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Feuerwehr-Oldtimer aus Hamm heute in Soest - im Originalzustand!

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Die alte Drehleiter der Wiescherhöfener Feuerwehr, unter anderem mit schwarzen, vorderen Kotflügeln.
In den Originalzustand zurückversetzt: Die alte Drehleiter der Wiescherhöfener Feuerwehr, unter anderem mit schwarzen, vorderen Kotflügeln. © Schnübbe

Die erste Drehleiter der Freiwilligen Feuerwehr Hamm-Wiescherhöfen existiert nach 58 Jahren noch immer in einem funktionsfähigen Zustand. Heute steht sie in der Nachbarstadt Soest. Ein faszinierend-wehmütiger Blick in die Feuerwehr-Historie.

Hamm – Im Jahre 1990 wurde die Drehleiter bei der Feuerwehr Hamm ausgemustert. Das Fahrzeug entsprach bereits zu dieser Zeit nicht mehr den Anforderungen an moderne Feuerwehrfahrzeuge, immerhin war es schon 26 Jahre alt. Gerade der fehlende Rettungskorb an der Leiterspitze und die geringere Ausladung, aufgrund der schmalen Abstützbreite, führten zu einem Wechsel des Fahrzeuges gegen ein neueres Modell. Die Wartungskosten waren nach 25 Jahren mittlerweile ebenfalls erheblich.

Das alte Klöckner-Humbold-Deutz Fahrgestell mit 150 PS, luftgekühltem, V6-Dieselmotor mit der Magirus-Leiter war im Jahre 1964 durch das Amt Pelkum für 110.000 Deutsche Mark beschafft worden. Umgerechnet wären das heute gut 56.200 Euro. Zu dieser Zeit war das Amt Pelkum einer der größten in Deutschland. Zum Amt Pelkum gehörten damals Pelkum, Wiescherhöfen, einschließlich Daberg und Lohauserholz, sowie Bönen und Bergkamen.

Bis zur Fertigstellung der Fahrzeughalle am Wiescherhöfener Gerätehaus und der Zeit der Ausbildung, stand das Fahrzeug einige Monate auf dem Hof Schnickmann an der Wilhelm-Lange-Straße. Da zu dieser Zeit noch recht wenige Drehleitern beschafft wurden, fuhr die Wiescherhöfener Wehr mit dem Fahrzeug auch schon mal Einsätze im weit entfernten Lünen. Zur damaligen Ausstattung gehörte auch ein „Rettungsschlitten“. Das ähnlich wie ein Schneeschlitten aussehende Ausrüstungsstück wurde mit einer liegenden Person, an einem Seil, durch den Leiterpark herabgelassen.

Drehleiter auf Reisen: Platz für sechs Feuerwehrkräfte

Weiterhin war es damals üblich, dass in dem Fahrzeug eine Besatzung von sechs Feuerwehrkräften Platz hatte. Heute sind nur drei Standard. Eine am Heck mitgeführte Schlauchhaspel mit 160 Metern B-Schlauch war ebenfalls vorhanden. Weiterhin wurde das Fahrzeug ausschließlich mechanisch, bzw. mit manuellen elektrischen Kontakten bewegt. Die Haspel musste vor Inbetriebnahme entfernt werden, dahinter war die Kurbel zur Federabstellung der Hinterachse. Danach wurden die seitlichen Fallspindeln der Abstützung entsichert und diese bewegten sich, durch Eigengewicht, mit einem selbsthemmendem Gewinde zum Boden. Danach konnte die Leiter bewegt werden. Beim Einsatzende mussten dann alle fünf Handräder wieder mit Muskelkraft rückwärts bewegt werden. Es hatte etwas von einem U-Boot ...

Häufiger lösten sich die Fallspindeln versehentlich schon bei der Ausfahrt aus dem Gerätehaus und blieben dann an der Torkante des Gerätehauses hängen. Teilweise noch in den späten Abendstunden wurden dann – durch den Schmiedemeister Wilhelm Bierkämper – diese Spindeln über dem Schmiedefeuer wieder in die gerade Form gebracht.

Zwei historische Bilder: Aus dem Jahr 1977.
Zwei historische Bilder: Aus dem Jahr 1977 (Drehleiter mit weißen Kotflügeln) ... © Schnübbe
Aus dem Jahr 1966, zwei Jahre nach der Indienststellung.
... sowie aus dem Jahr 1966, zwei Jahre nach der Indienststellung. © Schnübbe

Drehleiter auf Reisen: Herausforderung für „die Älteren“

Das Fahrzeug wurde im Jahre 1990 an eine Wartungsfirma für Drehleitern in Limburg verkauft. Hier wurde das Rettungsgerät bis 1995 als Reserve für Kunden heraus gegeben. Von 1995 bis 1997 tat es kurzzeitig Dienst in der Gemeinde Dörpen im Emsland. Dipl.-Ing. Gerhard Brüntjen aus Bad Zwischenahn hatte das Vorgängermodell (Drehleiter auf Opel Blitz) erstanden und die Gemeinde Dörpen bot im danach die ehemalige Wiescherhöfener Leiter an. So ging die Reise für das Fahrzeug nach Bad Zwischenahn. Über die Jahre stellte Brüntjen das Fahrzeug auch auf Oldtimerausstellungen aus.

Im Jahre 1998 kam der Kontakt mit der Feuerwehr Wiescherhöfen zustande. Zum 90-jährigen und 100-jährigen Jubiläum in den Jahren 1999 und 2009 konnte das Fahrzeug am Gerätehaus des ehemaligen Standortes in Wiescherhöfen präsentiert werden. Ehemalige Maschinisten aus Wiescherhöfen, zur Überführung von Bad Zwischenahn und wieder zurück, waren immer sehr schnell gefunden. Das nicht synchronisierte Getriebe und die fehlenden Servolenkung stellen gewisse Ansprüche an den Fahrer und viele ältere Feuerwehrmänner wollten diese „Herausforderung“ noch mal annehmen.

Drehleiter auf Reisen: Vieles wie einst im Jahr 1964

Aufgrund eines Lkw-Überholverbotes auf der Autobahn – über 35 Kilometer – in der Nähe von Bad Zwischenahn, gelang es, im Jahre 1999 mit dieser Drehleiter bei einer Geschwindigkeit von 65 Kilometer pro Stunde eine Lkw-Kolonne von 82 Fahrzeugen anzuführen. Dieses sorgte auf der Gegenspur für erhebliche Aufmerksamkeit und bei Aufhebung des Überholverbotes für ein lautes Hupkonzert der Lkw-Fahrer. Brüntjen investierte über die Jahre einiges in den Erhalt des Fahrzeuges. Im Jahre 2019 nahm er dann Kontakt zur Wiescherhöfener Feuerwehr auf und teilte seine Verkaufsabsichten mit, da er mittlerweile 85 Jahre geworden war. Das Fahrzeug solle unbedingt erhalten bleiben und nach Möglichkeit wieder in der ursprünglichen Heimat unter kommen.

Die Wiescherhöfener Feuerwehr nahm daraufhin Kontakt zum historischen Löschzug Pelkum auf, dieser konnten dann über seine Kontakte einen Interessenten in Soest ausfindig machen. So kam es im Herbst 2019 zu einer Besichtigung und dann auch zum Verkauf der Drehleiter. Markus Baumann hatte bereits ein ähnliches Fahrzeug der VEW-Betriebsfeuerwehr des Kraftwerks Westfalen in seinem Bestand, allerdings als Tanklöschfahrzeug. In Soest angekommen, wurde die Leiter wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt. Die in den 1970er Jahren weiß lackierten Kotflügel sind wieder schwarz glänzend und die Türbeschriftung glänzt nun mit „Löschgruppe Wiescherhöfen“ wieder so wie im Jahre 1964.

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