„Collection-Tours“ fahren Museen in der Region an

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Weiße Plattformen mit Telefon und Tischlampe: Die Installation „Island-Hopping“ von Kirsten Kaiser ist am Schloss Strünkede in Herne zu sehen. ▪

Von Annette Kiehl ▪ Kunsthalle Recklinghausen, Schloss Strünkede in Herne, Gustav-Lübcke-Museum in Hamm. Soweit der offizielle Reiseplan, der die Route des pink beklebten Buses der Collection Tour vorgibt. Die Museen erwarten die Gruppe bereits zu vereinbarten Uhrzeiten. Der kulturelle Tagesausflug aus der Programmreihe „Reisegespräche“ zeigt einmal mehr: unterwegs sein ist das Ziel einer Reise durch die Kulturhauptstadt. Die zufälligen Begegnungen, die Entdeckungen am Straßenrand vom Busfenster aus, die Eigenarten der Region abseits der Institutionen machen die Städtetour besonders.

Ulrike Rose, Leiterin der Landesinitiative StadtBauKultur, begleitet den Ausflug „Der öffentliche Raum im Blick. Reflexionen über Urbanität“. Die Expertin für städtebauliche Veränderungen hat eine Reisegruppe mit zehn Teilnehmern vor sich, die hochmotiviert ist – trotz Hitzeperiode. Bereits um 10.45 Uhr liegt die Temperatur bei 30 Grad im Schatten. Dennoch: Ein Teilnehmer feiert mit dem Ausflug seinen 85. Geburtstag, gemeinsam mit Freunden aus Linz und Potsdam sowie mit Reisegenossen aus Werne und Hamm erkundet er die Kultur-Metropole.

Vor Ort in der Kunsthalle Recklinghausen geht es dennoch anders als geplant weniger um Tadashi Kawamatas politische Plastik, die als erstes Ziel der Collection Tour angegeben ist. Der große Holzturm ohne Eingang, vor der Tür des Museums errichtet, wird nur aus dem Fenster der klimatisierten Ausstellungsräume betrachtet. Zuviel Sonne tut der Kunst im öffentlichen Raum eben auch nicht gut. Umso mehr ist die Ausstellung zur sogenannten Outsider-Szene ein Diskussionsstoff für die Reisenden und die Expertin. Kirsten Xani, Kunsthistorikerin und Reiseleiterin, ist noch dabei und kommt später zu ihrem Thema. In Recklinghausen geht es um Bilder, Skulpturen und Installationen, die von Menschen gefertigt wurden, die als Graffiti-Sprüher, Bergmänner oder durch Krankheiten eine Außenseiterrolle im Kunstbetrieb einnehmen – sie werfen Fragen auf: Wie wirkt die naive Malerei auf den Betrachter, welche Gedanken wollten die Künstler mit ihrer Arbeit weitergeben und warum sind die Werke so traurig? Man ist neugierig.

Als Ulrike Rose im Bus das Mikrofon in die Hand nimmt, geht es dann aber doch wieder ums eigentliche Thema dieser Collection Tour, den Stadtraum. Sie erzählt ein wenig, warum das Ruhrgebiet eigentlich Ruhrgebiet heißt, schildert kurz die Probleme des Strukturwandels und macht auf die noch kleinen Mammutbäume am Rand der Ruhr.2010-Parkautobahn A42 aufmerksam. So geht es in den Vorträgen unterwegs nicht um Vollständigkeit, sondern vielmehr um Denkanstöße – und das tut den Reisegesprächen unter den Gästen tatsächlich gut.

In den Teichen um Schloss Strünkede in Herne hat die Künstlerin Kirsten Kaiser ihre Installation „Island-Hopping“ verortet. Wie kleine Tischtelefone schwimmen die weißen Plattformen mitsamt altmodischem Apparat und Tischlampe in der Schlossgräfte. Das ist zunächst einmal natürlich ein gutes Fotoobjekt, wird von den Kulturhauptstadt-Touristen ausführlich betrachtet und begutachtet. Kirsten Xani erzählt mit Blick auf den Teich von Kommunikation, Wasser und Kunst, und die Kameras klicken am schattigen Ufer. Dass das Schloss und die angrenzende Galerie nicht besichtigt werden können, ist schnell vergessen.

Überhaupt lebt dieser Ausflug von den improvisierten Momenten. Zum Beispiel, wenn man feststellt, dass das Café im Schlosspark trotz Anmeldung geschlossen ist, und die Gruppe sich stattdessen beim ruhrgebietstypischen Griechen an der Hauptstraße gegenüber niederlässt. Wenn man auf den 85. Geburtstag eines Reiseteilnehmers mit einem „Glück auf“ anstößt, während nebenbei noch Bahnverbindungen für einige der Teilnehmer organisiert werden. Denn eine Reise durch das Ruhrgebiet, so zeigt dieser Tag, ist eben auch eine organisatorische Herausforderung.

Diese gelingt dann aber doch. Nach einigen Blicken auf Gewerbegebiete und Wohnsiedlungen im Hammer Westen und ein paar Worten zu drohenden Museumsschließungen im Ruhrgebiet hält das Fahrzeug hinter dem Gustav-Lübcke-Museum. Andreas Siekmanns Ausstellung „Aus: Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ zeigt die Visionen einer kapitalistischen Durchdringung der Städte. In dem utopischen Weltbild, das der in Hamm geborene Künstler in seinen Comic-artigen Bildern entwirft, sind die Gewinner und Verlierer des Wirtschaftssystems unmissverständlich durch ihre Jeans-Hosen gekennzeichnet, erklärt Kirsten Xani. Für Kunst von Außenseitern ist in einer neoliberal organisierten Welt kein Platz: In einem Bild der Siekmann-Installation sprüht ein Mann mit Jeansweste ein Graffiti an die Wand, im Bild daneben wischt er es wieder weg. Diesmal bekleidet mit einer Weste vom Arbeitsamt. Kunst im öffentlichen Raum, so mag man in der Schau schließen, hat nicht immer Hochkonjunktur und ist schon gar nicht selbstverständlich. Ein kritischer Kommentar zum Abschluss des „Reisegesprächs“ im Ruhrgebiet.

Die Touren

Die Collection-Tours umfassen verschiedene Bustouren: Bei den „Reisegesprächen“ werden zwei bis drei Ausstellungen zu einem Thema besucht. Ein Kunstvermittler und ein Experte, etwa aus dem Bereich Architektur, Literatur oder Fotografie, begleiten die Reisegruppe. Die nächsten „Reisegespräche“ handeln von der Identitätsfindung des Reviers („Positionswechsel“, 21.8.) und von Migration („Konstruierte Realität“, 2.10.).

Das Collection-Tour-Programm „Tour Ost/West“ fährt die Sammlungen der Ruhrkunstmuseen an, zum Beispiel zum Thema Licht- und Raumkunst („Eine Nachtfahrt“, 4.9., 13., 27.11., 11.12.) oder das politische Gedächtnis der Kunst („Nicht-vergessene Zeiten“, 31.7., 16., 30.10., 18.12.).

Alle Touren finden samstags statt, dauern etwa acht Stunden und kosten 25 Euro.

Weitere Informationen:

Tel. 0201/ 8845777 und im

Internet unter

http://ruhrkunstmuseen. ruhr2010.de/collection-tours.html

Quelle: wa.de

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