Christ-König-Kirche in Bochum als Kulturtankstelle

+
Farbverbunden: Reinhard Wiezcorek vor seinem Werk Kreuzigung in der Bochumer Kunstkirche Christ-König. ▪

BOCHUM ▪ Der Eingang zur Christ-König-Kirche in Bochum ist auffallend bunt, die Wände sind mit großen Blumen und abstrakten Mustern bemalt. Im Beichtstuhl steht ein Gedankendrucker. Er fordert Besucher auf, über eine Tastatur Worte zu hinterlassen. Weiter hinten, im Kirchenraum, arbeitet Reinhard Wiezcorek an einem Gemälde. Es besteht aus einem großen Kreuz mit dem abstrakt angedeuteten Körper Jesu als lichter Mittelpunkt und bildet den Blickfang im Kirchenraum. Von Annette Kiehl

Manchmal wird der Maler bei den letzten Pinselstrichen von Besuchern unterbrochen, beantwortet Fragen und diskutiert mit Kritikern. Seine Palette, auf der er die Farben mischt, wird nach dem Abschluss der Arbeit von einer Plexiglasplatte bedeckt auf dem Altar liegen.

Den Brief des Bischofs, der diese Kunstwerke genehmigt, hat Propst Michael Ludwig für alle sichtbar an die Wand gehängt. Nur zur Vorsicht, damit jeder weiß, dass hier alles seine kirchenrechtliche Ordnung hat, sagt er. Denn die Christ-König-Kirche nahe der Bochumer Innenstadt ist in diesem Jahr die Kunstkirche K.I.C.K. 2010, eine „Spirituelle Kulturtankstelle“ des Bistums Essen.

Diesen Titel nimmt Michael Ludwig, Pfarrer und Chef der Propstei St.-Peter-und-Paul ernst, sieht ihn als Herausforderung und Chance. „Gott möchte unsere Kreativität wecken, so dass wir neue Wege suchen“, sagt er und erzählt begeistert von Aktionen, Begegnungen und den unerwarteten Hürden, die die „Kunstkirche“ mit sich bringt. Dabei spricht er von der Wandlung des Ortes. Dese reicht tiefer als im Gebäude selbst zu sehen ist.

Die Christ-König-Kirche ist eine sogenannte „weitere Kirche“ des Bistums. Was unauffällig klingt, sagt nicht weniger aus, als dass die Kirche bereits zeitlich befristet „außer Dienst“ gestellt wurde und möglicherweise im kommenden Jahr „profaniert“, also entwidmet wird. Eine schmerzhafte Entwicklung für viele Gemeindemitglieder.

In dem Kulturhauptstadt-Projekt „Spirituelle Kulturtankstelle“ sieht Probst Michael Ludwig die Zukunft der Christ-König-Kirche. Man will hier keine einmaligen Kulturfeuerwerke veranstalten, sondern vielmehr richtungsweisend wirken und einen nachhaltigen Eindruck bei Besuchern wie Entscheidern hinterlassen. „Ziel ist es, dieses Haus langfristig zur Kunstkirche des Bistums zu machen“, erklärt er und begründet: „Früher war die Kirche der größte Kunstförderer; man braucht nur an die Gemälde von Michelangelo zu denken. Diese Idee wollen wir aufgreifen, denn es muss hier eine Menge passieren“

Vor zwei Jahren begannen im Bistum die Planungen für das Projekt „Kulturtankstelle“. Ursprünglich sollten Kirchen entlang der A40 diesen Titel erhalten, nun sind es 52 Stätten entlang der Hauptverkehrsadern, die spirituelle Akzente setzen wollen. Das „kollektive Gedächtnis Kultur“, so das Bistum, soll in diesen Räumen Passanten, Neugierige und Gemeindemitglieder zur Reflektion und zum Innehalten einladen.

Während die meisten beteiligten Kirchen Konzerte oder Ausstellungen in den jeweiligen „Local-Hero“-Wochen der Städte veranstalten, greift das Konzept der Bochumer Kunstkirche weiter. Sie setzt sich über das ganze Jahr hinweg mit Kultur auseinander. Nach der Ausstellung der „Kreuzigung“ wird ab Ende April der niederländische Künstler Nol Hennissen seine Installation „only the dust is eternal“ im Kirchenschiff errichten. Über einen Monat wird dann Sand auf den Boden rieseln und den Raum langsam einnehmen. Währenddessen werden zudem junge Autoren, die „Metropolenpilger“, einige Tage in der Kirche leben und ihre Eindrücke der Region literarisch verarbeiten. Der Schauspieler Dietmar Bär und der Comedian Bastian Pastewka haben sich angekündigt. Am 6. Juni werden sie aus Kafkas „Die Verwandlung“ lesen.

Ermöglicht wird dieses künstlerische Leben zu großen Teilen durch ehrenamtliches Engagement. Kirchensteuer fließt nicht, vielmehr steuert ein Netzwerk aus dem Umfeld der Gemeinde Wissen und Arbeitskraft bei: Ein Ingenieur berechnet die Statik von senkrecht stehenden Kirchenbänken für eine geplante Installation, eine Kulturhistorikerin berät bei der Auswahl der teilnehmenden Künstler und der PC-affine Maler Thomas Zehnter gestaltete die Website zum K.I.C.K.-2010-Jahr. Die Kunstkirche zeige, dass die Bürger die Kultur wieder selbst gestalten müssten, sagt er.

Doch nicht nur für das Bistum und für Gemeindemitglieder bieten die „Kulturtankstellen“ neue Erfahrungen. Auch für den gewöhnlich in Bottrop arbeitenden Maler Reinhard Wiezcorek ist die Kunstkirche neues Terrain. Er arbeitete über mehrere Wochen in der offenen Kirche an seinem Gemälde. Eine neue Situation für ihn. Nicht nur, weil er zum Rauchen vor die Tür gehen musste. Vielmehr stand sein großformatiges Werk bereits während des künstlerischen Prozesses zur öffentlichen Diskussion. Und auch die Auseinandersetzung mit dem Kirchenraum war für ihn ein besonderes Erlebnis, erzählt er mit wenigen Worten, ohne großen Pathos. „Als Teenie hatte ich einen Bruch mit der Kirche. Ich kam mit dem Pfarrer nicht klar. Durch die Zeit hier hat sich nun vieles positiviert. Das war mehr als eine Auftragsarbeit.“

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare