Interview mit Claudia Luzar über die rechte Szene

Claudia Luzar ist die wissenschaftliche Leiterin der Beratungsstelle „Back up“.

HAMM - Seit November 2011 gibt es in Dortmund eine Beratungsstelle von Opfern rechtsextremer Gewalt. Claudia Luzar ist wissenschaftliche Leiterin von „Back up“ und kennt sich in der rechten Szene bestens aus.

Die 37-jährige Politikwissenschaftlerin kommt aus Hamm und promoviert derzeit an der Uni Bielefeld. Mit Sandra Oelschläger sprach sie über rechtsextreme Kameradschaften, die massive Zunahme rechter Gewalt und mögliche Folgen des Verbots.

NRW-Innenminister Ralf Jäger spricht von „großen Löchern“, die durch Verbote und Razzien in das „Netzwerk der Neonazis“ gerissen wurden. Sehen Sie das auch so?

Claudia Luzar: Zunächst einmal sind die Verbote ein Signal gegen die rechtsextreme Gewalt. Denn die drei Vereinigungen sind aus unserer Sicht für den massiven Gewalt-Zuwachs mitverantwortlich. Viele der Menschen, die zu uns kommen, sind Opfer von Anhängern eben jener Vereinigungen. Mit dem Verbot und den Razzien setzt die Landesregierung in meinen Augen ein konsequentes Zeichen gegen rechtsextreme Gewalt – und geht damit den gleichen Weg wie die Länder Brandenburg und Sachsen. Dort hat das Verbot ähnlicher Gruppen zu einem Rückgang rechtsextremer Gewalt geführt.

Aber werden die Verbote auch einen nachhaltigen Erfolg haben oder suchen sich die Anhänger der Kameradschaften einfach nur neue Gruppierungen?

Luzar: Das ist sehr schwer abzusehen. Auf die Führungsköpfe wird das Verbot einschüchternd wirken. Ob einzelne Kameradschafts-Mitglieder der rechten Szene nun aber komplett den Rücken kehren werden, ist zumindest fraglich. Der erste Gradmesser dürfte der Anti-Kriegstag am 1. September, Samstag, sein. Für diesen Tag haben die Nazis in Dortmund eine Demonstration angemeldet. Ob das Verbot etwas bewirkt, wird sich dort als erstes zeigen. Ob sich langfristig jedoch etwas ändert, werden wir in der Beratungsstelle merken – an einem eventuellen Rückgang der Opferzahlen.

Kocht jede Kameradschaft ihr eigenes Süppchen oder hatten die Vereine Berührungspunkte?

Luzar: Die rechte Szene ist sehr gut miteinander vernetzt. Die Kameradschaft aus Hamm etwa pflegt ganz enge Verbindungen nach Dortmund, Unna, Schwerte und Bochum. Wie gut das Netzwerk der Rechten funktioniert, hat sich gestern sehr schnell gezeigt. Die Leipziger Neonazis haben auf ihren Internetseiten die Kommunikation für die Kollegen aus Hamm und Dortmund übernommen, und bei den Autonomen Nationalisten wurden Wahlplakate für den NPD-Kommunalwahlkampf in Dortmund gefunden. In der Politik spielen Stadtgrenzen noch immer eine Rolle – bei den Neonazis nicht.

Wie sind solche Kameradschaften aufgebaut?

Luzar: Die Dortmunder Gruppe hatte etwa 60 Leute, zur Hammer Kameradschaft zählten etwa 25 Personen. Man kann sich rechtsradikale Gruppierungen mithilfe eines Kreismodells vorstellen. Im Inneren Kreis gibt es die tonangebenden Köpfe, in dem äußeren eine größere Gefolgschaft. Hinzu kommen Gleichgesinnte aus den Subkulturen, wie etwa Musik und Fußball. Auffallend ist, dass bei vielen neuen Mitgliedern Familienbeziehungen eine große Rolle spielen, entweder in der Abgrenzung zum Elternhaus oder in der Übernahme der Werte. Rechtsextremisten sind auf der Suche nach einem Idol, einem Vorbild, dem sie vertrauen können, und sie glauben, dieses in der Neonazi-Szene finden zu können. Doch das Gegenteil ist der Fall: Hass, Gewalt und Misstrauen prägen das Leben in den Kameradschaften.

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Quelle: wa.de

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