Erneut Ausbruch in Bochum: Justizminister unter Druck

DÜSSELDORF▪ Bei dem entflohenen Häftling aus dem Bochumer Gefängnis handelt es sich offenbar doch um einen gefährlichen Schwerverbrecher. Gegen den 47-Jährigen wird in Polen wegen eines Tötungsdelikts und Brandstiftung ermittelt. Ermöglicht wurde die Flucht durch Baumängel im Gefängnis.

Von Detlef Burrichter

Die Polizei stuft den 47-Jährigen als „potentiell gewalttätig“ ein. Von seiner Gefährlichkeit erfuhr die Öffentlichkeit aber erst gestern Nachmittag. Noch am Morgen hatte der Leiter der JVA Bochum, Friedhelm Ritter von Meißner, im WDR-Hörfunk erklärt: „Das ist kein Gefährlicher, das ist ein eher Kleinkrimineller.“ Der Mann habe hochwertige Drogerieartikel gestohlen und zu Geld gemacht.

Doch der Häftling Krzysztof Jeszke wird in Polen per Haftbefehl wegen eines Tötungsdelikts und Brandstiftung gesucht. Dass die Gefängnisleitung in Bochum darüber nicht informiert war, obwohl der Mann seit dem 7. Dezember 2010 dort einsaß, sei unerklärlich, sagte Ministeriumssprecher Peter Marchlewski unserer Zeitung. Der Generalstaatsanwaltschaft in Hamm habe der europäische Haftbefehl vorgelegen. Der Vorwurf eines Kapitalverbrechens sei selbstverständlich derart gravierend, dass das „zentral sicherheitsrelevant“ für die Einordnung des Häftlings gewesen wäre.

Doch nicht minder peinlich ist, dass es der Flüchtige offenbar nicht sonderlich schwer hatte, in Freiheit zu kommen. Der 47-Jährige war zum Putzen des Besucherkontrollbereiches eingeteilt. In diesem Raum konnte er ein 45 Kilogramm schweres Oberlicht aus Panzerglas einfach aufstemmen. Das teure Spezialglas war 1984 nicht fachgerecht eingebaut worden. „Das ist offensichtlicher Baupfusch“, sagte Marchlewski. Die Panzerglasscheibe sei lediglich mit vier Aluprofilleisten befestigt gewesen. Diese Leisten aber seien nur zur Abdeckung der eigentlichen Befestigung vorgesehen gewesen. Doch die Verankerungen der Scheibe in der Decke fehlten komplett. Da sich in unmittelbarer Nähe sieben weitere Panzerglasscheiben befänden, müssten auch die nun überprüft werden. Darüber hinaus würden nunmehr sämtliche Panzerglasscheiben in allen NRW-Gefängnissen einer peniblen Überprüfung unterzogen, so Marchlewski.

Der entflohene Jeszke sollte in wenigen Tagen nach Polen ausgeliefert werden, wo er noch dreieinhalb Jahre aus einer früheren Haftstrafe abzusitzen hat. Außerdem soll er sich dort einem neuen Gerichtsverfahren wegen Brandstiftung mit Todesfolge stellen. Auch in Polen war der Mann getürmt – dort aber während eines Freiganges. Nach seiner Flucht zog er nach Deutschland in den Raum Recklinghausen und bestritt seinen Lebensunterhalt durch gewerbsmäßige Diebstähle hochwertiger Drogerieartikel. Hierfür bekam er zwei Jahre und sechs Monate Haft, wovon er gut die Hälfte abgesessen hatte.

NRW-Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) gerät durch den erneuten Ausbruch eines Häftlings aus der Bochumer JVA unter Druck. Er habe angeordnet, dass die internen Abläufe und die Sicherheitseinrichtungen der JVA Bochum sowie die Umstände der Flucht von Sicherheitsexperten „genauestens untersucht werden“.

Die Opposition im Landtag reagierte verärgert. Es sei kaum glaubhaft, dass der Leiter der JVA Bochum die Täterprofile seiner Häftlinge nicht kenne, sagte CDU-Rechtsexperte Peter Biesenbach. „Über 24 Stunden lang lässt man die Öffentlichkeit über die Gefährlichkeit des Mannes im Ungewissen. Das ist ein Skandal.“ Minister Kutschaty habe „massiv versagt“.

FDP-Rechtsexperte Robert Orth sprach von „unhaltbaren Zuständen“ in der JVA Bochum. Erst vor zwei Wochen hatte die JVA in der Bochumer Innenstadt für Schlagzeilen gesorgt, weil dort ein gefährlicher Schwerverbrecher sein Zellengitter durchgesägt hatte. Obwohl Anzeichen für einen Fluchtversuch vorgelegen hätten, verfügte der Mann über Handy, Sägeblätter und einen Nachschlüssel für das Hafthaus, so Orth. Der Mann war damals aber nur bis auf den Dachboden gekommen, wo er erst nach einigen Stunden entdeckt worden war. Vor einem Jahr war dagegen ein Untersuchungshäftling mit zwei waghalsigen Sprüngen erfolgreich getürmt. Er ist bis heute nicht wieder aufgetaucht.

Quelle: wa.de

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