Gastronomiekultur

Mit dem Fernsehen begann das Kneipen-Sterben in Wickede

Alte Postkarte mit Gruß aus der ehemaligen Gaststätte zur Glashütte in der Oststraße.
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Ein postalischer Gruß aus der ehemaligen Gaststätte zur Glashütte in der Oststraße.

Die Hoch-Zeit der Wickeder Gastronomiekultur lag in den 50er-Jahren. Dann begann das Kneipen-Sterben.

Wickede - „Das Kneipen-Sterben in Wickede fing an mit dem Fernsehen.“ Erich Garte vom Heimatverein bringt neben dem geregelten Sendebetrieb in den 1950-er Jahren, der immer mehr Menschen vor der Mattscheibe festhielt, noch andere Verursacher ins Spiel: der Boom der Partykeller im eigenen Heim, aber auch die Vereinsheime, die sich immer mehr auch in der Ruhrgemeinde etablierten.

Der gelernte Bankangestellte hat als Rentner heute die Zeit, die Entwicklung der heimischen Gastronomie für den Heimatverein zusammenzutragen. Das Interesse wurde ihm wohl ein stückweit auch in die Wiege gelegt: er ist ehemaliger Gastwirts-Sohn einer ebenso legendären Kneipe, die heute wie manche andere auch nur noch Wohnzwecken dient.

„Ich habe lange selbst hinter der Theke gestanden – neben meinem Beruf“, erzählt Garte. Etwa bis 1973 habe er in der Rissenhofstraße gezapft, dort manche Schützenfest- oder Karnevals-Sausen miterlebt. Bis auch die Gaststätte Garte vor sechs Jahren nach 58 Betriebsjahren unter der letzten Chefin Marlies La Fontaine die Pforten schloss.

Die Aufarbeitung der Wickeder Kneipengeschichte(n) braucht seine Zeit: Sechs Jahre schon arbeitet Garte daran, und der Aktenordner ist bereits prall gefüllt. „Da fehlt aber noch Einiges,“ meint er und daher gelte der Aufruf des Heimatvereins auch weiterhin an die (alten) Wickeder, Fotos, Berichte und andere Angaben über die heimische Kneipenkultur zur Verfügung zu stellen.

Die Hoch-Zeit der heimischen Gastronomie haben Garte und andere Vereinsmitglieder aber längst ausgemacht. Sie lag etwa in den 50-er Jahren mit rund 40 Gaststätten, Hotels und Restaurants, die damals nebeneinander existierten. Um die 60 Betriebe insgesamt habe Wickede seitdem kommen und gehen sehen, nur wenige überdauerten. „Heute komme ich gerade mal noch auf ein Dutzend“, nennt der 74-jährige „Kneipenforscher“ sie auch schnell beim Namen: „Colorado“ und „Dicker Baum“ stehen für das gut Gezapfte. Wer auch noch gut speisen und unter Umständen auch noch übernachten will – falls Corona es mal wieder zulässt – hat die Wahl unter Erlenhof, Gerbens, Bürgerhaus, Korte, Pizzeria La Garage sowie Rustica, O Pipo mit portugiesischer Note, Haus Schulte in Echthausen und Alte Post in Wimbern – diese Aufzählung allerdings ohne Gewähr.

Boom begann vor 100 Jahren

Bereits um 1900 hatte Wickede als eher ruhige Landgemeinde bei etwa 1 500 Einwohnern verhältnismäßig viele Gaststätten. Ein Zeitungsbericht von 1958 begründet das mit der Industrialisierung, aber auch der Durchgangsstraße (Münstersche Straße, heute die Hauptstraße). Insgesamt waren es neun Gast- und Schenkwirtschaften, die sich um das Gästewohl bemühten. 1958 seien es bei 6 300 Einwohnern zwölf Lokale und drei- bis viermal so viele Verkaufsstellen für Flaschenbier gewesen.

Auch der Heimatvereins-Vorsitzende Josef Kampmann hat in Sachen Wickeder Kneipenkultur schon recherchiert. Als erster Gastwirt in Wickede wird in einer Klassen-Steuer-Liste für das Jahr 1822 Eberhard Knippert genannt, schrieb er in einem Beitrag. Dessen Besitzung lag an der unteren Hauptstraße/Ringstraße auf dem heutigen Parkplatz der Firma Westfalenstahl. Zu den ältesten Gaststätten gehört auch der heutige „Erlenhof“ an der unteren Hauptstraße; Die Konzession muss der damalige Wirt Josef Plettstein zwischen 1828 und 1834 erhalten haben.

Wer weiß mehr?

Der Wickeder Heimatverein sucht für seine interne Recherche über die Gastronomieentwicklung in Wickede Fotos, Berichte und sonstige Angaben über die Gastronomiebetriebe in Wickede sowie in den Ortsteilen Wimbern, Echthausen, Wiehagen und Schlückingen. Wer weiterhelfen kann, sollte sich per Mail an Info@heimatverein-wickede-ruhr.de wenden oder telefonisch an Erich Garte, Tel. 02922/2561. Informationen fehlen vor allem zu folgenden Gastro-Betrieben: Hermann Meiners (Kapellenstraße), Sportlerheim (Im Ohl), Anglerheim, „Enge Weste“, Langenbach (Hauptstraße 39/heute Teschler), Hockenbrink (Hauptstraße 85), Hobert (Hauptstraße 64 bzw. 27/nachher Hecker), Gaststätte König (Hauptstraße 27), Adam Lohage (gegenüber Radio Neuhaus), Kleeblatt-Hömberg, sowie über die erste Pommes-Bude in Wickede am Markt (Wilhelm Greunde, „Greunen Schwede“ Raskin).

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