"Wir leben ja hier nicht versteckt hinter dem Mond!"

Bruder Benedikt - der "ESC-Mönch" aus der Mescheder Abtei Königsmünster

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Eine Herzensangelegenheit: Bruder Benedikt Müller ist ein großer Fan des ESC. Er sammelt alles an Informationen, was er in Büchern und im Internet findet.

Meschede - Der Eurovision Song Contest (ESC) hat beides: vehemente Gegner, für die der Gesangswettbewerb ein Vorbote für den Untergang des Abendlandes ist, und glühende Anhänger, für die der ESC Hobby und Leidenschaft ist. Zu Letzteren zählt auch ein Mönch in der Mescheder Abtei Königsmünster.

Für Bruder Benedikt Müller ist derzeit „Saison“, wie er es nennt. Endlich wieder. Im Dezember begannen die nationalen Vorentscheide. Seitdem wird fast die gesamte Freizeit des 46-Jährigen wieder von seiner großen Leidenschaft bestimmt: dem ESC. 

Und dieser frönt er an einem Ort, an dem man einen derart großen Fan des europäischen Gesangswettbewerbs nicht unbedingt vermuten würde: in der Abtei Königsmünster in Meschede. „Wir leben ja hier nicht versteckt hinter dem Mond“, sagt der Benediktinermönch – und lächelt. 

Schließlich gebe es auch „viele fußballbegeisterte Brüder“. Und eben ihn, den „ESC-Mönch“, wie ihn Jugendliche bisweilen nennen. Sein Lächeln wird noch ein wenig breiter, wenn er davon erzählt.

Wandelndes ESC-Lexikon

In der Tat: Bruder Benedikt ist ein wandelndes ESC-Lexikon. Die Siegertitel der vergangenen fünf Jahre? Ein Klacks für jemanden, der liebend gerne in der Geschichte des Wettbewerbs stöbert. Der sich selbst die bei den jeweiligen nationalen Vorentscheiden gescheiterten Lieder anhört. Der weiß, dass diesmal in Dänemark ein Song auf Grönländisch oder in Estland einer auf Deutsch („Wo sind die Katzen?“) zur Auswahl standen.

Bruder Benedikt durchforstet in diesen Tagen immer wieder das Internet nach neuen Informationen, der tägliche Blick auf die aktuellen Wettquoten zum Beispiel ist ein Muss. 

Aktiv auf der eigenen Facebookseite

Und er verbreitet auch selbst gerne sein Wissen. Es ist halt „Saison“, die „langweiligen Monate von Juni bis Dezember“ sind vorbei. Der Mönch fiebert der Woche der Entscheidung entgegen. 

Auf seiner Facebookseite zählt er derzeit für seinen Freundeskreis auf seine eigene Art die Zeit bis zum ESC in Tel Aviv herunter, dessen Finale am 18. Mai stattfindet: Er stellt jeden Tag – „bis auf Karfreitag, da geht das natürlich nicht“ – das Lied eines anderen Teilnehmerlandes aus der ESC-Geschichte vor. 

Hier geht es zur Facebookseite von Bruder Benedikt Müller

Zum Beispiel: Österreich 1968. „Wer weiß schon noch, dass damals Karel Gott für Österreich gesungen hat?“, fragt er rhetorisch. Richtig. Nur wenige. Für Bruder Benedikt ist das Basiswissen.

Leise Erinnerungen an Dschinghis Khan

Wann er sich mit dem ESC-Virus infizierte, kann er noch ziemlich genau sagen. Zumindest leise Erinnerungen hat er an die Auftritte der deutschen Teilnehmer Dschinghis Kahn 1979 und Lena Valaitis zwei Jahre später. „Da muss ich also schon irgendwie geguckt haben“, sagt er. 

Erstmals bis zum Ende der Übertragung eines damals noch als Grand Prix Eurovision de la Chanson geläufigen ESC dabei war er allerdings als damals Neunjähriger 1982 – beim Sieg von Nicole („Ein bisschen Frieden“) in Harrogate. Es wurde seine persönliche Initialzündung, fortan nervte er seine Familie regelrecht, weil „tagelang der Kassettenrekorder mit den Liedern vom ESC lief“.

Nur zwei Mal die TV-Show verpasst

Seitdem ist regelmäßig „Saison“. Nur zweimal – 2008 und 2009 – verpasste Bruder Benedikt aus privaten beziehungsweise beruflichen Gründen die TV-Übertragung eines Finals. Ansonsten saß er bei jeder Auflage vor dem Fernseher.

„Ich fand das in den 80er Jahren faszinierend, dass Künstler aus 20 Ländern auftraten und fast alle in verschiedenen Sprachen sangen. Wann hatte man das schon, dass erst jemand auf Hebräisch und der Nächste auf Isländisch singt? Das würde ich mir auch heute wieder mehr wünschen“, erzählt er. Und dann die ultimative Spannung bei der Punktevergabe – die Leidenschaft war geweckt.

"Ich wollte sogar nach Norwegen auswandern"

Erst recht, als 1987 in Brüssel die Norwegerin Kate Gulbrandsen „Mitt liv“ sang und den jugendlichen Benedikt mitriss. „Ich war so verliebt – für mich hätte an dem Abend niemand anders mehr singen müssen“, erzählt der Mönch rückblickend. „Ich wollte sogar nach Norwegen auswandern.“ 

Er sammelte von da an sämtliche Informationen, die er bekommen konnte, kaufte unzählige Singles – die „Karriere“ als ESC-Experte begann. Für ihn persönlich ist „Mitt liv“ bis heute von den mehr als 1500 Liedern der ESC-Geschichte, unter denen es „so viele gute“ gebe, „das tollste“.

Ein Stück europäische Geschichte

Inzwischen sieht der 46-Jährige vor allem das große Ganze des Wettbewerbs. Für ihn ist der Contest „die letzte wirklich große Live-Sendung im Bereich Unterhaltung“, die noch dazu eine beeindruckende Geschichte und viele prominente Teilnehmer von Céline Dion über Abba bis Cliff Richard gehabt habe. Und die ein „Stück europäische Kultur- und Integrationsgeschichte“ sei.

Bei so viel Enthusiasmus und Pathos ist klar: Mit dem Ordenseintritt 2009 – bis dahin war er als staatlich anerkannter Erzieher Leiter verschiedener Kindergärten gewesen – endete die Begeisterung von Bruder Benedikt für den Wettbewerb nicht.

Im Gegenteil: 2019 erfüllte er sich einen lang gehegten Traum. Als sich beim deutschen Vorentscheid die 100-köpfige Eurovisions-Jury, die über den diesjährigen Teilnehmer mitbestimmte, kurz auf der Bühne formierte, stand Bruder Benedikt, eine stattliche Erscheinung, unübersehbar in der Mitte. In der Mönchskutte. 

Beim Vorentscheid in der 100er Jury

„Es war zugleich eine Botschaft, dass wir auch bei solchen Sachen mitmachen“, sagt er. Schon im vergangenen Jahr hatte er sich für einen Platz in dem Gremium beworben. „Ich habe dann aber abgebrochen, weil ich dachte: Du kannst da als Mönch nicht hin.“ 

Doch nach Zuspruch aus dem Kloster versuchte er es in diesem Jahr erneut – und wurde genommen. Es war für ihn der vorläufige Höhepunkt der „Saison“.

Die Praktikanten "müssen da durch"

Die geht am 18. Mai zu Ende. Dann sitzt Bruder Benedikt wieder mit anderen interessierten Mönchen und Gästen vor dem Fernseher in der Oase, dem Gäste- und Bildungshaus, und schaut sich die Übertragung aus Tel Aviv an. Er wird pünktlich sein, ganz sicher. 

Unser Lied für Israel

Das kann auch schon mal ganz anders aussehen – beispielsweise, wenn das ESC-Finale mit Pfingsten zusammenfällt. „Dann muss natürlich zunächst das Gebetspensum erledigt sein“, sagt Bruder Benedikt. „Aber es passt letztlich eigentlich immer.“

Praktikanten "müssen da durch"

Auch die Halbfinals am Dienstag und Donnerstag vor dem Finale gehören zum Pflichtprogramm für ihn. Die vorherige intensive Auseinandersetzung mit den aktuellen Liedern sowieso. 

Die Praktikanten im Gäste- und Bildungshaus bezieht der Mönch stets in sein Hobby ein. „Die müssen da durch“, sagt er lächelnd. Er lässt sie beispielsweise Songs, die in diesem Jahr an den Start gehen, bewerten – und teilt die Meinung in Diskussionsforen mit. 

Das Duo „S!sters“, das Deutschland beim ESC in Tel Aviv vertritt, ist für Bruder Benedikt ein Kandidat für einen Platz zwischen 12 und 17. Der Song „Sister“ bekommt vom Mescheder Mönch die Note „gut“. Beim Vorentscheid gehörte Bruder Benedikt zur Eurovisions-Jury, die über den deutschen Beitrag mitentschied.

Aus seiner eigenen macht Bruder Benedikt ebenfalls keinen Hehl: Die Niederlande (Duncan Laurence, „Arcade“) sind für ihn diesmal der Favorit. Für den deutschen Beitrag „Sister“ von „S!sters“ hofft er auf einen Rang zwischen 12 und 17, was er keinesfalls als Kritik verstanden wissen will („Ich finde das Lied gut.“). „Einfach peinlich“ findet es der Mönch hingegen, dass der eigene Song in Deutschland alljährlich „heruntergeredet“ wird.

Koordinator für Jugend und Bildung

Unabhängig vom Ausgang: Der ESC hat für Bruder Benedikt, den Koordinator für Jugend und Bildung in der Abtei Königsmünster, noch eine ganz andere Dimension. In der Historie des Wettbewerbs findet er erstaunlich viele Lieder mit einem spirituellen Bezug. Und die baut er immer wieder gerne in die Gebete bei den Schulbesinnungstagen ein, die einen neuen Zugang zum christlichen Glauben ermöglichen sollen. 

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Here is the logo design for the 64th Eurovision Song Contest in Tel Aviv! The EBU and Israeli Host Broadcaster KAN are delighted to unveil the inspirational logo for the Eurovision Song Contest 2019 - three triangles which, when united, shine together to create a golden star. It accompanies the slogan Dare to Dream, which was revealed last October in Tel Aviv by Jon Ola Sand, Eurovision Song Contest Executive Supervisor for organizers the European Broadcasting Union. KAN has revealed more details about the creative theme for this year’s contest: "The triangle, one of the world's oldest shapes, is a cornerstone symbol found universally in art, music, cosmology and nature, representing connection and creativity. As the triangles join and combine, they become a new single entity reflecting the infinite stellar sky, as the stars of the future come together in Tel Aviv for the Eurovision Song Contest 2019.” The tag line Dare to Dream symbolises inclusion, diversity and unity, which represents the core values of the Eurovision Song Contest. Tap the link on our profile to learn more on our website. #DareToDream #Eurovision #ESC2019

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Mit Hilfe der ESC-Songs versucht der Mönch, mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen ins Gespräch zu kommen – was „gut funktioniert“. „Ein bisschen Frieden“ gehört übrigens nicht zu diesem Repertoire. Das sei für die Zwecke dann doch „etwas zu kitschig“.

Lordi-Song für den Gottesdienst eher ungeeignet

Aber „Hard Rock Hallelujah“ von Lordi, der Siegertitel von 2006? Bruder Benedikt lacht. „Ich fand es großartig. Vom Text her ist es mit das religiöseste Lied“, sagt er. Aber noch sei der Song für jeden Zuhörer untrennbar mit den Monstermasken der finnischen Schock-Rocker Lordi verbunden – und für einen Gottesdienst daher ungeeignet. 

„Da müssen wir noch 50 Jahre warten, bis wir das spielen können“, sagt Bruder Benedikt. Aber als ESC-Experte weiß er sich natürlich zu helfen: Er hat eine Coverversion entdeckt. „Und in der erkennt man das Lied nicht sofort.“ Die lässt sich auch im Rahmen der Besinnungstage verwenden. Irgendwie ist halt dann doch immer „Saison“ für Bruder Benedikt.

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Quelle: wa.de

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