Einmal im Monat trifft sich der Ossi-Stammtisch

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Der Ossi-Stammtisch in Hamm. ▪

HAMM ▪ Stammtisch. Das klingt für mich nach Spießigkeit und Vereinsmeierei. Entsprechend unschlüssig stehe ich daher vor dieser Gaststätte im Hammer Osten, in die mich Cynthia eingeladen hat. Hier trifft sich einmal im Monat der „Ossi-Stammtisch“. „Ossi-Stammtisch“..., ja, wonach klingt denn das? Nach Ostalgieklub? Jammertal? Wagenburg? Wer geht da hin? Und warum? „Komm“, hatte Cynthia gesagt, „komm einfach mal vorbei und schau es Dir an.“

Erst einmal aber werde ich angeschaut. Klar, ich bin neu hier. Und ich bin hier, um über den Stammtisch zu schreiben. So was kann schon mal für Verspannungen sorgen. Und Cynthia, die mich wenigstens vom Telefon kennt, ist noch nicht da. Das Eis aber, wenn es überhaupt eines gab, ist schnell gebrochen, nachdem ich mich vorgestellt habe. „Ach, aus Thüringen kommst Du? Schön. Setz Dich. Wir duzen uns hier alle.“ Sagt der Peter. Und so setzt sich der zaudernde Ossi zu den fröhlichen Ossis. An den Ossi-Stammtisch. Direkt neben Stefan.

Stefan (34) ist aus Münster gekommen. Eigentlich stammt er aus Jena. Hat wegen der Arbeit rübergemacht. Der Versicherungsvertreter, Jüngster der Runde heute, hat vor einem Jahr gemeinsam mit Versicherungsvertreterin Cynthia (39) aus Hamm (früher Zschornewitz bei Bitterfeld) diesen Stammtisch gegründet. „Aus einer Partylaune heraus“, sagt Stefan. Aber auch, weil er gemerkt hatte, dass es in Westfalen nicht so leicht ist, Leute kennenzulernen, „wenn man nicht gerade im Schützenverein ist oder so – hier sind alles geschlossene Kreise. Da kommt man schwer rein.“ Also schaltete er eine Anzeige – und prompt kamen 45 Leute zum ersten Stammtisch. Und viele kamen wieder, Monat für Monat. Mal 20, mal 50 Ossis, aus Lippstadt, Menden, Dortmund, aus ganz Westfalen. Und warum kamen sie? „Zuerst aus purer Neugier“, erzählt Gabriele (44), Vertriebsmitarbeiterin aus Ahlen. Auch sie, die aus Schkopau stammt, brauchte lange, um in Westfalen anzukommen: „Ich lebe jetzt 19 Jahre hier und brauchte zehn Jahre, um mich hier zu Hause zu fühlen.“

Andere waren schneller verwurzelt. Andrea (49), Bürokauffrau aus Halle/Saale, hat „nur gute Erfahrungen in Hamm gemacht. Ich wurde hier mit offenen Armen empfangen.“ Für sie ist der Stammtisch schon fast so etwas wie Familientreffen. Ein Ort zum Klönen, zum Lachen, zum sich heimisch fühlen. Und darüber hinaus eine Basis für gemeinsame Unternehmungen. Für Kanutouren auf der Lippe. Für die Reise nach Köln. Für den Weihnachtsmarktbesuch.

Gemeinsame Wurzeln verbinden eben. Und „gemeinsame Mentalität“, wie es Peter (49), über viele Umwege in Hamm gelandeter Dreher aus Berlin, betont: „Wir Ossis gehen einfach offen aufeinander zu. Wir haben nicht diese Hastewas-Bistewas-Einstellung“, sagt er. „Ossis und Wessis sind einfach oft zwei verschiedene Welten.“

Immer noch? Nach 20 Jahren Einheit? Cynthia, mittlerweile zur Runde gestoßen, nickt entschieden. „Man sollte nicht so tun, als gebe es keine Unterschiede zwischen Ost und West.“ Sie vergleicht die Lage in Deutschland gerne mit der in Italien. „Dort hat man auch die Nord- und Süditaliener. Da heißt es: arrogante Städter. Dort heißt es: dumme Bauern. Seit 100 Jahren. Und auch noch in 100 Jahren. Und bei uns wird sich in 100 Jahren auch nichts ändern“, sagt sie. Nicht militant, sondern ganz entspannt. Und schiebt nach: „Warum auch? Warum akzeptiert man die Unterschiede nicht einfach? Bei den Bayern akzeptiert man doch auch, dass sie anders sind.“ Und dass Unterschiede keine unüberwindbare Mauer begründen, beweist sie selber. Cynthias Mann Jörg, auch mit am Tisch, ist schließlich Westfale. Lupenreiner Wessi.

Und auch Wessi Jörg fühlt sich wohl am Ossi-Tisch. Klar, warum auch nicht? Hier, in dieser Runde, will niemand die DDR glorifizieren, die Zeit zurückdrehen. Andrea, die schon kurz vor der Wende über Ungarn floh, bringt es auf den Punkt: „Die DDR will hier keiner zurück.“ Nein, der Ossi-Stammtisch ist kein Ort der Verbittert-Gestrigen. Eher ein Ort für Menschen, die „ihre Heimat, ihre Wurzeln nicht verleugnen wollen“, wie Peter es sagt. Die sich aber ärgern über die Vorurteile, auf die sie, Ossis im Westen, auch heute noch stoßen. Stefan: „Ich höre immer wieder, dass der Osten mit Gold saniert würde. Viele Leute hier haben einfach keine Ahnung, wovon sie reden. Sie interessieren sich nicht wirklich für den Osten.“ Cynthia nickt und ergänzt: „Wäre schön, wenn auch mehr Wessis zu unserem Stammtisch kämen. Damit sie sehen, wie wir wirklich sind.“

Holger Drechsel

Der „Ossi-Stammtisch“ trifft sich wieder am 5. Oktober, 19 Uhr, im „Haus Prünte“ in Hamm.

http://www.ossi-stammtisch-hamm.de

Quelle: wa.de

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