NRW-Ministerpräsidentin hat Freude am „Nahkampf“

Auge in Auge mit dem Wähler: Hannelore Kraft auf Stimmenfang

+

Herne - Zwei Niederlagen in Folge im Saarland und in Schleswig-Holstein – die Stimmung bei der SPD könnte besser sein vor der wichtigen Landtagswahl am Sonntag in Nordrhein-Westfalen. Laut Umfragen wird es auch für Ministerpräsidentin Hannelore Kraft eng. Doch die stellvertretende Vorsitzende der Sozialdemokraten kämpft unverdrossen um die Titelverteidigung. Eindrücke einer Wahlkampftour durch die Region Westliches Westfalen.

Der Stuhl ist viel zu klein. Hannelore Kraft setzt sich dennoch. Schließlich will sie so viele Eindrücke sammeln wie möglich. Also fragt die SPD-Landesvorsitzende den anderen Anwesenden an dem niedrigen Tisch Löcher in den Bauch. 

Zuvor hat die 55-Jährige bereits einiges über die Abenteuer des „kleinen Drachen Kokosnuss“ erfahren, wenig später steht sie in der Forscherecke und zählt Marienkäferpunkte. Hannelore Kraft macht Musik, singt, sie ist in ihrem Element. Hätte die seit sieben Jahren amtierende NRW-Ministerpräsidentin in diesem Moment Wähler vor sich – sie hätte eine ganze Reihe von Ja-Stimmen für ihre Partei bei der Landtagswahl am kommenden Sonntag gesammelt. 

Immerhin: Für die strahlenden Drei- bis Sechsjährigen in der Hagener Awo-Naturerlebniskita Lennetal ist die Landesmutter in diesem Moment offenkundig eine ziemlich veritable Erzieherin. 

Es ist der Tag nach der bitteren SPD-Pleite in Schleswig-Holstein, die für große Ernüchterung bei den Sozialdemokraten gesorgt hat. Aus ihrer Enttäuschung über die deutliche Niederlage gegen die CDU im Rennen um die stärkste Kraft im hohen Norden macht auch Kraft keinen Hehl, anzusehen ist ihr diese nicht.

Und auf die Debatten über die vermeintlichen negativen Auswirkungen für ihre Kampagne, über eine generelle Abwärtsspirale für die SPD gibt sie nichts. Natürlich nicht. Kraft ist im Wahlkampf-Optimismus-Modus, der Endspurt ist eingeläutet. „Ich bin da sehr ruhig. Die Resonanz im Wahlkampf ist sehr positiv“, sagt Kraft, das Parteiprogramm müsse wegen der großen Nachfrage sogar nachgedruckt werden. 

NRW-Landtagswahl 2017: Das sind die Spitzenkandidaten

Aus dem Votum am Sonntag will die Landesvorsitzende mit der SPD erneut als stärkste Kraft hervorgehen – „in der Herzkammer“ der Sozialdemokratie, wie sie sagt. Dafür erhöht sie die Schlagzahl. Zum Beispiel mit der „Morgenröte“-Aktion zu nachtschlafender Zeit, bei der sie zum Schichtwechsel vor einem Werkstor in ihrem Mülheimer Wahlbezirk um Stimmen wirbt. 

Und sie tingelt weiter pausenlos durch NRW, ist heute unter anderem auf der „sozialen Meile“ in Lippstadt und auf dem NRW-Fest der Hammer SPD und morgen beim Straßenwahlkampf der Soester Genossen. Schließlich entscheide sich der Wähler immer kurzfristiger. 

In der Kita scheint für einen Moment die große Politik zu ruhen. Doch natürlich kommt der Termin wie gerufen. Kraft weiß um die Bedeutung der Bilder, die die vor ihr knienden, hockenden und stehenden Fotografen sowie ein Kamerateam machen. Es ist Wahlkampf, es geht nicht zuletzt um Symbole, und hier ist es das passende für eins ihrer zentralen Anliegen: Förderung von Kindern, Bildung. 

Sie wird es – verbunden mit dem Hinweis auf die seit 2010 investierten 200 Milliarden Euro in diesem Bereich – an diesem Tag immer wieder ansprechen. Wie die anderen Schwerpunkte: den Ausbau und die Verbesserung der Infrastruktur (auch der digitalen), die Stärkung der inneren Sicherheit, beispielsweise durch die Einstellung von mehr Polizisten, die soziale Gerechtigkeit. 

„Wir haben einen Plan. Und wir sind Schritt für Schritt vorangekommen“, sagt Kraft immer wieder. Die Kita steht auf dem Betriebsgelände der KB Schmiedetechnik GmbH, Letztere ist der eigentliche Grund für Krafts Abstecher nach Hagen. Sie macht sich beim Rundgang durch Fertigungshallen ein Bild des Spezialisten für sicherheitsrelevante Schmiedestücke, der beispielsweise Ventile und Rohrverbindungen für Chemie- und Energieanlagen liefert. 

Machen Sie mit: Das große Wissens-Quiz zur Landtagswahl

Es ist laut, mitunter sehr warm – und nicht besenrein. Kraft, dunkelblaue Hose, dunkelblauer Blazer, wirkt allenfalls äußerlich deplatziert. Immer wieder legt sie einen Stopp ein, um mit einem Arbeiter zu sprechen. „Das ist ja noch richtig viel Handarbeit hier“, sagt sie fast erstaunt. 2002 war das Unternehmen in der Insolvenz, bekam eine Landesbürgschaft für Investitionen, die sich auszahlten. „Da zeigt sich, dass es gut ist, dass wir solche Möglichkeiten haben“, sagt Kraft, die nicht nur hier das große Feld der Wirtschaftspolitik bearbeitet. 

Es geht um die Belastung von personalkostenintensiven Betrieben durch die EEG-Umlage, es geht um die Grenzen der Energiewende. Später, bei Vahle in Kamen, international agierender Hersteller von innovativen Datenübertragungssystem für mobile Industrieanwendungen, kommen Fragen nach Autobahnanbindungen, nach Infrastruktur (auch digitaler) ebenso hinzu wie mögliche Auswirkungen der Politik von US-Präsident Donald Trump. 

Kraft hört zu, macht sich wie immer Notizen, antwortet bestimmt, verbindlich, unaufgeregt, weist auch auf Grenzen ihrer Möglichkeiten hin, stellt aber immer wieder die rot-grüne Regierungszeit als Erfolgsgeschichte dar. 

Ohnehin: Wenn sie in den mit ihrem riesigen Konterfei verzierten Bus steigt, ist es eher eine Werbetour in eigener Sache als ein verbales Trommelfeuer gegen den „politischen Mitbewerber“, wie sie die CDU nennt. Sie verteidigt ihren arg umstrittenen Innenminister Ralf Jäger (SPD), allenfalls die von den Christdemokraten initiierte „Schlusslicht“-Kampagne bringt Kraft richtig auf die Palme. 

Denn der Vorwurf des vermeintlich letzten Platzes in manchen Bereichen im Bundesländer-Ranking sei ungerecht. Wenn jemand nur mit absoluten Zahlen hantiere, „sind wir immer hinten. Wir sind ja auch die meisten“, hält Kraft dagegen. „Das nervt“, schimpft sie zwischenzeitlich in ihrem Rede-, Gesprächs- und Interview-Marathon, in dem sie sich nur kurze Pausen gönnt und den sie mit zunehmend belegter Stimme absolviert. 

Von der ihr oft unterstellten Amtsmüdigkeit ist nichts zu sehen, auch die mitunter aufblitzende Schroffheit bei aufkommender Kritik ist hier, bei der Fahrt durch „ihr“ Land, nicht zu erkennen. „Wir in NRW können Wahlkampf“, sagt sie in ihrem „Tourbus“ vor Journalisten. Und es scheint, als meine sie damit vor allem sich. 

Der Stimmenfang ist ihr Ding. Kraft ist nahbar, sie geht auf Menschen zu, gewinnt sie für sich – ihr immer wieder hörbarer Ruhrpottdialekt trägt seinen Teil dazu bei. „Es ist sehr bemerkenswert, dass sich Frau Kraft unserer Themen annimmt“, sagt beispielsweise Angelika Schulte, Geschäftsführende Gesellschafterin bei KB. 

Schon am Morgen arbeitet die Ministerpräsidentin an ihrem Ruf als „Kümmerin“. Die SPD Herne hat Ehrenamtler ins Parkhotel eingeladen. Fast 200 sind gekommen, darunter bewusst nur rund ein Drittel mit SPD-Parteibuch, erklärt NRW-SPD-Pressesprecher Christian Obrok. Es soll kein Heimspiel sein – und zudem eine Fortsetzung des Kampfs um womöglich noch unentschlossene Wähler. 

Kraft lobt das Ehrenamt als „Kitt“ der Gesellschaft, fordert – unter zustimmendem Gemurmel im Raum – mehr Respekt für derart engagierte Menschen ein, von denen es in NRW allein sechs Millionen gibt. Sie selbst habe auch dazu gehört, als sie sich als Mutter in der Kita ihres inzwischen erwachsenen Sohnes engagiert habe. Es sei ihr Weg in die Politik gewesen. 

Die indirekte Botschaft: Ich bin eine von euch. Sie untermauert es wenig später, als sie das kleine Podest verlässt und von Stehtisch zu Stehtisch zieht. Es ist eine Art „Speed-Dating“ mit möglichst vielen Menschen. In diesem Fall sind es kurze, aber intensive Stippvisiten in die vielen Felder der Ehrenamtlichkeit. 

Kraft hat im wahrsten Wortsinn keine Berührungsängste, sie mag den „Nahkampf“ im Wahlkampf sichtlich. Die Mülheimerin lässt ihren Gesprächspartner nur selten aus den Augen, auch dann nicht, wenn sie einen Schluck Kaffee trinkt. Sie hakt nach, zieht dann weiter, erfüllt zwischendurch immer wieder Fotowünsche. 

„Das Schöne am Wahlkampf“ sind für sie solche Runden. Sie geht zum Beispiel zu Peter Windhäuser, Mitglied der verwaltungs- und politikkritischen Bürgerinitiative Herne-Süd, der angesichts des Ergebnisses in Schleswig-Holstein „gar nicht damit gerechnet“ hat, dass „Frau Kraft kommt. Ich dachte, sie hätte jetzt was anderes zu tun. Ich hätte es verstanden, wenn sie abgesagt hätte.“ 

Doch das kommt in der heißen Schlussphase des Stimmenfangs nicht in Frage. „Sie ist bürgernah. Ich denke, dass sie Interesse zeigt“, bilanziert Windhäuser, doch ein wenig Skepsis schwingt hörbar mit. Wenige Meter weiter sind drei Frauen derweil sichtlich angetan von der Ministerpräsidentin. 

„Sie ist sehr interessiert“, sagt Maike van Doorn-Kaivers von der aus einer Privatinitiative hervorgegangenen Flüchtlingshilfe „Neubeginn.Ruhr“, die gemeinsam mit Andrea Darwiche und der im September 2015 aus Syrien geflohenen Huda Al-Hussari gekommen ist. Kraft sei „authentisch, bodenständig und sympathisch“, fügt van Doorn-Kaivers hinzu. Und strahlt in diesem Moment ähnlich wie die Kinder der Hagener Kita.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare