Auslaufmodell Förderschule

DORTMUND ▪ Schon das Wort „Inklusion“ lässt Politiker in ganz Deutschland zusammenzucken: Hinter diesem Ausdruck verbirgt sich der enorme Anspruch, Kinder mit sonderpädagogischem Bedarf künftig nicht mehr in Förderschulen, sondern in den Regelschulen gemeinsam mit Kindern ohne Handicap zu unterrichten.

Deutschland hatte sich bereits im März 2009 freiwillig dazu verpflichtet, eine entsprechende UN-Konvention bis 2013 umzusetzen und muss nun ein inklusives Bildungssystem schaffen, das ohne Förderschulen auskommt und behinderte Kinder in das Regelschulsystem integriert. Eine gewaltige Aufgabe, denn in Deutschland haben mehr als 480 000 Schüler sonderpädagogischen Bedarf (das sind etwa 6 Prozent), davon mehr als 100 000 Schüler in NRW. Sie alle ins Regelschulsystem zu überführen, bedeutet eine enorme Kraftanstrengung und erfordert laut Bildungsstudien zudem Milliardeninvestitionen.

Doch bislang ist es mit der Umsetzung noch gar nicht gut bestellt, meint Udo Beckmann. Der Bundesvorsitzende der Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE) hatte das sperrige Thema deshalb gestern in den Mittelpunkt der VBE-Bundesversammlung in Dortmund gestellt. Dort forderte er einen gesetzlich verankertern Rechtsanspruch: „Inklusive Bildung ist kein Nullsummenspiel“, sagte Beckmann in seiner Eröffnungsrede. Der Bildungsexperte befürchtet, dass die Länderfinanzminister sich die Sache zu einfach machen und nicht die erforderlichen Gelder für die notwendige personelle, räumliche und sächliche Ausstattung bereitstellen wollen. Es werde bei weitem nicht ausreichen, einfach die vorhandenen Fachkräfte von den Förderschulen abzuziehen und auf die Regelschulen zu verteilen, an denen künftig die Förderschüler aufgenommen werden.

Auch bereits geplante Weiterbildungsmaßnahmen der Lehrer könnten den Bedarf ebenso wenig decken wie das bereits angedachte sonderpädagogische Modul in allen künftigen Lehramtsstudiengängen. Man müsse sich das so vorstellen, erläuterte der 1. Stellvertretende VBE-Bundeschef Rolf Busch unserer Zeitung: Wenn Schüler mit sonderpädagogischem Bedarf, die heute in einer Lerngruppe mit bis zu 15 Schülern zusammengefasst seien, künftig auf andere Schulen verteilt würden, seien höchstens drei bis vier dieser Schüler pro Klasse an Regelschulen verkraftbar. Derselbe Lehrer, der diese Schüler vorher im Klassenverband betreut habe, könne sich ja nicht zerreißen und seine bisherigen Schüler gleichzeitig in nunmehr vier oder fünf Klassen und zudem auch noch an anderen Standorten betreuen: „Das ist mit dem vorhandenen Personal schlicht nicht zu stemmen.“ Berechnungen von Bildungsforschern gingen davon aus, dass für die Umsetzung des inklusiven Bildungsmodells in Deutschland etwa drei Mal so viele Sonderpädagogen benötigt werden wie heute. Derzeit gibt es bundesweit etwa 65 000 Lehrer an Förderschulen, davon mehr als 16 000 in NRW.

Bei den für Bildung zuständigen Ländern sei diese Dimension bislang noch gar nicht angekommen. „Wir sprechen da über Milliardeninvestitionen“, sagte VBE-Pressereferentin Mira Futász. Selbst wenn dieses Geld sofort bereitgestellt würde, könne man den Schalter nicht von jetzt auf gleich umlegen. Erst einmal müssten Ausbildungskapazitäten geschaffen und mehr Sonderpädagogen ausgebildet werden. Das werde Jahre dauern. „Jetzt kann es nur darum gehen, die Weichen dafür zu stellen“, sagte Beckmann. Der Auftrag der UN-Konvention laute ja nicht, die Förderschulen in Deutschland von jetzt auf gleich abzuschaffen, sondern in allen Bereichen des Bildungssystems eine hochwertige sonderpädagogische Förderung sicherzustellen – nach und nach als Regelangebot an den Regelschulen.

Die NRW-Landesregierung will im kommenden Jahr einen Inklusionsplan entwickeln. Der Nachtragshaushalt 2010 bringt zudem 188 zusätzliche Lehrerstellen für integrative Lerngruppen in der Sekundarstufe I. In NRW werden heute bereits 20 000 Kinder mit Behinderungen gemeinsam mit Kindern ohne Behinderungen unterrichtet.

Beckmann, der auch NRW-Landeschef des VBE ist, wurde gestern für weitere drei Jahre als VBE-Bundesvorsitzender wiedergewählt. Er bekam 95 Prozent der abgegebenen Stimmen. ▪ Von Detlef Burrichter

Quelle: wa.de

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