In Decken gehüllt erschien sie vor dem Schwurgericht

Mutter aus Kierspe gesteht: Baby nach Geburt in Müllsack gesteckt

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Die Angeklagte wurde mit einem großen Tuch geschützt. Links im Bild ihre Anwältin Julia Kusztelak.

Der Fall hatte im Juni für großes Entsetzen gesorgt: Eine Mutter aus Kierspe gebar offenbar heimlich ein Baby und versteckte es in einem Sack in der Mülltonne. In letzter Sekunde retteten Polizisten dem Mädchen das Leben. Am Freitag hat nun der Prozess vor dem Hagener Schwurgericht gegen die Frau begonnen. Die 31-Jährige räumte die Tat über ihre Verteidigerin ein.

Kierspe/Hagen - Die Angeklagte habe „versucht, einen Menschen zu töten, ohne ein Mörder zu sein“, trug Oberstaatsanwalt Bernd Haldorn gestern im Landgericht Hagen den Vorwurf des versuchten Totschlags gegen eine 31-jährige Kiersperin vor.

Die Anklageschrift versah die dramatischen Ereignisse des 14. Juni 2019 mit den bisher bekannten Uhrzeiten: Gegen 9 Uhr morgens brachte die Frau im heimischen Badezimmer einen weiblichen Säugling zur Welt und steckte ihn anschließend neben dem Haus in einen Müllsack, der bereits teilweise gefüllt war. Kurz darauf verständigte ihr Verlobter die Rettungskräfte, weil seine Frau unter starken Blutungen litt. Im Krankenhaus soll die Frau zunächst geleugnet haben, ein Kind auf die Welt gebracht zu haben.

Mutter gibt den Tatablauf zu

Bei einer Notoperation wurden um 10.35 Uhr Reste einer Plazenta entdeckt, was die dringende Frage nach dem Verbleib des Kindes zur Folge hatte. Um 11.52 Uhr wurde das wimmernde Neugeborene aus dem Müllsack befreit und ins Krankenhaus gebracht. Seine Temperatur war auf bedrohliche 31 Grad gesunken. Ihre Mandantin gebe zu, dass der äußere Tatablauf so richtig ist, gab Verteidigerin Julia Kusztelak eine Erklärung im Namen ihrer Mandantin ab.

Selber äußerte sich die 31-Jährige nicht zu der Tat: Sie war optisch gut geschützt mit einer Decke in den Schwurgerichtssaal gekommen und verschwand fast zwischen ihren beiden Verteidigern. Nach dem Geständnis stand vor allem die Frage nach dem Warum im Vordergrund. Der Vater des Kindes berief sich auf die bestehende Verlobung mit der Kindsmutter und machte keine weiteren Angaben.

Er stimmte aber einer strafrechtlichen Verwertung seiner Angaben aus dem Ermittlungsverfahren zu. Seine Schwester, also die Tante des geretteten Kindes, hätte ebenfalls gerne die Aussage verweigert. Sie hatte allerdings kein Recht dazu und versuchte sich zunächst aus der Situation herauszuwinden: „Ich war nicht da“, „Was soll ich erzählen?“ und „Ich weiß gar nichts“ lauteten ihre ersten Sätze.

Tante des geretteten Kindes über Familienverhältnisse

Der Vorsitzende Richter Marcus Teich wurde ein bisschen streng: „Sollen wir so weitermachen?“ Und so wurde aus einer Verweigerungshaltung der Zeugin eine umfassende Aussage, die die familiären Verhältnisse ein großes Stück weit klärte. Die Zeugin berichtete, wie sie die scheinbare Gewichtszunahme zunächst noch auf die vorangegangene erste Schwangerschaft der Angeklagten zurückgeführt hatte.

„Nach und nach fing ich an zu zweifeln.“ Als sie der 31-Jährigen vorhielt, sie müsse zum Arzt, weil sie entweder einen Tumor habe oder schwanger sei, bestritt diese die Schwangerschaft. Es wurde deutlich, dass die Zeugin zwar eine aufmerksame Beobachterin war, aber bei der Aufklärung ihrer Vermutungen an Grenzen stieß. „Mehr als ansprechen kann man das nicht.“ Später fügte sie noch hinzu: „Dass es diesen Ausgang nahm – damit hätte niemand gerechnet.“

Das Verfahren wird am Mittwoch, 27. November, im Hagener Landgericht fortgesetzt.

So lautet die Anklage

Die Staatsanwaltschaft hat die junge Mutter wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung vor Gericht gebracht. Die Ankläger gehen davon aus, dass die Frau wusste, dass das Kind nach der Geburt lebte und es dennoch seinem Schicksal überließ. Damit habe sie den Tod des Mädchens billigend in Kauf genommen. 

Laut Anklage brachte die 31-Jährige das Mädchen im Badezimmer zur Welt, während ihr Lebensgefährte und eine gemeinsame ältere Tochter ebenfalls in der Wohnung waren. Anschließend soll sie den Säugling in zwei Handtücher gewickelt und mit nach draußen genommen haben. 

Laut Geständnis sagte sie ihrem Freund, sie wolle mit dem Hund spazieren gehen. Vor der Haustür habe sie dann die Mülltüte gesehen und ihre Tochter und die Handtücher hineingesteckt.

Kein Kontakt mehr zum Vater des Kindes

Mit dem Vater des Mädchens hat die 31-Jährige seit ihrer Festnahme keinen Kontakt mehr. Er habe sie nie im Gefängnis besucht oder ihr auch nur einen Brief geschrieben, sagte sie am Freitag. Die Angeklagte hatte sich zuletzt über längere Zeit mit einer psychiatrischen Sachverständigen unterhalten. Unter anderem von deren Einschätzung wird abhängen, ob der 31-Jährigen eine verminderte Schuldfähigkeit zur Tatzeit unterstellt werden kann.

Menschen im MK von tragischer Geschichte berührt

Die Anteilnahme im Märkischen Kreis war groß: Eine Kiersperin rief nach dem Baby-Fund im Müll eine Spenden-Aktion ins Leben.

Mit Material der dpa

Quelle: wa.de

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