Dr. Tamara Jacubeit: Psychiaterin in Lüdenscheid

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Dr. Tamara Jacubeit, Leiterin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Lüdenscheid, hilft Flüchtlingskindern und ihren Familien. Sie sieht jeden Tag viel Leid.

Lüdenscheid - Dr. Tamara Jacubeit berichtet von ihrer Arbeit mit den Flüchtlingskindern. „Es ist unvorstellbar, was sie durchgemacht haben“, sagt sie.

Für Dr. Tamara Jacubeit, Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Hellersen,  steht fest: „Wir messen mit zweierlei Maß, wenn es um das Kindeswohl geht. Erleben deutsche Kinder Gewalt in der Familie, tritt das Jugendamt auf den Plan. Deutsche Kinder werden geschützt. Ihr Wohl und ihr Recht auf Unversehrtheit stehen außer Frage.

Für Flüchtlingskinder gilt dies offenbar nicht. Sie werden nicht geschützt. Es heißt doch, dass wir vor dem Gesetz alle gleich sind. Gilt das nur für uns Deutsche?“ Die Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Hellersen wird immer öfter mit dem Schicksal von Flüchtlingskindern konfrontiert, wenn diese als Patienten zu ihr kommen.

Die Lebensgeschichten, die diese Kinder zu berichten haben, lassen die Medizinerin alles andere als kalt: „Sie haben unglaubliche Dinge zu erzählen. Es ist unvorstellbar, was sie durchgemacht haben. Man kann sich diese Lebensgeschichten kaum anhören. Man kann soviel Leid kaum aushalten.“

"Besorgen Sie ihm einen Menschen, der seine Sprache spricht!"

Eingeprägt hat sich Tamara Jacubeit die Geschichte eines 16-jährigen Jungen, den sie in ihrer Klinik behandelte. „Er lebte ein Jahr lang allein, ohne Eltern und Familie, in einem Flüchtlingsheim im Sauerland.

Niemand, wirklich niemand in diesem Heim sprach seine Sprache. Er konnte ein Jahr lang mit niemandem sprechen. So etwas darf einfach nicht passieren. Das ist skandalös.“ Zu ihr wurde der Junge gebracht, weil die Gefahr eines Selbstmordes bestand. „Man hat mir gesagt: ‘Tun Sie etwas!’ Und ich habe gesagt: ‘Besorgen Sie ihm einen Menschen, der seine Sprache spricht!’“

Dieser Fall sei kein Einzelfall. Die Schicksale, die die Kinder und Jugendlichen mit sich tragen, seien schwerwiegend – und eine Behandlung sei für Ärzte und Therapeuten oftmals sehr schwierig.

„Kinder und Jugendliche aus Kriegsgebieten haben viel Gewalt gesehen oder sogar am eigenen Leib erfahren müssen. Sie sind, wenn sie zu uns kommen, schwerst traumatisiert. Da muss es uns doch nicht wirklich wundern, wenn diese Kinder und Jugendlichen hier in den Flüchtlingsheimen über Tische und Bänke gehen und sich vielen Hilfsangeboten komplett verweigern. Sie identifizieren sich nicht mit Deutschland – wie denn auch?“, erklärt Tamara Jacubeit.

Katastrophale Zustände in Asylantenheimen

Rückzugsorte für die Flüchtlinge gibt es kaum.

Auch der Besuch eines Auffanglagers in Köln hat die Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie nachhaltig beeindruckt. „Das Lager war in einer riesigen Turnhalle untergebracht. 150 Menschen, Familien mit Kind und Kegel lebten dort. Die Halle war nur mit vielen Vorhängen abgeteilt. Für zwei oder drei Nächte ist so eine Art der Unterbringung ja okay, aber das kann doch keine Dauereinrichtung sein.“ Mit den Auswirkungen dieser und der gesamten Fluchterfahrungen hat Tamara Jacubeit zu kämpfen, wenn sie ihre jungen Patienten behandelt.

„Die Kinder sind zuerst einmal traumatisiert. Allein das wäre ja schon schlimm genug. Aber dann kommen sie in ein fremdes Land und hängen in der Luft. Sie sind entwurzelt. Sie haben ihre Heimat verloren, ihre Sprache, ihre Freunde, ihr gesamtes soziales Umfeld. Sie können nicht in den Kindergarten oder in die Schule gehen, weil unsere Gesetzgebung dem einen Riegel vorschiebt. Und dann wundern wir uns, dass sie Probleme haben und mit auffälligem Verhalten reagieren? Mich wundert das nicht.“

„Jugendämter sind generell überfordert“

Während für verhaltensauffällige, traumatisierte oder gefährdete Kinder und Jugendliche ein Netz aus komplexen Hilfsmaßnahmen zur Verfügung stehe, sei die Lage für Flüchtlingskinder katastrophal. „Sie werden sich selbst überlassen. Und das kann und darf nicht so sein“, erklärt Tamara Jacubeit mit Nachdruck.

Die Jugendämter, so die Erfahrung der Medizinerin, seien, wenn sie mit Einzelfällen konfrontiert seien, sehr engagiert – aber generell überfordert. Die finanzielle Ausstattung der Ämter lasse viele Hilfsmaßnahmen einfach nicht zu.

„Da ist der Gesetzgeber gefragt“, sagt Tamara Jacubeit und fordert: schnellere Entscheidungen über das Bleiberecht, den Zugang zu Kindergärten und Schulen, eine kindgerechte und sichere Unterbringung der Familien, Kinder und Jugendlichen, verbindliche Standards für die pädagogische und psychiatrische Versorgung. „Wir dürfen bei allen Problemen, die die hohen Flüchtlingszahlen an unsere Gesellschaft stellen, die kindlichen Bedürfnisse, das Kindeswohl und den Schutz dieser kleinen Menschen nicht aus dem Auge verlieren. Das ist unsere verdammte Pflicht.“

Ein stabiles Umfeld zu schaffen, habe Priorität. Auch Flüchtlingskinder bräuchten einen festen Rahmen. Sie bräuchten gleichaltrige Bezugspersonen, mit denen sie spielen, reden und an denen sie sich reiben können.

Fürsorge für die gesamte Familie

Krieg, Elend und Angst: Flüchtlingskinder sind oft traumatisiert.

Und noch eines sei wichtig, betont Tamara Jacubeit: die Sorge um die Eltern der Kinder und Jugendlichen. „Wir wissen aufgrund von Studien, dass der Grad der Traumatisierung der Eltern sich direkt auf die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen auswirkt. Und: Je kleiner das Kind, desto wichtiger ist es, dass es den Eltern gutgeht. Dafür müssen wir Sorge tragen. Denn Kinder merken, wenn ihre Eltern leiden, wenn etwas sie bedrückt. Sie haben ganz feine Antennen.“

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie gelte die Aufmerksamkeit immer der gesamten Familie. „Das ist allerdings auch bei unseren deutschen Patienten so“, fügt die Klinikleiterin hinzu.

Eines ist Tamara Jacubeit bei ihrer therapeutischen Arbeit mit den Flüchtlingskindern in schmerzlicher Weise bewusst: „Wir sehen hier bei unserer Arbeit nur die Spitze des Eisbergs. Der eigentliche Bedarf an Hilfe ist um ein Vielfaches höher.“

Quelle: wa.de

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