW-Justizministerium geht davon aus, dass Degowskis Anwältin 2015 einen Antrag auf Aussetzung der lebenslangen Freiheitsstrafe zur Bewährung stellen wird – unter „strengen Auflagen“. Darüber hat dann die Strafvollstreckungskammer zu befinden; Gutachter und JVA Werl müssen eine Stellungnahme abgeben. Vor 2016 wird Degwoski daher kaum freikommen können, so Feige.

Mit den Lockerungen setzt die JVA Vorgaben um, die im vergangenen Jahr erteilt wurden. Da hatte Degowski den Antrag auf Freilassung gestellt, die auch die Vollstreckungsbehörden von Amts wegen prüften. Vor gut einem Jahr hatte der Anzeiger das öffentlich gemacht – ein bundesweites Medienecho folgte. Zeichen dafür, wie präsent das Geiseldrama auch heute noch ist. Die Strafvollstreckungskammer hatte Degowskis Antrag 2013 abgelehnt, weil unverändert „eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit“ von ihm ausgehe. Man sehe eine „erhöhte Gefahr, dass der Verurteilte bei einer unvorbereiteten Entlassung ins soziale Randmilieu abrutschen könnte, in dem die Gefahr weiterer schwerer Straftaten besteht“.

Ein Sachverständiger hatte dringend davon abgeraten, Degowski zu entlassen. Etwa drei Jahre, so seine Empfehlung, werde es dauern, bis vorbereitende Maßnahmen die gewünschte Wirkung zeigen und Degowski reif für die Freiheit sein könnte. Man gehe davon aus, „dass die Vollstreckungsbehörde nunmehr Vollzugslockerungen vornehmen wird“. So passiert das nun.

Das Geiseldrama

Beim Gladbecker Geiseldrama starben 1988 drei Menschen. Drei Tage lang war das Gangster-Duo Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner nach einem missglückten Banküberfall unter Verfolgung ganzer Journalisten-Trosse durch Deutschland geflüchtet, hatte Interviews gegeben, während es Geiseln Waffen an die Köpfe hielt. Die Medien wurden später wegen ihres zum Teil kumpelhaften Verhaltens kritisiert. Eine Polizeiaktion auf der A 3 beendete die Geiselnahme am 18. August 1988 blutig. Beim Schusswechsel der Geiselnehmer mit der Polizei starb die 18-jährige Geisel Silke Bischoff durch eine Kugel aus Rösners Waffe.

Der damals 32 Jahre alte Degowski hatte zuvor einen 15-jährigen Italiener, der sich schützend vor seine kleine Schwester gestellt hatte, in einem gekaperten Linienbus erschossen, um Rösners verhaftete Freundin Marion Löblich freizupressen. Daher wurde Degowski auch wegen Mordes verurteilt. Weil das Gericht die „besondere Schwere der Schuld“ festgestellt hatte, war eine Entlassung frühestens nach 24 Jahren möglich.

Quelle: wa.de

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