Zweieinhalb Jahre nur im Zug

38.400 Euro für Monatskarten: Michael Brüll pendelt von Recklinghausen nach Neuenrade

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Rekord-Bahnpendler Michael Brüll im Abellio-Zug nach Hagen. Für Monatskarten hat er in 16 Jahren Bus- und Bahnfahrerei nach eigener Rechnung etwa 38 400 Euro ausgegeben.

Neuenrade - Michael Brülls pendelt täglich von Recklinghausen nach Neuenrade. Wie eine Liebesgeschichte ihn dazu brachte.

Michael Brülls Pendlerdasein begann vor 16 Jahren mit einer Liebesgeschichte. Die Frau seines Herzens, heute seine Ehefrau, wohnte in Recklinghausen. Er zog zu ihr, wollte aber seine Arbeitsstelle in Neuenrade-Küntrop nicht aufgeben. 

So blieb ihm nur die tägliche Fahrt von Recklinghausen nach Küntrop und zurück. Dazu muss man wissen: Michael Brüll hat keinen Führerschein. Er hat ihn nie gemacht. Er fährt mit Bus und Bahn. Und: Küntrop, wo Brüll als Versandleiter in einer Firma für Verbindungstechnik arbeitet, ist zwar ein von Wäldern umgebener reizender Sauerlandort im oberen Hönnetal, aber alles andere als eine Metropole.

Der Pendler als Alltagsheld

Wer von hier aus die rund 65 Kilometer Luftlinie nach Recklinghausen mit öffentlichen Verkehrsmitteln überwindet, kann schon ein wenig den Status des Alltagsheldens für sich beanspruchen. Ich treffe Michael Brüll auf dem Bahnsteig in Werdohl. Da hat er schon die Fahrt von Neuenrade bis zum Werdohler Bahnhof hinter sich. An diesem Tag hat ihn ein Kollege mitgenommen und vor der Station abgesetzt. Wir mustern uns.

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Der „Superbahnpendler“ ist ein freundlich blickender Mann, leger gekleidet, Rucksack dabei, das Smartphone in der Hand. Während wir einander noch vorstellen, rollt schon der Regionalexpress nach Essen ein. Der soll uns zunächst nach Hagen bringen, wo wir das erste Mal umsteigen werden.

"Die App ist ein Segen"

Der Zug des Betreibers Abellio ist gut besetzt, aber nicht übermäßig voll. Wir haben eine Vierersitzgruppe ergattert, wo wir uns gegenüber sitzen. Brüll blickt ab und zu auf sein Smartphone. „Scheint alles pünktlich zu laufen“, sagt er und bekennt: „Die App ist ein Segen.“ Mit seiner Smartphone-App kann er die Pünktlichkeit von Anschlusszügen überblicken, sich alternative Verbindungen und Routen bei Verspätungen heraussuchen. 

In Hagen haben wir sechs Minuten Zeit, den Bahnsteig zu wechseln. Michael Brüll lotst mich zu einem ganz bestimmten Platz vor einer Backsteinmauer. „Hier hält immer der zweite Wagen“, sagt er. Und das passiert auch genau so. Ich bin beeindruckt.

Leicht verspätete Abfahrt - mit Folgen..

„Ach, das hat man nach ein paar Monaten automatisch drauf“, sagt er. Leicht verspätet verlässt der Regionalexpress RE 4 um 16.34 Uhr Hagen Hauptbahnhof in Richtung Dortmund. Auf der Fahrt über Witten erzählt mir Michael Brüll weiter von den Erlebnissen während seiner 16 Jahre als Bahn-Pendler. 

Er berichtet über Mitreisende, von denen er einige mittlerweile kennt, weil auch sie Tag für Tag den gleichen Zug nehmen. Er erzählt von erwischten Schwarzfahrern und ihren interessanten Ausreden, von Lauttelefonierern, die manchmal ganz schön auf die Nerven gehen können, von Verspätungen und Zugausfällen, die ihn vor allem auf der morgendlichen Hinfahrt stressen, weil er schließlich pünktlich um Viertel nach acht auf seiner Arbeitsstelle sein will.

Das war sein einschneidenstes Erlebnis als Pendler

Er erzählt über die Furcht vor Bomben im Zug, seit 2006 einmal ein zum Glück fehlkonstruierter Sprengsatz von Gasflaschen in einem Zug von Köln nach Hamm entdeckt wurde. Danach habe auch er für einige Zeit Mitreisende mit Gepäck bisweilen kritisch beäugt, bekennt er. Und er berichtet von seinem einschneidensten Bahnerlebnis, von Kyrill, jenem Orkan, der am 18./19. Januar 2007 übers Land tobte

In Werdohl sei er nachmittags nach der Arbeit wie immer in den Zug gestiegen, aber schon im nächsten Bahnhof, in Altena, sei die Fahrt zu Ende gewesen. Dort hätten sie dann gestanden. Interessant sei dabei gewesen, wie sich im Laufe der Stunden auf engstem Raum aus einer Gruppe fremder Menschen eine Gemeinschaft gebildet habe. 

Gestrandet in Wanne-Eickel

„In solchen Situationen scheinen Menschen doch zusammenzuhalten“, so Brülls Fazit, das auch ein wenig von ihm selbst preisgibt. Gewiss, auch er ärgert sich über all die Dinge, die beim Zugfahren schief gehen können. Aber grundsätzlich wirkt der 55-Jährige positiv gestimmt, das Leben eher gelassen nehmend. „Wahrscheinlich muss ein Bahnpendler auch in dieser Art und Weise ticken, wenn er das schon so lange durchhält“, denke ich bei mir.

Die Folgen der verspäteten Abfahrt

Der Umstieg in Dortmund prüft unser beider Nerven stärker als der vorhergegangene. Der Zug hält auf Gleis vier, einem der abseitig gelegenen Stumpfgleise im südlichen Bahnhofsbereich. Unser Anschlusszug, der Regionalexpress RE 3 Richtung Düsseldorf, fährt aber auf Gleis 21 im nördlichen Bahnhofsareal ab. Wir haben wegen der leichten Verspätung nur noch knapp fünf Minuten und schlängeln uns treppab und treppauf durch Menschenmassen. Es klappt. Wir lassen uns auf einen Zweiersitz fallen.

Das Smartphone als treuer Begleiter. 

Der RE 3 verlässt mit uns fast pünktlich Dortmund Hauptbahnhof. Auch Umstieg Nummer zwei wäre damit bewältigt. Über Castrop-Rauxel und Herne geht es nach Wanne-Eickel Hauptbahnhof. Dritter Umstieg. Der nächste Zug, der RE 42 mit Ziel Münster, ist in dem für seinen Mond angeblich so berühmten Ort auch pünktlich avisiert, aber die Nachricht auf der Anzeigetafel gibt zu denken. Darauf steht lediglich „Recklinghausen Süd“ als Ziel angegeben. Wir erfahren kurz darauf: Zwischen Recklinghausen und Marl-Sinsen brennen Böschungen an Bahnstrecken. Zugverkehr nach Münster deshalb eingestellt.

"Das sind die Dinge, die nerven"

„Sehen Sie!“, sagt Michael Brüll, „das sind genau die Dinge, die beim Bahnfahren nerven.“ Er hat sein Smartphone gezückt und prüft die Lage. Bis Recklinghausen-Süd wird er mit dem Zug fahren, um dann mit dem Bus in die Nähe seiner Wohnung zu gelangen. Ich wollte eigentlich weiter nach Münster und mich dann in Recklinghausen von Michael Brüll im Zug verabschieden. Nun müssen wir bereits auf dem Bahnsteig in Wanne-Eickel Lebewohl sagen, denn ich möchte nicht in Recklinghausen-Süd stranden. „Was für ein Arbeitsweg“, denke ich noch, als ich Michael Brüll in seinen Zug steigen sehe. 

Ich rufe mir Brülls morgendlichen persönlichen Fahrplan ins Gedächtnis: 5.05 Uhr mit dem Bus zum Bahnhof Recklinghausen, 5.18 Uhr mit dem Zug nach Wanne-Eickel, 5.34 Uhr von dort weiter nach Dortmund, dort 6.09 Uhr nach Hagen, 6.40 Uhr weiter nach Werdohl, hier um 7.30 Uhr in den Bus nach Neuenrade. Dort steigt Brüll dann aus, geht fünf Minuten zur Wohnung seines Bruders, wo er ein Fahrrad besteigt und so zwischen fünf bis zehn nach acht bei der Arbeit nach über drei Stunden Fahrt ankommt. 

Das macht sechs Stunden Fahrzeit täglich. Das waren in 16 Jahren Pendelei zweieinhalb Jahre im Zug. Brüll hat es selbst ausgerechnet.

Der Pendler

  • Michael Brüll 
  • 55 Jahre 
  • Versandleiter 
  • Recklinghausen 
  • Strecke: knapp 90 Bahn- und Buskilometer 
  • Verkehrsmittel: Bus, Bahn, Fahrrad 
  • Gründe für ÖPNV-Nutzung: persönliche Umstände, kein Führerschein

Der Autor

Lutz Kämpfe begleitete Michael Brüll auf seinem Arbeitsweg von Werdohl nach Wanne-Eickel. Der Autor selbst fährt mit Fahrrad oder Bus zur Arbeit, selten mit dem Auto. Sein Verhältnis zur Bahn ist eher nostalgischer Art. Er bedauert, dass Züge nicht mehr von Dampfloks gezogen werden.

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Quelle: wa.de

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