Sportschul-Betreiber mit Zwischenfazit

Trotz Corona-Verbot: Hotel im Sauerland geöffnet - das sagt der Chef des Ordnungsamts

Trotz Corona-Verbot öffnete das Familotel Ebbinghof in Schmallenberg (NRW) am Freitag seine Türen. Polizei und Ordnungsamt sind vor Ort.
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Trotz Corona-Verbot öffnete das Familotel Ebbinghof in Schmallenberg (NRW) am Freitag seine Türen. Polizei und Ordnungsamt waren vor Ort.

Seit Wochen und Monaten dürfen Betriebe wie Hotels oder Fitnessstudios wegen der Corona-Beschränkungen nicht öffnen. Zwei Unternehmer aus dem Sauerland haben nun genug: Sie wollten am Freitag ihre Türen öffnen. Jetzt gibt es ein Zwischenfazit.

Update vom 16. April, 19.44 Uhr: Sven Lembcke, Chef des gleichnamigen Kickbox-Centers, hat am Freitagabend ein Zwischenfazit zu seiner Aktion gezogen. Zur Öffnung des Familotels Ebbinghof äußerte sich unterdessen Ordnungsamtsleiter Berthold Vogt.

StadtSchmallenberg
Fläche303 km²
Postleitzahl57392
KreisHochsauerlandkreis

„Ich war sehr zufrieden, wie es gelaufen ist“, sagte Sven Lembcke am Freitagabend. Das Ordnungsamt sei sehr kompromissbereit gewesen. Letztlich entschied sich der Kickbox-Weltmeister „Hier findet heute kein Unterricht statt“. Dies habe er so mit dem Ordnungsamt vereinbart. Aufgeführt habe er nochmals das Argument, dass seine Sportschule als Bildungseinrichtung anerkannt sei und daher mit Schulen gleichgesetzt werde müsse. „Ich bin bereit, meine Türen zu schließen, wenn das Schulministerium sagt, es findet kein Unterricht in der Schule statt. Wenn Unterricht stattfindet, dann öffne auch ich“, so Lembcke.

Das Ordnungsamt wolle den rechtlichen Sachverhalt nun klären. Am Montag solle es hierzu ein weiteres Gespräch geben. „Es wäre der falsche Weg gewesen, zu sagen ‚Ich öffne so wie vor Corona‘“, so Lembcke.  

Öffnung trotz Corona: Hotel im Sauerland geöffnet - das sagt Ordnungsamtsleiter Berthold Vogt

In Ebbinghof wurden die Gäste des Familotels vom Ordnungsamt aufgeklärt. Außerdem wurden die Personalien festgestellt. Es sei geklärt worden, welche Gründe für eine Übernachtung vorliegen. „Von der Mehrzahl der Gäste wurden berufliche Gründe angegeben“, so Ordnungsamtsleiter Berthold Vogt.

Da nicht alle Angaben nachzuvollziehen seien, werde das Ordnungsamt eine schriftliche Anfrage an die betreffenden Personen stellen, um die gemachten Angaben auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Falls dies nicht der Fall sei, werde ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet und es müsse mit einem Bußgeld gerechnet werden. Zugleich wies Vogt auf die Fürsorgepflicht der Inhaberin hin, von ihren Gästen glaubhaft die Gründe, die zu einer Übernachtung berechtigen, in Erfahrung zu bringen.  

Öffnung trotz Corona: Hotel im Sauerland geöffnet - nur Gäste mit beruflichen Gründen erlaubt

Update vom 16. April, 17.15 Uhr: Polizei und Ordnungsamt prüfen nun bei den Gästen des Familotels Ebbinghof, ob sie aus beruflichen Gründen in dem Hotel in Schmallenberg übernachten. Das ist nach der Corona-Schutzverordnung erlaubt. Laut Aussage von Inhaberin Daniela Tigges seien alle Gäste aus beruflichen Gründen dort.

Stellen die Ordnungskräfte fest, dass die Übernachtung im Sauerland andere Gründe hat, werde diese untersagt, hieß es vor Ort. Das gelte auch für den Fall, dass Gäste keine Angaben zu ihren Aufenthaltsgründen im Hotel machen. Sollten sich Gäste dann weigern, das Hotel zu verlassen, wird das Ordnungsamt nach eigenen Angaben mit Amtshilfe der Polizei Platzverweise aussprechen und durchsetzen.

Öffnung trotz Corona: Hotel im Sauerland geöffnet - das sagt die Inhaberin

Update vom 16. April, 15.32 Uhr: Daniela Tigges, Chefin des Familotels Ebbinghof in Schmallenberg, hat ihre Ankündigung, ihren Betrieb trotz Corona-Verbots am Freitag zu öffnen, offensichtlich in die Tat umgesetzt. Draußen vor dem Hotel sitzen Menschen und essen, auf dem Spielplatz spielen Kinder.

Die Autos auf dem Parkplatz kommen laut ihrer Kennzeichen teilweise aus weit entfernten Orten wie Schwäbisch G‘münd, Ulm oder Berlin. Daniela Tigges berichtete vor Ort, dass es sich bei allen um berufliche Gäste handele. Sie möchte nach eigener Aussage „ein Zeichen setzen“. Die Unternehmerin verstehe nicht, dass Geschäftsreisende übernachten dürfen, Erholungssuchende aber nicht. Die Polizei und das Ordnungsamt sind bereits vor Ort und machen sich ein Bild von der Lage.

Update vom 16. April, 12.35 Uhr: Die Ankündigung zweier Unternehmen aus dem Sauerland, am Freitag trotz Corona-Einschränkungen öffnen zu wollen, sorgt erwartungsgemäß für Aufsehen. Daniela Tigges, Inhaberin des Familotels Ebbinghof, und Sven Lembcke, Chef des gleichnamigen Kickbox-Centers, hatten diesen Schritt am Donnerstag per Pressemitteilung angekündigt.

Während die Hotel-Chefin in einem YouTube-Video von überwiegend positiven Rückmeldungen berichtet, distanzieren sich Politiker und Institutionen, die in der Pressemitteilung erwähnt wurden, von der Öffnung während des Lockdowns. So hat der CDU-Europaabgeordnete Dr. Peter Liese einen offenen Brief an die Unternehmerin aus Schmallenberg geschrieben, in dem er sie „mit Nachdruck“ darum bittet, „sich an alle Gesetze und Regeln zu halten und auf keinen Fall meinen Namen in diesem Zusammenhang ins Spiel zu bringen“.

Öffnung trotz Corona: Hotel und Sportschule wollen öffnen - Merz spricht von „Selbstjustiz“

Daniela Tigges hatte berichtet, dass Gespräche mit Politikern wie Liese oder auch Friedrich Merz, der sich am Samstag zum Bundestagskandidaten der CDU küren lassen möchte, sie zur Öffnung „inspiriert“ hätten. Der frühere Fraktionschef der Union ließ am Freitag über sein Büro ein Statement verschicken. Er habe zwar „viel Verständnis“ für die Kritik aus der Tourismusbranche im Sauerland, heißt es darin. „ Aber die von Frau Tigges geplante Öffnung des Hotels heute Nachmittag ist rechtswidrig und ein Akt von Selbstjustiz, den wir in unserem Rechtsstaat unter keinen Umständen dulden können. Ich bedaure sehr, dass Sie meinen Namen für diese Aktion missbraucht“, erklärte Merz.

Er selbst habe am Donnerstagabend und Freitagmorgen zwei Telefonate mit Daniela Tigges geführt, doch die Hotel-Chefin sei nicht von der Öffnung ihres Betriebs abzubringen. „Der Hochsauerlandkreis und die Ordnungsbehörden haben daher meine volle Unterstützung, diese Aktion heute Nachmittag zu stoppen“, teilte Friedrich Merz am Freitag mit.

Auch die IHK Arnsberg, deren Vizepräsidentin Daniela Tigges ist, hat sich am Freitag von der Öffnung des Familotels Ebbinghof distanziert. Es sei „definitiv nicht der Fall“, dass die Unternehmerin im Namen der Industie- und Handelskammer argumentiere und handele. „Wir haben großes Verständnis für die außerordentlich schwierige Situation, in der sich die Freizeit- und Tourismuswirtschaft sowie der stationäre Einzelhandel seit Monaten befinden und uns mehrfach an die Politik auf Landes- und Bundesebene gewandt mit der Forderung, den besonders betroffenen Branchen Öffnungsperspektiven in Aussicht zu stellen. Wir distanzieren uns aber in aller Deutlichkeit von dem Handeln von Frau Tigges“, teilte Hauptgeschäftsführerin Dr. Ilona Lange mit.

Hotel und Sportschule planen Öffnung trotz Corona - das sagt die Stadt

Update vom 16. April, 10.09 Uhr: Mittlerweile hat sich auch die Stadt Schmallenberg zu den Plänen des Familotels Ebbinghof und des Kickbox-Centers Lembcke geäußert, die am Freitag trotz Corona-Verbot öffnen wollen. Demnach werde das weitere Vorgehen aktuell noch besprochen, wie Ordungsamtsleiter Berthold Vogt mitteilte.

Dabei solle geprüft werden, ob die Öffnung des Hotels im Ortsteil Ebbinghof nach der Coronaschutzverordnung rechtens ist. Übernachtungen zu privaten Zwecken seien untersagt, soweit sie nicht aus Gründen der medizinischen oder pflegerischen Versorgung oder aus sozial-ethischen Gründen dringend geboten sind. Übernachtungen aus beruflichen Gründen seien indes möglich. „Im Einzelfall werden wir prüfen, um was für eine Art der Übernachtung es sich handelt. Das Hotel können wir laut Coronaschutzverordnung nicht schließen, da ja eingeschränkt Übernachtungen möglich sind“, erklärte Vogt.

Bei der Öffnung der Kampfsportschule in Bad Fredeburg sei der Fall dagegen eindeutig. Hier besagt die Coronaschutzverordnung des Landes NRW, dass der Freizeit- und Amateursportbetrieb auf und in allen öffentlichen und privaten Sportanlagen, Fitnessstudios, Schwimmbädern und ähnlichen Einrichtungen unzulässig sind. Ausgenommen von dem Verbot ist lediglich der Sport auf Sportanlagen unter freiem Himmel unter Einhaltung der allgemeinen Kontaktbeschränkungen, als Ausbildung im Einzelunterricht sowie von Gruppen von höchstens zwanzig Kindern bis 14 Jahren zuzüglich bis zu zwei Ausbildungs- oder Aufsichtspersonen mit dauerhaftem Mindestabstand von fünf Metern.

Öffnung trotz Corona: Hotel und Sportschule im Sauerland wollen öffnen

Erstmeldung vom 15. April, 18 Uhr: Schmallenberg (NRW) - Lockdown, Lockdown und kein Ende: Seit bis zu fünf Monaten dürfen ganze Branchen wegen der Corona-Maßnahmen in NRW nicht regulär öffnen. Viele Unternehmen haben sich seitdem Aktionen einfallen lassen, um den Betrieb wenigstens ein bisschen am Laufen zu halten. Doch zwei Unternehmern aus Schmallenberg im Sauerland (NRW) reicht es jetzt. (News zum Coronavirus)

„So geht es nicht weiter!“, heißt es in einer Pressemitteilung, die die Redaktion am Donnerstagnachmittag erreichte. Geschrieben haben sie Daniela Tigges, Chefin des Familotels Ebbinghof im gleichnamigen Ortsteil der Stadt Schmallenberg, und Sven Lembcke, Inhaber eines Kickbox-Centers in Bad Fredeburg. Die beiden Unternehmer kündigten darin nun an, dass sie ihre Betriebe am Freitag, 16. April, „gegen Nachmittag“ öffnen wollen.

„Uns ist klar, manch einer wird sich sagen: Das ist unverantwortlich, wie können die öffnen?!“, erklärt Kickbox-Weltmeister Lembcke. „Doch gerade im Sinne der Gesundheit meiner Sportler/innen muss und will ich jetzt handeln.“ Aber auch wirtschaftliche Gesichtspunkte spielten bei der Entscheidung für die Öffnung eine Rolle: „Wenn es so weiter geht, wird es bald in Schmallenberg keine Sportschule wie unsere mehr geben.“

Das Kickbox-Center stelle „keinerlei Gesundheitsgefährdung“ dar, meint Sven Lembcke und verweist auf die pflichtbewusste Arbeit der Sportschule und ein angepasstes Hygienekonzept. Bereits jetzt sei zu erkennen, dass fehlende Bewegung und mangelnder persönlicher Austausch bei manchen Mitgliedern „bedenkliche Ausmaße“ angenommen hätten - vor allem bei Kindern und Jugendlichen.

Öffnung trotz Corona: Unternehmer halten Maßnahmen für „nicht nachvollziehbar“

Auch die Inhaberin des Familotels Ebbinghof will sich die Corona-Einschränkungen nicht länger gefallen lassen. „Die Maßnahmen sind rational nicht nachvollziehbar“, meint Daniela Tigges. In ihrem Hotel habe es keinen einzigen Corona-Fall gegeben. „Auch das RKI bestätigt Hotels als das sicherste Setting“, erklärt die Unternehmerin und bezieht sich dabei auf den „Stufenplan“ des Robert-Koch-Instituts. „Wir unterstützen diese Willkür nicht länger durch unser Ausharren!“, kündigt die Sauerländerin an.

Angst vor einem Imageverlust ihres auf Familien spezialisierten Hotels hat Daniela Tigges nach eigenen Angaben nicht. „Es braucht jetzt mutige Vorbilder. Ich bin es meinem Team, meinen Eltern und meinen Kindern schuldig“, sagt die zweifache Mutter. In der Schweiz, in Luxemburg und auf Mallorca seien Hotels auch geöffnet. „Wieso nicht im Sauerland, wo sich Gäste aus Ballungsgebieten vom Stress erholen und in der Natur auftanken können?“, fragt die IHK-Vizepräsidentin.

Gespräche mit vielen Politikern wie beispielsweise Friedrich Merz sowie Rechtsanwälten hätten Daniela Tigges „inspiriert, nun diesen Schritt zu gehen“. Durch das All-Inclusive-Konzept im Familotel Ebbinghof könne genau nachvollzogen werden, wer sich wann im Betrieb aufgehalten habe. Auch im Kickbox-Center von Sven Lembcke sei die Kontaktverfolgung über verpflichtende Anmeldungen zu den Kursen gewährleistet.

Hotel und Sportschule wollen trotz Corona öffnen - „sind keine Leugner“

Die beiden Unternehmer betonen in ihrer Pressemitteilung, dass sie „weder Corona-Leugner“ seien, noch „parteipolitische Ziele“ verfolgen würden. Ihr Engagement gelte „einzig dem Wohlergehen von Mitarbeitenden und Kunden sowie dem Fortbestand ihrer Unternehmen“, heißt es.

Doch erwarten Daniela Tigges und Sven Lembcke überhaupt Gäste? „Ich bin morgen ausgebucht und habe keine Plätze mehr frei“, sagte der Kickbox-Weltmeister im Gespräch mit sauerlandkurier.de*. Ab 16.30 Uhr soll das Training am Freitag in Gruppen mit maximal fünf Kindern auf 100 Quadratmetern stattfinden. „Wir haben mehr als ausreichenden Abstand, Desinfektionsmittel, die Eltern kommen nicht mit rein und nach jeder Trainingseinheit über 45 Minuten wird alles desinfiziert und gelüftet“, erklärt Lembcke. Dann kommt der nächste Kurs. 

„Wir reden hier nicht darüber, was für Maßnahmen die Regierung trifft und ob diese gerechtfertigt sind oder nicht. Aber das Verhältnis stimmt nicht“, ärgert sich Lembcke. So sei er mit seiner Kampfsportschule seit 2010 eine von der Bezirksregierung anerkannte Bildungseinrichtung, also gleichzusetzen mit Schulen. „Wenn Schulen schließen, dann schließe ich natürlich auch. Hier wird aber mit zweierlei Maß gemessen“, meint der 38-Jährige. Recht müsse Recht bleiben.

Apropos Recht: Sorge vor den Behörden hat Sven Lembcke nicht. Im Gegenteil: „Sie sollen gerne kommen und mir die rechtliche Lage erklären. Wir haben einen Rechtsbeistand hier. Wir stützen uns auf EU-Recht, das über dem deutschen Recht steht.“ Eventueller Konsequenzen sei er sich bewusst. „Das wird Wellen schlagen“, ist sich der Sauerländer sicher. - *sauerlandkurier.de isz ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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