Elektrisiert und erwartungsfroh: Piraten vor der NRW-Wahl

DÜSSELDORF - Im Wahlkampf-Endspurt in NRW schwanken die Piraten zwischen Erschöpfung und Euphorie. Und hören sich auf der Straße und bei Stammtischen den Frust der Protestwähler an.

Von Julia Wäschenbach

Düsseldorf (dpa) - Die Wahlkampf-Aktion der nordrhein-westfälischen Piraten auf dem Rhein lässt sich stotternd an. Der Motor des schmalen schwarzen Schlauchboots will am Düsseldorfer Ufer nicht anspringen. Am Heck des Boots weht eine orangene Flagge mit Piraten-Emblem. An Bug sitzen die Spitzen-Piraten Joachim Paul, Lukas Lamla und Marc "Grumpy" Olejak und lachen schon mal in die Kameras.

Bis zum großen Showdown im Düsseldorfer Landtag bleiben nur noch wenige Tage. Die NRW-Piraten sind elektrisiert, erschöpft, erwartungsfroh. In Umfragen liegen sie um die 8 Prozent. Als das Schlauchboot doch noch gemütlich lostuckert, bringt der leicht hektische Kapitän mit Piratenkopftuch für die Medienvertreter das Landtagsgebäude hinter den Spitzenpiraten ins Bild.

Was die Menschen in Nordrhein-Westfalen an den Piraten fasziniert, ist auch die Hoffnung darauf, dass die Partei alles anders machen wird als die Etablierten: "Was ich einfach geil finde ist: Da oben muss mal gerüttelt werden", sagt Thomas aus der nahen Kleinstadt Erkrath, ein rundlicher Mittvierziger, der mit Rad und Trekking-Rucksack spontan an dem Infostand der Piraten in der Düsseldorfer Altstadt stoppt. Überzeugt werden muss er nicht mehr. "Ich wähl' die Piraten am Wochenende."

Der Arbeitslose will sich nur seinen ganzen Frust von der Seele reden. Über die SPD, die Linke und darüber, dass sich Arbeit nicht mehr lohnt. Bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein am vergangenen Sonntag machten Arbeitslose laut Infratest-dimap 16 Prozent der Piraten-Wähler aus. Die zweitgrößte Wählergruppe waren Arbeiter.

"In vielen Fällen ist es so, dass wir gar nicht dazu kommen, irgendetwas zu präsentieren, weil uns die Leute ihre Sorgen erzählen", sagt der 54 Jahre alte NRW-Spitzenkandidat Joachim Paul. "Wahlkampf heißt bei Piraten: zuhören." Auch und vor allem denen, die mit der "klassischen Schnauze-voll-Haltung" vorbeikommen, wie Paul es nennt. Aber es seien nicht nur solche Leute, die Piraten wählten, betont er - sondern auch die, "die uns schon näher kennen". Die Kernklientel ist männlich, vergleichsweise jung, im Internet unterwegs.

Paul hat gerade seine ersten Fernsehauftritte hinter sich, etwa die "Wahlarena" im WDR mit den anderen fünf Spitzenkandidaten der NRW-Parteien. Viele Akzente hat er dort nicht gesetzt. "Ich hatte ungefähr bis zur Hälfte der Sendung Lampenfieber bis Oberkante Unterlippe, also Endorphine hoch zehn", sagt er später, als er in einer Bar in der Nähe des Düsseldorfer Hauptbahnhofs sitzt und einen Cappucino trinkt, die Beine übereinandergeschlagen. Zwischen CDU-Spitzenmann Norbert Röttgen und Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) habe er sich "noch nicht so ganz getraut", laut mitzumischen. "Der große Fernsehrummel, das will auch geübt sein."

Nach dem TV-Duell wird Paul bei Twitter von seinen Piraten gefeiert. "Ich bin grad so mega fett stolz", zwitschert eine Piratin. Die Medien dagegen halten vor allem fest, dass der "gemütlich-strubbelige" Oberpirat auf viele Fragen noch keine Antwort hatte. "Dafür haben wir viele gute Fragen", hatte Paul in den vergangenen Wochen immer wieder betont.

Der Wahlkampf der Piraten will anders sein: kreativer, direkter, transparenter. Aber im Internet spielen längst auch die Etablierten mit. Kurz vor der Wahl sind die Grünen - nicht zum ersten Mal - drei Tage und Nächte wach, lassen sich in einem Studio von Bürgern löchern und übertragen das per Livestream im Netz.

Das piratige Pendant ist ein gläsernes Mobil, das seit Sonntag bis zur Wahl 24 Stunden am Tag in Düsseldorf zwischen Altstadt und Rhein steht und auch live im Internet sendet. Es zuckelte schon im Bundestagswahlkampf 2009 durch Deutschland.

Vor dem Wagen, in dem sich einige Piraten auf einem Sofa und Sessel lümmeln, sitzt Marc Olejak, Listenplatz 3 in NRW, im Schneidersitz, den Laptop auf dem Schoß. "Im Internet findet man immer irgendeinen Piraten, der eine Frage beantworten kann", sagt der 41-Jährige mit zotteligen roten Haaren und Dreitagebart. Aber dass die Piraten sich mal "im echten Leben" bewegen und auf der Straße mit Menschen ins Gespräch kommen - "das ist schon eine interessante Sache". - lnw

Quelle: wa.de

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