Wie ein Schweizer Käse: Besuch auf der A45 bei Dortmund

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Hier wird gebohrt: Projektleiter Frank Jurga (in Orange) im Gespräch mit einem Arbeiter.

DORTMUND - Seit gut einer Woche ruht der Verkehr auf der Autobahn 45 im Dortmunder Süden infolge eines Tagesbruchs. Sicher ist: Am Samstag wird noch gebaut, was angesichts des BVB-Heimspiels das tägliche Verkehrschaos noch vergrößern wird.

Von Holger Drechsel

Diese Stille ist befremdlich. Eine Autobahn so ganz ohne Autos hat immer etwas Surreales. Auf der Autobahn 45 in Dortmunds Süden ist dieser Zustand aber ganz real. Seit einer Woche schon und noch mindestens bis Montag ist die Sauerlandlinie gesperrt. Nach einem Tagesbruch werden hier die Wunden geschlossen, die der frühe Bergbau hinterließ. Ein Besuch auf Westfalens derzeit bekanntester Baustelle.

Der Weg zur Baustelle, von der zu jeder halben Stunde im Stauradio zu hören ist, ist nicht so einfach. Man muss einen respektablen Bauzaun öffnen, um auf den gesperrten Teil der A 45 zu kommen. Die üblichen Absperrbaken hatten nicht gereicht, erklärt Projektleiter Frank Jurga von der Essener DMT (Deutsche Montan Technologie), die für die Beseitigung der Bergschäden zuständig ist: „Am Anfang sind manche einfach durchgeschlüpft. Wir hatten schon einen Lkw und einen Porsche auf der Baustelle.“

Jetzt fährt hier niemand zwischen den Kreuzen Dortmund-Witten und Dortmund-Süd. Wo sonst bis zu 80 000 Autos am Tag rollen, ist Stille. Der Verkehr quält sich nun durch Dortmund und verstopft dort die Straßen. Hier auf der A 45 ist niemand, von wenigen Arbeitern abgesehen, die die Sperrung nutzen, die Fahrbahn ausbessern oder Gehölze zurückschneiden.

Dann, nach gut zwei Kilometern, bei den zwei Parkplätzen, deren Namen „Johannes Erbstollen“ und „Flöz Mäusegatt“ von Bergbaugeschichte künden, kommt die Baustelle. Die überraschend groß ist.

Fünf Baucontainer, ein großes grünes Silo, vier Bohrgeräte, zwei Dixiklos und jede Menge Schläuche, die sich teils über die Straße schlängern, teils wie überdickes Schilfgras aus der malträtierten Fahrbahn ragen. Viele Bohrungen haben sie durchlöchert wie einen Schweizer Käse.

Am Dienstag vor einer Woche hatte sich hier die Erde aufgetan. Ein Tagesbruch – zum Glück genau im Mittelstreifen der Autobahn. Der Landesbetrieb Straßen.NRW alarmierte die Bergbaubehörde, die riet mit Blick auf ihre alten Karten zur Sperrung, um mögliche Hohlräume aufzuspüren. Und die Spezialisten der DMT wurden fündig.

Kein Wunder. Im gesamten Dortmunder Süden wurde schon sehr früh Bergbau betrieben. Die Geschichte reicht bis ins 17. Jahrhundert, Karten gibt es aber erst etwa ab 1850. Da sind böse Überraschungen immer im Untergrund möglich. „Die Kohle lag hier sehr nah unter der Oberfläche“, erklärt Projektleiter Jurga. Seit einer Woche bohren seine Leute rund um die Uhr, 20 Mann einer Bochumer Spezialfirma sind im Einsatz, 160 Bohrlöcher haben sie bis jetzt gesetzt. Drei Flöze haben sie aufgespürt, ein viertes suchen sie noch.

Etliche Hohlräume fanden sie – vier Meter unter der Fahrbahn, manche mit zwei Meter Ausdehnung und mehr. Diese Hohlräume gilt es zu schließen, um das Fahren wieder sicher zu machen auf der Sauerlandlinie. Voll gepumpt werden sie – nicht mit Beton, der wäre zu zäh, um in alle Lücken zu fließen. „Mixan“ heißt der Stoff, ein „Mix aus Kalksteinmehl, Zement und Steinkohlenflugasche“, wie Jurga erklärt. Mit Wasser vermischt, wird der in den Boden gepresst. 420 Kubikmeter sind bis jetzt verarbeitet worden.

Eine Materialschlacht – und ein Kampf gegen die Uhr. Denn natürlich ist diese Baustelle auch für den erfahrenen Projektleiter eine spezielle Herausforderung: „Man schaut uns hier besonders auf die Finger.“ Von 8 bis 21 Uhr ist er auf der Baustelle. Aber schafft es sein Team, bis Montag fertig zu sein? Die Fahrbahn muss ja danach auch noch erneuert werden. „Es wird eng, aber ich habe ein gutes Gefühl“, sagt Jurga. Sicher sein könne man sich bei so einem Projekt aber nie: „Wie sagt der Bergmann? Vor der Schippe ist es dunkel.“

Wildwest auf der Autobahn

Aufregung am Dienstagabend auf der Baustelle an der A 45. Projektleiter Frank Jurga berichtet unserer Redaktion: „Hier ist Chaos. Irgendwer hat die Absperrung geöffnet. Jetzt fahren die uns hier auf die Baustelle.“ Konkret hätten vier Lkw und ein Pkw aus Richtung Frankfurt kommend die Absperrung ignoriert und erst vor den ersten Rohren auf der Baustelle Halt gemacht. „Dann mussten die mühsam wenden.“ Später seien dann noch einmal Pkw gekommen und seien einfach durch die Baustelle gefahren.

Nach Rückfrage unserer Zeitung schickte die Autobahnpolizei Dortmund einen Wagen vorbei und bestätigte die Situation, die dann entschärft worden sei. Ein Sprecher sagte: „Es gibt auf den Autobahnen leider nichts, was es nicht gibt. Man fragt sich: Was soll man denn noch an Sperren vor Baustellen aufstellen?“

Quelle: wa.de

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