Das Festival Theater der Welt fokussiert auf Bergbau

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Die Bildwerke zur Heiligen Barbara in der Villa Rauen gehören zum Festival „Theater der Welt“. ▪

Von Anke Schwarze ▪ MÜLHEIM–Ausländische Künstler werfen ihren Blick auf das Erbe des Ruhrgebiets. Beim Theater der Welt in Mülheim an der Ruhr nähern sich der Schweizer Hans Peter Litscher und das belgische Künstler-Kollektiv „Berlin“ auf sehenswerte Weise der Geschichte des Bergbaus. Litscher inszeniert ein Kuriositätenkabinett zur heilige Barbara als Theater. Bart Baele und Yves Degryse inszenieren ein Theater um Industriebrachen als Filmkunstwerk.

Hans Peter Litscher führt seine Zuschauer durch die Villa Rauen. Eine Wand im Wohnzimmer ist lückenlos behängt mit Bildern der heiligen Barbara, dazwischen Fotos der Schauspielerin Barbara Stanwyck und des Pin-Up-Girls Barbara Eden. Vom Band hören die Zuschauer eine Männerstimme auf Englisch schreien. „Das ist die Black Box von Flug 518, der über den Anden abstürzte“, erzählt Litscher düster. Mit an Bord: Ernst Adolf Steiger, Bergarbeitersohn und Versicherungsstatistiker, Begründer des Barbariums, einer Sammlung rund um die Schutzheilige der Bergleute. Auf dem Band sei kurz Steigers Stimme zu hören: „Bete für uns, Santa Barbara.“

Litschers Erklärungen sind so kurios wie die Sammlung. In einem anderen Raum bilden ein Klavier, ein ausgestopftes Pferd und ein Schaufensterpuppen-Messdiener ein Gruppenbild. Diesmal klingt atonale Musik vom Band, dazwischen eine helle Stimme und Pferdewiehern. „Steigers Lebenswerk, eine Komposition mit Solo für Knabensopran und Grubenpony“, sagt Litscher. Einige Zuschauer grinsen. Litscher hält ihrem Blick stand. Kein Zwinkern seiner dunklen Augen verrät ihn. Auch im Gespräch lässt er sich nicht darauf ein, Wahrheit und Erfindung zu trennen. „Es ist auch kein Mensch nur Mann oder Frau. Wir haben immer etwas von beidem“, sagt der Mann mit dem geflochtenem grauen Zopf.

Er führt seine Zuschauer die Treppe hinauf. Vom Dachgeschoss schwebt ein großes Stofftier-Pony herab, eingeschnürt in Gurte. Litscher streichelt es. „Ernst Adolfs Lieblingsgrubenpony“, sagt er und fügt hinzu: „Die Grubenponys wurden nur einmal in die Bergwerke gelassen.“ Dann blieben die Tiere unter Tage und starben dort. Wie, das zeigt an der Wand das Foto eines ertrunkenen Grubenponys. Daneben hängt ein zerfetztes Drahtseil, geborsten nach einer Kohlenstaubexplosion. Spuren der Geschichte einer Region. So etwas dürfen die Zuschauer glauben.

Bart Baele und Yves Degryse vom Kollektiv „Berlin“ bauten ihre Inszenierung auf eine wahre Begebenheit. Sie hörten, dass ein Scheich in die Designstadt auf Zollverein investieren wollte. Die belgischen Medienkünstler führten Interviews mit Männern aus der Region, darunter dem Architekten der Designstadt und dem Planungsdezernent der Stadt Essen. Sie fragten nach Zukunftsvisionen, aber auch nach Lebenswahrheiten wie „Haben Sie Humor, wenn Sie allein sind?“ Die Antworten schnitten die Künstler zu einer fiktiven Konferenz zusammen. Im Mülheimer Ringlokschuppen stellen sie, frontal zum Publikum, sieben hohe Lehnstühle um einen ovalen Konferenztisch. Statt Schauspielern „sitzen“ vertikale Flachbildschirme auf den Stühlen. Darauf projizieren Baele und Degryse ihre Interviewpartner und stellen ihre einzelnen Antworten zum Dialog zusammen. Für sich genommen bekommen unproblematische Aussagen in der Gegenüberstellung ein anderes Gewicht. In einer globalisierten Welt wird die Diskussion von einigen Teilnehmern auf Englisch geführt. Einer der Männer versteht eine deutsche Frage nicht, antwortet aber spontan auf Deutsch, als die Frage auf Englisch wiederholt wird. Zwischen den Gesprächsrunden blenden die Künstler Panoramafotos von Zollverein ein. Darüber malen sie Skizzen von den Visionen der Männer, von unterirdischen Hotels bis zu Kuppelbauten mit Palmen. Dabei führen Baele und Degryse ihre Protagonisten nicht vor. Sie lassen sie für sich selbst sprechen, mit Sätzen wie: „Wir sind ein gutes Stück weiter, weil wir mit allen verhandelt haben, bis auf die Verantwortlichen, die am Ende entscheiden.“

Aufführungen

„Barbara – Rabarbara“. Hans Peter Litscher kombiniert Wahrheit und Erfindung zu einer unterhaltsamen Ausstellungs-Inszenierung. Villa Rauen

5., 6., 7., 8., 10., 11. Juli

„Tagfish“. Bart Baele und Yves Degryse kombinieren reale Personen zu einer fiktiven Diskussion über die Zukunft des Ruhrgebiets. Ringlokschuppen

5., 6. Oktober in Leuven (Belgien). http://www.theaterderwelt.de

Tel. 0201/812 22 00

Quelle: wa.de

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