CDU-Senioren zeigen Jürgen Rüttgers die kalte Schulter

Wiedersehen mit einem kritischen Publikum: Ex-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers vor der CDU-Seniorenunion.

RECKLINGHAUSEN ▪ Von Detlef Burrichter ▪ Es ist sein erster Auftritt vor einem größeren Parteigremium nach der verloren gegangenen Landtagswahl am 9. Mai und es wird an diesem Dienstagmorgen kein Zuckerschlecken für den noch amtierenden CDU-Landesvorsitzenden und Ex-NRW-Ministerpräsidenten. Als Jürgen Rüttgers die Ruhrfestspielhalle betritt, fällt die Begrüßung der CDU-Senioren zurückhaltend aus. An demselben Ort hatten dieselben Funktionäre tags zuvor Bundesverteidigungsminister zu Guttenberg (CSU) einen euphorischen Empfang mit stehenden Ovationen bereitet.

Für Jürgen Rüttgers erhebt sich kaum jemand, der Beifall fällt pflichtschuldig bescheiden aus. Seine Begrüßung hält der Vorsitzende der NRW-Seniorenunion, Leonhart Kuckart, betont kurz: „Sie haben in fünf Jahren Regierungszeit das Land Nordrhein-Westfalen nach vorne gebracht, dafür gebührt Ihnen außerordentlicher Dank.“ Nach der verbalen Verbeugung setzt sich Kuckart dann demonstrativ nicht auf seinen bisherigen Platz – direkt neben dem Gast Jürgen Rüttgers –, sondern weit weg ganz ans Ende der Reihe. Kuckart hat seine persönlichen Gründe: Das Verhältnis zu Jürgen Rüttgers sei zerstört, seit er den damaligen Ministerpräsidenten öffentlich für seine nachlässige Parteiarbeit kritisiert habe, sagte Kuckart unserer Zeitung. Später hätten Rüttgers Leute dann versucht, ihn aus dem Amt zu drängen, als seine Wiederwahl anstand.

Doch die Operation von ganz oben ging schief. Die CDU-Senioren wählten Kuckart erneut ins Amt. Die Atmosphäre ist seitdem belastet. Vor wenigen Tagen erst hatte Kuckart offen Bedenken geäußert, Rüttgers sofort zum Ehrenvorsitzenden der NRW-CDU zu wählen. Es sei besser, damit zu warten. Die „schmerzliche Wahlniederlage“ sei auch Rüttgers zuzuschreiben: „Er hat die CDU nicht so geführt, wie es hilfreich gewesen wäre“, sagte Kuckart.

Kuckart spricht aus, was offenbar auch andere in der Union denken, sich aber bislang nicht trauen, laut auszusprechen. „Dass er nach der Wahl solange mit seinem Rückzug gezögert hat, nehme ich Jürgen Rüttgers persönlich übel“, sagt ein Funktionär am Rande der Veranstaltung. Rüttgers habe sich wochenlang von seiner „Prätorianer-Garde“ bezirzen lassen und damit die Möglichkeit einer großen Koalition verspielt. Nun sei zu befürchten, dass die Union in NRW auf unbestimmte Zeit wieder in der Versenkung verschwinde.

Seine Rede beginnt Rüttgers mit einer Umdeutung der Ereignisse: Er habe noch am Wahlabend erklärt, dass er auf seine Parteiämter als Landesvorsitzender und stellvertretender Bundesvorsitzender verzichten wolle, „weil ich den Neuanfang möglich machen wollte“, sagt Rüttgers. Tatsächlich hatte er am Wahlabend davon gesprochen, dass er die Verantwortung für die Niederlage übernehmen wolle, Konsequenzen aber zog er lange Zeit nicht. Seinen Rückzug von den hohen Parteiämtern erklärte Rüttgers erst Monate später, nachdem klar war, dass es keine große Koalition geben würde.

Rüttgers spricht 35 Minuten. Ein bisschen Beifall erhält er doch noch – als er sich nochmals zur Hauptschule und dem gegliederten Schulsystem bekennt. Seine Parteifreunde in Düsseldorf haben längst einen anderen Kurs eingeschlagen, wollen nun auch Kooperationsmodelle ausprobieren, weil andernfalls das Schulsterben auf dem Land nicht mehr aufzuhalten wäre.

Selbst als Rüttgers bekennt, dass die CDU für ihn persönlich immer auch „politische Heimat“ gewesen sei, und „mehr als nur eine Organisation, um Macht zu erringen“, rührt das die Altvorderen der CDU nicht zu Beifallsbekundungen. Die setzen um so euphorischer ein, als Bundeskanzlerin Angela Merkel den Saal betritt. Tosender Applaus brandet auf, „Angie“-Rufe ertönen.

Vom Rednerpult aus erlebt Rüttgers den Tumult um die Kanzlerin mit. Als Merkel zu reden beginnt, verlässt er beinahe unbemerkt den Saal.

Quelle: wa.de

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