Ausstellung „Out of the office“ im Museum Bochum

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Ein Industrietraum in Rot: Candida Höfers Foto „Spiegelkantine V“ (2000) aus der Sammlung der Essener Firma mfi ist in der Bochumer Ausstellung zu sehen.

Von Marion Gay ▪ BOCHUM–Auf dem Boden ein wildes Muster aus roten Kreisen. Rote Tische, rote Lampen, eine rote Decke – der ganze Saal flimmert in Rot. Entspannend ist es nicht, in der „Spiegelkantine“ (2000), fotografiert von Candida Höfer. Dafür können sich die Mitarbeiter hier eine Portion neuer Energie holen.

Die Fotografie ist eine Leihgabe der Essener Firma mfi – management für immobilien AG – und gehört zur Ausstellung „Out of the office – Unternehmensgalerie Ruhr. 2010“, zu sehen im Kunstmuseum Bochum. Die rund 80 Kunstwerke kommen aus Sammlungen von Firmen aus dem Ruhrgebiet.

Initiiert wurde die Ausstellung von „Pro Ruhrgebiet“, einem privatwirtschaftlichen, gemeinnützigen Verein mit mehr als 350 Mitgliedsunternehmen, der sich von Essen aus seit 1981 für das Ruhrgebiet engagiert und unter anderem die RuhrTriennale fördert. Die Idee, kunstsammelnde Unternehmer und Museen zusammen zu bringen, entstand 2007 als Projektvorschlag zum Kulturhauptstadtjahr, wie Vereinsvorsitzender Roland Kirchhof erklärt. Da rechnete noch niemand mit den Problemen, die die Organisation einer solchen, bislang in Deutschland einzigartigen Ausstellung mit sich bringen würde.

Im Ruhrgebiet gibt es keine Tradition des Kunstsammelns. Es fehlten die Fürstenhäuser und reiche Kirchen, die in anderen Regionen Europas Kunstschätze zusammentrugen. Im Ruhrgebiet konzentrierte man sich auf Technik und Wirtschaft. Erst Karl Ernst Osthaus, der die Idee vertrat, dass Kunst und Leben zusammengehören, holte Anfang des 20. Jahrhunderts Künstler nach Hagen und begann mit dem Kunstsammeln. Nicht, um damit zu repräsentieren, sondern um die Menschen des Ruhrgebiets an Kunst heranzuführen.

Noch immer geht es selten um das Repräsentieren, wenn man im Ruhrgebiet Kunst sammelt, und so war es nicht einfach, Unternehmen dazu zu bringen, ihre Kunstwerke der Öffentlichkeit zu zeigen. Laut Kirchhof war es einigen zu riskant, sich ausgerechnet in Zeiten von Wirtschaftskrise und Stellenabbau mit Schätzen zu präsentieren. Andere sprangen ab, als sie erfuhren, dass sie die Kosten der Ausstellung selbst zu tragen hätten. Es blieben rund 100 Firmen, deren Sammlungen von einem Kuratorium begutachtet wurden. Nur beste Qualität sollte gezeigt werden, Werke renommierter Künstler. Ausgewählt wurden 29 Firmen, darunter Unternehmen wie der Duisburger Haniel Konzern, die RWE und E.ON, aber auch mittelständische Firmen bis zur Arztpraxis.

Entstanden ist eine spannende Ausstellung, die sich keinem Thema und keiner Stilrichtung zuordnen lässt und Überraschungen bietet, wie zum Beispiel die Sammlung zeitgenössischer südafrikanischer Kunst, zusammengetragen von den Augusta-Krankenanstalten, die eine Niederlassung nahe Kapstadt unterhalten. Das Gemälde „Andries seated“ (2002) von Johann Louw zeigt einen apathisch wirkenden Mann in schmutziger Hose und Latschen in einem kahlen, grauen Raum.

Vor allem für Kunst in Westfalen engagiert sich die Provinzial NordWest Holding AG, die ihre Sammlung in Zusammenarbeit mit dem Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster aufbaut. Zu sehen ist u.a. ein wandgroßes Textilbild mit eingestricktem Norwegermuster von Rosemarie Trockel.

„Die Gründe, warum Unternehmen Kunst sammeln, sind unterschiedlich“, so Kirchhof. Es gäbe welche, die Kunst in Magazinen lagerten und als wertsteigernde Aktie betrachteten, viele aber würden sie durchaus als Möglichkeit erkennen, Mitarbeiter zu inspirieren und platzierten die Kunstwerke in Fluren und Kantine. Für die meisten gehört das Sammeln zur Unternehmenskultur; man möchte zeigen, dass man nicht nur auf Umsatz setzt, sondern sich auch in kultureller Hinsicht verantwortlich fühlt. So fördert die RWE AG den künstlerischen Nachwuchs durch regelmäßige Ankäufe und vergibt Stipendien. Die ehemalige Stipendiatin Joana Deltuvaitè dokumentiert in ihrer Foto-Serie „Public in Private“ (2009), wie RWE-Mitarbeiter den Büroräumen eine persönliche Note geben, indem sie etwa Maskottchen auf die Schreibtische stellen.

Dagegen sammelt die Evonik Industries AG in Kooperation mit dem Folkwang Museum hochkarätige nationale und internationale Kunst z.B. von Ulrich Erben und Per Kirkeby, während der aus Polen stammende Arzt Dr. Jerke sich mit Werken der polnischen klassischen Moderne aus Verbundenheit mit der alten Heimat umgibt.

Oft lassen sich die Kunstwerke den Firmen zuordnen. So beauftragte der im Pharmabereich tätige Haniel Konzern den britischen Künstler Damien Hirst mit einer Arbeit zum Thema Vergänglichkeit. Seine Installation „apothecary dream“ (2008) zeigt vier Medizinregale, gefüllt mit Mitteln zur Lebensverlängerung, angefangen bei Eisensirup und Kalziumtabletten bis hin zu Krebsmedikamenten, oft mit Haniel-Schriftzug. Und dass „Gas“ nicht langweilig ist, zeigt die Sammlung der E.ON Ruhrgas AG, unter anderem mit René Magrittes Bild „L’Empire des lumières“ (1953): Der blaue Himmel ist voller Schäfchenwolken, unten im Ort ist es bereits duster. Geheimnisvoll schimmern die Lämpchen.

Out of the office im Kunstmuseum Bochum. Bis 6. Februar;

Di - So 10 – 17 Uhr, Mi 10 – 20 Uhr, Tel. 0234/ 51600-30

http://www.bochum.de/kunstmuseum

Quelle: wa.de

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