Fotos zu Mick Jagger und Co. im Museum Folkwang

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Brust raus und mit Kussmund: So fotografierte Didi Zill den Rolling Stone Mick Jagger 1975, zu sehen in der Ausstellung „A Star Is Born“ im Essener Museum Folkwang. ▪

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN–Man kann gar nicht hinsehen. Schockrocker Marilyn Manson erscheint als fieser Schülerlotse und ist von niedlichen Mädchen umringt, die als Fans seine abwegigen Verkleidungen imitieren.

Schwarz, künstlich und durchgeknallt wirkt das alles. Fotografiert hat dieses Szenario David LaChapelle, der sich mit aufgemotzter Kulissenfotografie einen Namen gemacht hat. Das C-Print-Foto „Marilyn Manson, Crossing Guard“ (1997) wirkt wie ein vorläufiger Schlusspunkt in der Ausstellung „A Star Is Born. Fotografie und Rock seit Elvis“. Das Bild dokumentiert, wie der Tabubruch als Motiv der Rockmusik in einer Kunstwelt ironisch verpufft. Alles ist nur noch Dekor. Wie die Musik? Stylisch muss es auf jedenfalls sein, nicht mehr authentisch.

Die Ausstellung im Museum Folkwang in Essen zeigt von Freitag an die symbiotische Verbindung zwischen Rockmusik und Fotografie. Wer ein Foto von Chuck Berry sieht, hört seinen Temporhythmus. Wer den „Jailhouse Rock“ von Elvis Presley hört, hat ein Bild des „King of Rock ‘n‘ Roll“ vor Augen.

Die ersten Fotografien in der Essener Ausstellung erzählen noch von einer zufälligen Liaison. Wer das Bild von Elvis 1956 geschossen hat, weiß man nicht. Presley setzt zum Hüftschwung an, damals in Memphis. Ein Konzertfoto, ein Amateurbild. Vielleicht von einem Fotojournalisten. Ganz bei sich erscheint Elvis auch in der Fotoreihe von Alfred Wertheimer. Der Fotograf hatte den Auftrag von der Plattenfirma, und er zeigt den jungen Musiker in privaten Momenten, mit einem Plattenspieler, nach einem Auftritt. Wertheimer kannte Elvis Presley gar nicht. Musik wollte der Fotograf nicht vermitteln.

Darum sollte es aber fortan gehen. Das Phänomen Rockmusik scheint Bent Rej einzufangen, wenn er Chuck Berry bei einem Konzert 1965 in Kopenhagen aufnimmt: breitbeinig, ekstatisch ist der Musiker zu sehen, mit der Gitarre im Anschlag wie ein Schnellfeuergewehr. Fotografen wie Rej, die die großen der Rockstars ablichteten, konturierten die Szene mit ihren Fotografien. Annie Leibovitz lichtete auf der US-Tour der Rolling Stones 1975 eine Schublade mit zwei Dutzend Mikrophonen ab. Es ist das Werkzeug des Rocksängers auf der Bühne, so wichtig wie der Revolver für den Westernhelden im Kino. Von Leibovitz ist noch eine Fotografie Jaggers in Essen zu sehen, die ihn wie ein fremdes Wesen zeigt, das den Himmel beschwört. Ganz in Blau ist das Motiv getaucht. Und Leibovitz hält einen Moment fest, der das Rauschhafte in der Musik körperlich sichtbar macht. Auch die Fotografie von Didi Zill arbeitet diese Muster der Rockfotografie heraus. Und niemand scheint in diesem Zustand so häufig abgelichtet worden zu sein wie Mick Jagger.

Die Rebellion hat viele Gesichter. Die Ausstellung bietet rund 300 Bilder: Neben Fotografien sind Druckwerke zu sehen, Plattencover, Magazintitel, Zeitungen, PR-Fotos und Sammelbilder. Der „New York Rocker“ zeigt Patti Smith, Clash und die Talking Heads auf dem Titelblatt. Für moderne Mythen stehen die Musikmagazine, die ihre Helden erschaffen. Der Record Mirror schreibt: „Die Sex Pistols sind so zartfühlend wie eine abgesägte Schrotflinte.“ Was will man mehr?! Fotos zur Punkband bietet Bob Gruen, der „Sid Vicious. Covered in Blood“ 1978 beim Konzert in Dallas, Texas zeigt. Vicious‘ Oberkörper ist angeritzt, von blutigen Spuren gezeichnet.

Eine Geschichte der Rockmusik will Ute Eskildsen, Leiterin der Fotografischen Sammlung Folkwang, nicht abbilden. Auch Fotografenstars werden in Essen nicht hofiert. Der Ausstellung ist anzumerken, dass es ums fotografische Verfahren geht. Wie wird Rockmusik im Bild initiiert? Denn Stars werden gemacht, nicht geboren, ist die Aussage der Essener Ausstellung. Eskildsen hätte noch mehr auf Jim Rakete, Richard Avedon, Daniel Kramer oder Anton Corbijn setzten können. Ihre Bilder sind vertreten in der Schau, aber die stilgebenden Porträtisten werden nicht gefeiert, sondern als Zeitphänomen sachlich notiert. Manager und Plattenfirmen begannen schon in den 60er Jahren, das Produkt Rockmusik zu kontrollieren. Konzertfotos werden reglementiert – nur die ersten drei Stücke dürfen noch fotografiert werden. Und die Rechte verfallen schnell. Der Fotograf ist eine aussterbende Spezies im Rockgeschäft. Und ihre Bildarchive werden zunehmend von Agenturen verwaltet.

Neue Gruppen wie die Arctic Monkeys haben längst reagiert. Bevor ihnen die Musikindustrie ästhetische Vorschriften macht, gehen sie ins Netz und zeigen sich auf der Plattform YouTube. In Essen kann man ihre Musikclips anklicken. Gruppen wie das Indie-Rock-Duo White Stripes gehen einen anderen Weg. Sie entwerfen ein visuelles Konzept, das ihre Musik in der unübersichtlichen Szene für Medien erst interessant macht. Sie kombinieren Rot, Weiß, Schwarz. Einprägsam.

Wie wird Rockmusik dokumentiert? Auch daran ist in Essen gearbeitet worden. Kuratorin Christiane Kuhlmann hat vor allem von Fotografen und Agenturen die Bilder erhalten, um „A Star Is Born“ zu bestücken. In Museen sei kaum etwas archiviert, in einigen Galerien wenig, sagt Christiane Kuhlmann. Der Katalog der Essener Schau darf schon jetzt als Standardwerk für Rockfotografie gewertet werden. Und Musik ist in der Schau auch zu hören. Für die Videos der 80er Jahre werden Clips von Prince bewegt. Die Beatles erklingen. Und in einem Kabinettsraum werden kurze Konzertausschnitte hörbar – von Bob Dylan, Frank Zappa, The Who, Jimi Hendrix...

Die Schau

Die Rockstars, und wie wir sie zu sehen bekommen. Eine lustvolle Reise voller Erinnerungen und ästhetischer Einsichten.

A Star Is Born. Fotografie und Rock seit Elvis im Museum Folkwang in Essen.

Ab Freitag, 2. Juli, bis 10. Oktober. di-so 10 bis 18 Uhr, fr bis 22.30 Uhr; Katalog in der Edition Folkwang/Steidl 30 Euro.

Tel. 0201/ 8845 444

http://www.museum-folkwang.de

Für den Rundgang kann man sich Musik nach eigener Wahl auf den Audioguide spielen lassen und zuhören.

Quelle: wa.de

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