Ehrenmord-Prozess

Vater der ermordeten Arzu Ö. muss ins Gefängnis

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Der Vater der von ihren Geschwistern getöteten Kurdin Arzu Ö., Fendi Ö. (Mitte), sitzt im Verhandlungssaal im Landgericht in Detmold zwischen seinem Anwalt Torsten Giesecke (rechts) und einem Dolmetscher.

[UPDATE 17.30 Uhr] DETMOLD - Er hat seine Tochter geschlagen, bedroht und seine erwachsenen Kinder nicht davon abgehalten, die 18-Jährige im Namen der Ehre zu töten: Das Landgericht Detmold hat den Vater der ermordeten Arzu Ö. jetzt wegen Beihilfe zum Mord verurteilt.

Der Vater der von ihren Geschwistern in Namen der Ehre getöteten Arzu Ö. aus Detmold muss wegen Beihilfe zum Mord ins Gefängnis. Das Landgericht verurteilte den 53-Jährigen am Montag in einem Indizienprozess zu sechseinhalb Jahren Haft wegen Beihilfe, Freiheitsberaubung und Körperverletzung. Bereits im Mai vergangenen Jahres waren seine fünf erwachsenen Kinder zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Die Familie wollte die Beziehung der 18-Jährigen zu einem nicht-jesidischen Deutschen nicht dulden.

Der Vater habe nichts getan, um seine Kinder von dem Mord abzuhalten, sagte Richter Michael Reineke in seiner Urteilsbegründung. "Ein einfaches "Das dürft ihr nicht" hätte das Leben von Arzu gerettet." Die Staatsanwaltschaft hatte acht Jahre und neun Monate Haft gefordert. Der Vater hatte jede Beteiligung an dem Mord vor 15 Monaten abgestritten. Die Verteidigung kündigte Revision an.

Die ursprünglich vorgeworfene Anstiftung zum Mord sei nicht bewiesen, sagte Reineke. "Der Rest ist aber schlimm genug." Der Vater habe seine eigene Tochter verprügelt, ihr unter Drohungen Hausarrest verordnet und nichts getan, um seine fünf erwachsenen Kinder zu stoppen.

Fendi Ö. war bis zur Urteilsverkündung auf freiem Fuß. Er wurde noch im Gerichtssaal verhaftet. Reineke kündigte außerdem an, dass sich Arzus Mutter demnächst wegen Körperverletzung ebenfalls vor Gericht verantworten müsse. Das Urteil nahm der Vater der aus der Ost-Türkei stammenden jesidischen Familie ohne jede sichtbare Regung auf. Im Haftraum habe er aber einen Schwächeanfall erlitten, sagte sein Verteidiger.

Arzu hatte sich 2011 in den Bäckergesellen Alex verliebt. Die heimliche Liebe flog aber auf, als der Freund ihr rote Rosen schickte. Der Vater und ein Sohn verprügelten Arzu vor der versammelten Familie. Sie floh, zeigte ihre Verwandten an und suchte Schutz im Frauenhaus. Mehrmals betonte sie, dass sie sterben müsse, wenn sie zur Familie zurückkehren würde.

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In der Nacht zum 1. November 2011 besuchte sie Alex und wurde von den Geschwistern entdeckt. Die fünf entführten sie und wurden bald danach festgenommen. Arzus Leiche wurde Mitte Januar 2012 an einem Golfplatz in Schleswig-Holstein gefunden. Die junge Frau war mit zwei Kopfschüssen getötet worden. In ihrem Prozess räumten die Geschwister die Tat weitgehend ein. Die Tötung sei aber nicht geplant gewesen.

Die Anklage hatte dem Vater vorgeworfen, mit der Strafaktion habe er die Ehre der Familie retten wollen. Es sei unvorstellbar, dass Arzu gegen seinen Willen getötet worden sei, sagte Staatsanwalt Christopher Imig.

Auch das Gericht hatte an der Rolle des Angeklagten als unumschränktem Oberhaupt der Familie keinen Zweifel. Dies sei die kurdisch-jesidische Tradition. Man wisse zwar nicht, was in der Tatnacht genau am Telefon zwischen den Kindern und Fendi besprochen wurde. Sicher sei aber, dass er nicht gesagt habe: "Ihr dürft ihr nichts antun!", sagte Richter Reineke. Genau das habe er am zweiten Verhandlungstag den Angeklagten gefragt. Der habe aber geschwiegen.

Die Verteidigung hatte dagegen betont, für eine Beteiligung des Vaters gebe es keinen stichhaltigen Beweis. Es stehe weder fest, ob er von dem Plan seiner erwachsenen Kinder wusste, noch wann der Entschluss zur Tötung überhaupt gefasst worden sei, sagte Anwalt Torsten Giesecke im Plädoyer. Ob und was in der Tatnacht telefonisch besprochen worden sei, sei völlig unklar.

Der Menschenrechtsverein Peri begrüßte das Urteil. Es sei ein klares Signal, das solche Traditionen und Verbrechen hier nicht geduldet würden.

Quelle: wa.de

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