Fünf Jahre nach Kyrill: Wie ist die Lage heute?

ARNSBERG - Vor genau fünf Jahren zog Orkan „Kyrill“ mit brutaler Kraft durchs Land. Die Schäden in den Wäldern waren verheerend im Sauer- und Siegerland – wie ist die Lage heute? Unsere Redaktionen berichten:

Von Holger Drechsel

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Wer in die Zukunft eintreten will, muss durch ein kleines Tor aus Holz und Draht. Die Zukunft ist eingezäunt, geschützt, „sonst frisst uns das Wild alles weg“, sagt Martin Bünger, Revierförster in Calle im Sauerland. Wir sind auf den Höhen des Arnsberger Waldes. Hier oben arbeitet der Landesbetrieb Wald und Holz am Wald der Zukunft. Einem Wald, der besser als der traditionelle Fichtenwald Stürmen trotzen soll. Vor genau fünf Jahren war Orkan „Kyrill“ mit furchtbarer Wucht durch die Wälder im Sauer- und Siegerland gefegt. Der Boden war nach tagelangem Regen aufgeweicht, der Flachwurzler Fichte fand keinen Halt mehr und hatte dem Sturm nichts entgegenzusetzen. 25 Millionen Bäume fielen in der Kyrill-Nacht – und der allergrößte Teil waren Fichten, der „Brotbaum“ der Waldbauern in Südwestfalen.

Martin Bünger, Revierförster Calle

Wie aber macht man den Wald sturmsicher? Der Landesbetrieb erprobt es im Staatswald, wie hier in Arnsberg. Junge Birken stehen hier auf der ehemaligen Kyrill-Kahlfläche, kleine Eichen, Buchen und winzige Fichten. Wenige hundert Meter weiter ein ähnliches Bild, nur mit deutlich größeren Bäumen und ohne Schutzgatter. Hier wächst Mischwald auf Flächen, die die Orkane „Vivian“ und „Wiebke“ 1990 kahlgefegt hatten.

Klar ist: Das Rezept für die Zukunft liegt in der gesunden Mischung von Baumarten. Die Monokulturen hätten mit Blick auf den Klimawandel keine Zukunft, sagt Landesumweltminister Johannes Remmel (Grüne). Und die Experten im Wald geben ihm Recht.

„Wir führen keinen Feldzug gegen die Fichte“, sagt Landesbetriebschef Andreas Wiebe. Aber stabiler und auch gesünder werde der Wald, wenn man ihn mische. Je nach Standort seien Nadelbaummischungen denkbar. Fichte steht dann zusammen mit Weißtanne oder Douglasie. Andernorts könne man die Fichten mischen mit Buchen, Eichen und, ja, auch Birken.

Das Problem: „So einen Wald muss man gerade anfangs gut hegen und pflegen“, sagt Revierförster Bünger. Ohne Schutz fräße sich das Wild ungehemmt durch die jungen Bestände, zuerst Weißtanne, dann Buche oder Eiche.

Hans von der Golz, Leiter des Regionalforstamts

Das andere Problem: Viele Waldbauern wollen gar nicht in Laubbäume investieren und setzen weiter auf die Fichte, die mittlerweile wieder Spitzenpreise bringt. Für Hans von der Golz, Revierförster im Bezirk Oberes Sauerland, ist das durchaus verständlich. Er rechnet vor: „Wegen Kyrill haben die Waldbauern jetzt 40 Jahre lang keine Einnahmen mehr.“ Allein in seinem Bereich fehlten den Waldbauern so jedes Jahr vier Millionen Euro, was 160 Millionen Euro im gesamten Zeitraum mache. „Nicht wenige Waldbauern waren hier in ihrer Existenz bedroht“, sagt von der Golz. Der Revierförster hat daher auch Verständnis dafür, dass im Sauerland nicht wenige Waldbauern in ihrer Not auf die Karte Weihnachtsbäume setzten.

Nur haben es eben manche – und das beklagen Landesregierung und Umweltschützer – übertrieben, riesige Plantagen angelegt, eingezäunt und mit der chemischen Keule gespritzt.

Handlungsmöglichkeiten hat das Land da keine – fast drei Viertel des Waldes in NRW sind in Privatbesitz. Man könne nur beraten, gezielt fördern und so versuchen, Einfluss auf den Waldbau zu nehmen. Revierförster Bünger etwa ist Ansprechpartner für rund 150 private Waldbesitzer und bemerkt schon, dass „langsam ein Umdenken einsetzt. Da vollzieht sich ja auch gerade ein Generationswechsel“. Nach Kyrill sei durchaus das Bewusstsein dafür gewachsen, dass naturnahe Mischwälder ökologisch – aber eben auch wirtschaftlich sinnvoller seien. Ablesen lässt sich der Trend an der aktuellen Statistik, die das Land zum Kyrill-Jahrestag veröffentlicht hat. Demnach ist der Anteil der Laubbäume auf den Kyrill-Flächen von 7 Prozent vor dem Sturm auf derzeit 43 Prozent angestiegen. Der Wald der Zukunft wächst.

Kyrill: Zahlen und Fakten

Vom 17. bis 19. Januar 2007 fegte der Orkan „Kyrill“ über Europa. 47 Menschen starben, elf davon in Deutschland. In Großbritannien kamen 13 Menschen ums Leben. Am Aletschgletscher in der Schweiz wurde eine Spitzenwindgeschwindigkeit von 225 Stundenkilometern gemessen. Am Wendelstein in Bayern brachte es Kyrill immerhin auf 202 Stundenkilometer. Laut einer Aufstellung der NRW-Landesregierung summierte sich der Schaden in Deutschland auf 4,7 Milliarden Euro. Auch wenn der Orkan mit nur bis zu 144 Stundenkilometern (Flughafen Düsseldorf) über Nordrhein-Westfalen hinwegzog, richtete er hier doch deutschlandweit die größten Schäden an. Weil es vor dem Sturm lang anhaltend heftig geregnet hatte, wurden 25 Millionen Bäume umgeknickt oder entwurzelt. Vor allem im Sauer- und Siegerland hinterließ Kyrill kahle Berggipfel und zum Teil mehrere Hektar große Waldflächen, auf denen die Bäume wie Mikadostäbe übereinander lagen. Sechs Menschen verloren während des Sturms ihr Leben, 150 Menschen wurden verletzt. Acht Waldarbeiter kamen im Laufe des Jahres während der Aufräumarbeiten um. Die Schadenshöhe in NRW betrug laut Landesregierung 505 Millionen Euro (Infrastruktur) und 1,5 Milliarden Euro im Wald. Nach Kyrill fiel wegen des Überangebots an Holz der Fichtenpreis um rund 45 Prozent. Kyrill reiht sich ein in die Liste der Stürme, die mit zerstörerischer Kraft über Deutschland fegten. Beim Orkantief „Wiebke“ im März 1990 wurden 201 Stundenkilometer gemessen. „Lothar“ erreichte im Dezember 1999 sogar 259 Stundenkilometer. Im Oktober 2002 jagte „Jeanette“ mit bis zu 202 Stundenkilometern über das Land. Nach Kyrill sorgten noch „Emma“ im März 2008 mit Tempo 135 und „Xynthia“ im Februar 2010 mit Böen von bis zu 180 Stundenkilometern für Verwüstungen. Das jüngste Orkantief „Andrea“ war mit 106 Stundenkilometern in Nordrhein-Westfalen vergleichsweise zahm. Auch die Schäden hielten sich in Grenzen.

Kommentar: Langer Atem nötig

Die Schäden waren furchtbar, die der Orkan „Kyrill“ vor fünf Jahren in NRW hinterlassen hatte. Und so richtig konnte sich damals niemand vorstellen, wie sich die Region vom Kyrill-Schock erholen solle. Doch die Region hat sich erholt. Auf den verwüsteten Flächen sprießt längst wieder neues Leben, und die Waldbauern, die um ihre Existenz fürchten mussten, wirtschaften weiter. Ohne Zweifel ist das ein Verdienst der schwarz-gelben Vorgängerregierung im Land, die nach dem Schock entschlossen ein millionenschweres Sofortprogramm aufgelegt hatte. Existenzen konnten so gesichert, die Infrastruktur repariert, die Wälder geräumt und Lagerflächen geschaffen werden, damit der Holzpreis nicht ins Bodenlose sank. Verdienste, die auch die neue rot-grüne Landesregierung anerkennt. Nun aber ist es an der Zeit, genauso entschlossen die Chancen zu nutzen, die „Kyrill“ eröffnet hat. Das heißt in erster Linie, den Wald durch kluge Bewirtschaftung vielfältiger und damit härter für kommende Stürme zu machen. Mischwald statt anfälliger Monokultur heißt die – richtige – Parole von Rot-Grün, die offensichtlich auch immer häufiger von den anfangs zögerlichen Waldbesitzern umgesetzt wird. Sie haben ihre Lehre aus „Kyrill“ gezogen, die sich auf lange Sicht für sie auch ökonomisch auszahlen wird. Nachhaltiger auf jeden Fall als der schnelle Euro, den ihre Nachbarn aus vergifteten Weihnachtsbaumplantagen ziehen. Wer im Wald wirtschaftet, braucht einen langen Atem. Der schnelle Weg ist der Holzweg. - Holger Drechsel

Quelle: wa.de

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