Die Bahnen stehen, der Kölner läuft

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Gewerkschafter von Verdi stehen am Mittwoch in Köln vor einer Strassenbahn. Mit Arbeitsniederlegungen von Bus- und Straßenbahnfahrern haben in Nordrhein-Westfalen die Warnstreiks im öffentlichen Dienst begonnen.

KÖLN - Seit drei Uhr stehen die Busse und Bahnen in Köln still. Die Fahrer kämpfen mit einem Warnstreik für mehr Lohn. Und die Kölner? Die gehen zu Fuß.

Von Katrin Kampling

Ein Spaziergang am frühen Morgen. "Ich hab noch eine Stunde vor mir", sagt der Auszubildende Oliver. Es ist kurz nach sechs. Der 22-Jährige ist seit einer Viertelstunde unterwegs und will auf jeden Fall pünktlich in der Schule sein. Hinter ihm beeilen sich zwei Frauen, den Neumarkt zu überqueren. "Ich hab ein Fahrrad, aber das ist kaputt", sagt er und lächelt schief. Heute wäre ein Rad doch praktisch gewesen. Hektisch stößt eine Frau dazu. "Können Sie mir sagen, wie ich von hier zum Barbarossaplatz komme?" Sie wirkt leicht verzweifelt.

Schon seit Mittwochmorgen drei Uhr stehen die Bahnen in Köln. Denn auch die Kölner Verkehrs-Betriebe AG (KVB) ist vom Warnstreik der Gewerkschaft Verdi betroffen. Der Streik soll noch bis Betriebsende laufen. Erst ab drei Uhr am Donnerstag sollen Bus und Bahn wieder plangemäß durch die Kölner Straßen laufen.

Immerhin: Die Hotline der KVB informiert über die wenigen Busse, die trotz des Streiks noch fahren. Sie werden von Privatunternehmen betrieben und versorgen vor allem Kölner Randbezirke. Auf der KVB-Homepage gibt es eine genaue Liste.

Kein Auto, kein Fahrrad, da heißt es für viele "zu Fuß" - oder auf ein freies Taxi hoffen. Statt, wie üblich, Bahnfahren im Halbschlaf. Die ohnehin schon vollen Straßen Kölns sind am Mittwoch noch voller. Kein guter Tag für Morgenmuffel. Und kein guter Tag für Kioskbesitzer. Murat Barin arbeitet im Kiosk in der KVB-Station am Rudolfplatz. Für das Geschäft ist der Streik eine Katastrophe. "Der Chef wollte normalerweise auch zumachen. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht", sagt er. Denn eigentlich müsste er jetzt hinter dem Tresen rotieren.

Das Taxigeschäft läuft nur überraschend langsam an. Bis sieben Uhr hatte Unternehmer Diyadin Carooglu nur eine Fahrt. Vor ihm warten einige seiner Kollegen am Rudolfplatz. "Als Taxifahrer wollen wir natürlich die Bahnen ersetzen", sagt Carooglu. Im Optimalfall bringt ihm der Streik Zusatzverdienste. Gefreut habe er sich trotzdem nicht: Ihm tun die Leute leid.

Auch sein Kollege Mark Hafeneger kann sich nur mit einem schlechten Gewissen über sein volleres Portemonnaie freuen. Natürlich sei mehr Geld super. Aber: "Wenn Sie zur Arbeit müssen und haben vielleicht ein geringeres Einkommen, wie ein Friseur oder so", sagt er. Dann sei ein Taxi einfach nicht im Budget. Der Streik lohne sich dennoch für ihn. Um acht Uhr ist er schon mehr als doppelt so viele Touren wie sonst gefahren.

Am Hauptbahnhof steuern noch immer viele routinierte Bahnfahrer zielgerecht auf die Straßenbahnstation zu. Die große, leere Anzeigetafel ignorieren sie, schließlich kennen sie ihre Bahnzeiten. Erst unten, am abgesperrten Gleis, kommt die Erkenntnis. "Wie, die fährt nicht? Gar nicht?", fragt eine junge Frau fassungslos. Dann läuft sie los. "Oh Gott", sagt eine andere nur leise und kramt nach ihrem Handy. Reden geht jetzt nicht mehr, jetzt muss eine Alternative her.

Die meisten sehen den Streik entspannter. "Ich wusste das, aber ich dachte, ich versuch's mal", sagt ein 22-Jähriger, der seinen Namen nicht verraten möchte. Der Streik sei kein Problem. "Ich komm zwar später als ich wollte, aber ich habe Gleitzeit." Also geht es zu Fuß weiter. - dpa

Quelle: wa.de

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