Experte zur Jugendkriminalität: "Einsperren hilft nicht"

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Was tun mit gewalttätigen Jugendlichen?

KÖLN - Wenn Jugendliche an U-Bahnhöfen auf Fremde einprügeln, chronisch rauben und randalieren, stehen Justiz und Gesellschaft bisweilen ratlos da. Immer öfter fordern Bürger und Politiker härtere und schnellere Strafen für Heranwachsende.

Warum ein Knast-Aufenthalt Jugendliche aber selten vor Rückfällen bewahrt und wieso diese selbst oft früher oder später ihren kriminellen Machenschaften ein Ende setzen, erklärt der Kriminologe Frank Neubacher im Gespräch mit Julia Wäschenbach. Neubacher ist Direktor des Instituts für Kriminologie der Uni Köln.

Prof. Neubacher, macht es Sinn, Jugendliche schon früher härter zu bestrafen?

Neubacher: Wenn es nur darum ginge, staatlicherseits zurückzuschlagen, Härte zu demonstrieren, müsste man die Frage bejahen. Aber das deutsche Jugendstrafrecht ist nicht auf Vergeltung aus. Es gilt der Erziehungsgedanke, das heißt, es ist die Maßnahme zu wählen, die am ehesten verspricht, dass der Täter künftig keine Straftat mehr begeht. Das ist bei Jugendstrafen und dem Jugendarrest in der Regel nicht der Fall. Beide Sanktionen haben die höchsten Rückfallquoten. Bloßes Einsperren hilft nicht.

Was kann man sonst tun?

Neubacher: Ein Anti-Gewalttraining oder ein sozialer Trainingskurs können unter Umständen viel mehr bewirken als ein Jugendarrest. Es hilft nichts, einen verstockten Jugendlichen in den Arrest zu setzen. Man muss versuchen, ihn an einer Stelle zu packen, wo man ihm auf andere Art Sachen klarmachen kann. Es gibt den Trend, dass sich die Polizei verstärkt Intensivtätern zuwendet, Täter-Dateien führt. Wir sollten Jugendkriminalität aber nicht allein als sicherheitspolitisches Problem wahrnehmen, es ist auch ein jugendpolitisches Problem. Aktivitäten der Jugendhilfe sollten nicht durch polizeiliches Sicherheitsmanagement ersetzt werden.

Was ist das Schwierige dabei, Jugendkriminalität zu bestrafen beziehungsweise zu verhindern? Neubacher: Das Problem besteht darin, dass es so schwierig ist, vorherzusagen, wie sich jemand mit und ohne Sanktion entwickeln wird. Öffentlichkeit und Justiz überschätzen oft den Einfluss, den die Sanktion auf das weitere Leben des Jugendlichen hat. Viel wichtiger ist dessen Umfeld. 

Inwiefern?

Neubacher: Aus der Forschung wissen wir, dass es keine festgelegten Bahnen gibt, keine Regel: Wer schon im Kindesalter auffällig wird, bei dem ist die Karriere festgelegt. Auch bei einem Wiederholungstäter können eine neue Freundin oder ein Umzug bewirken, dass der Täter sich eines Besseren besinnt, weil er eine neue Chance sieht, die er nicht gefährden will. Die meisten Intensivtäter fallen früher oder später aus ihrer kriminellen Laufbahn heraus. Wir tun aber so, als müssten wir sie frühzeitig unschädlich machen, weil sie uns sonst bis an ihr Lebensende Kummer machen. Mit dieser Logik hat man das Verhalten der jungen Leute nicht hinreichend verstanden.

Heute treffen sich Experten in Münster zum 2. NRW-Jugendgerichtstag. Er steht unter dem Motto: „Aufbruch ins Ungenannte – Wohin steuert die Jugendkriminalpolitik in NRW?“ Veranstalter sind die Regionalgruppen Nordrhein und Westfalen-Lippe der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen (DVJJ). Hauptreferent ist Professor Frank Neubacher, zu Gast ist auch NRW-Justizminister Thomas Kutschaty (SPD). - dpa

Quelle: wa.de

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