Feuerräder mit Tempo 60 sollen Kulturerbe werden

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Ein brennendes fast 280 Kilogramm schweres Eichenrad rollt in Lügde (Kreis Lippe) bergab vorbei an Zuschauern in das Emmertal. Der Osterräderlaufsoll auf die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes.

LÜGDE - Rheinischer Karneval und die Tradition der Schützen - gibt es populärere Konkurrenten? Dieter Stumpe nimmt es sportlich. Der Sprecher des Dechenvereins Lügde ist glücklich, dass es die Tradition des Osterräderlaufs in die deutsche Endauswahl für die Unesco-Liste des Immateriellen Kulturerbes geschafft hat.

Dafür hat sich sein Verein im November 2013 beworben. Eine Jury hat für Nordrhein-Westfalen jetzt die Osterräder neben dem Karneval nominiert und die Bewerber an die nationale Kultusministerkonferenz weitergereicht. Für ganz Deutschland wird am Ende eine Expertenrunde höchstens zwei Bewerbungen für die internationale Unesco-Liste weitergeben. Darunter ist auch die Tradition der Schützen. Neben dem Karneval ein weiterer heißer Mitbewerber.

Seitdem die Landesregierung ihre Entscheidung bekannt gegeben hat, klingelt bei Stumpe das Telefon pausenlos. Die Jury lobte in ihrem Urteil das besondere Osterfeuerritual, bei dem seit vielen Generationen brennende Holzräder von Hügeln gerollt werden. "Die Lebendigkeit dieser Tradition drückt sich in einer breiten Beteiligung der Bevölkerung der Stadt aus", so die Begründung.

Den Rheinischen Karneval kennt jeder, bei dem Osterräderlauf ist der Bekanntheitsgrad deutlich geringer. Auch wenn Lügde im Kreis Lippe westlich der Weser und in Nachbarschaft zu Niedersachsen den Titel "Stadt der Osterräder" längst im Namen trägt. Einmal im Jahr sind viele der rund 10 000 Einwohner unterwegs, um das alte Ritual gemeinsam zu bestaunen. Als Vorläufer dieses Brauchtums gilt ein heidnisch-germanischer Sonnenkult. Im Jahr 784 war Karl der Große in Lügde. Er soll den Brauch zur Feier der Auferstehung Christi angeordnet haben - der Osterräderlauf war geboren.

"Die Nominierung durch das Land ist ein großer Etappensieg für uns", sagt der stellvertretende Bürgermeister Günter Loges. Er hofft, dass sich dadurch die Aufmerksamkeit für Lügde nochmals erhöht. Luft nach oben ist noch. Das Ritual an Ostersonntag um 21 Uhr kann noch mehr Zuschauer verkraften. In den vergangenen Jahren kamen im Schnitt 12 000 Zuschauer zum Berg. "In diesem Jahr rechne ich mit 15 000", sagt Stumpe.

Die sehen dann, wie sechs jeweils 400 Kilogramm schwere Holzräder brennend den Berg hinunterrollen. Am Ende werden sie rund 60 Stundenkilometer schnell. Aber nicht die Räder an sich brennen, sondern eingeflochtenes Roggenstroh. Das wird extra für diesen Zweck angebaut und gedroschen. Damit die Räder das Spektakel möglichst unbeschadet überstehen, werden sie zuvor in einem Fluss gewässert. Das größte Problem für den Dechenverein als Veranstalter ist dabei die Sicherheit. Das Gelände muss so eingezäunt werden, dass Zuschauer und rollende Fackeln garantiert keine Berührungspunkte haben.

Das älteste noch laufende Rad stammt aus dem Jahr 1972. Jedes trägt eine eigene Inschrift. "Bei besonderen Anlässen gibt es ein neue Rad mit einer neuen Gravur. 1954 haben wir dem Spruch 'Lauf für Deutschlands Einigkeit' an die Teilung erinnert und 1990 mit 'Deutschland einig Vaterland'", berichtet Stumpe. Aussortierte Räder werden weitergereicht. Eins steht im Berliner Völkerkundemuseum.

Quelle: wa.de

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