Wickeder Verein „Zuhause-Gut“

Das wünschen sich die Eltern von Autisten

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Wollen mit dem Verein „Zuhause-Gut“ eine Heimat für Autisten schaffen: Vorsitzende Leonie Knapp (r.) und 2. Vorsitzende Andrea Schulte, die zwar kein autistisches Kind hat, aber Gründungsmitglied des Vereins und engagierte Mitstreiterin ist.

So unterschiedlich Kinder sind, haben Eltern auf der ganzen Welt für ihre Söhne und Töchter vor allem ein Ziel: dass sie ein gutes, ein glückliches Leben führen. Auch dann, wenn Mutter und Vater irgendwann nicht mehr da sind. Und auch die Eltern im Verein „Zuhause-Gut“ wollen das. Mit der besonderen Herausforderung, dass ihre Kinder Autisten sind. Darauf haben sie am 2. April, dem Weltautismus-Tag, besonders aufmerksam gemacht.  

Wickede - Menschen mit Autismus können äußere Reize nicht filtern, kanalisieren oder ausblenden. Das Piepen an der Scanner-Kasse kann für sie unerträglich werden, optische Reize werfen sie schnell aus dem Konzept, körperlicher Kontakt ist unerträglich. Autisten sind diesen Reizüberflutungen hilflos ausgeliefert. Sie können soziale und emotionale Signale nur schwer einschätzen und haben ebenso Schwierigkeiten, diese auszusenden. Sie brauchen deshalb ganz spezielle Formen der Unterbringung und Betreuung. 

Während es für verschiedenste Formen der Behinderung passgenaue Einrichtungen gibt, um den Menschen wie im Bundesteilhabegesetz gefordert die jeweils größtmögliche Integration zu bieten, sind Familien von Autisten bisweilen noch auf sich allein gestellt. 
Etwa mit eben jenem Wunsch, ihr Kind in Zukunft gut versorgt zu wissen.

Mit genau diesem Ziel hatte sich in Wickede 2019 der Verein „Zuhause-Gut“ gegründet. Der Verein möchte eine Heimat schaffen, in der Autisten wohnen, leben und arbeiten können. Im weiteren Bundesgebiet gibt es so etwas: Vorzeige-Einrichtungen wurden etwa im Raum Bremen oder in Bayern gegründet.    

Die Wickederin Leonie Knapp ist Vorsitzende des Vereins „Zuhause-Gut“. Ihr Sohn Aaron entwickelte seinen Autismus im Kleinkindalter. Jetzt ist er 18. Die Wickederin weiß daher, was es z.B. bedeutet, wenn die Bestimmungen nach der Schulzeit für den Autisten den Wechsel in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung vorsehen.

Ohne Perspektive daheim versauern

Eine fremde Welt, weg aus Strukturen, die Aaron seit vielen Jahren Sicherheit und Halt gaben, dazu der Verlust der Integrationskraft, die jetzt beim Wechsel in die Werkstatt wegzufallen drohte. Der Effekt: Überforderung, Krise, Anspannung. Aaron war nicht mehr in die Werkstatt zu bekommen, drohte, daheim ohne Perspektive zu versauern - ein Schicksal vieler Autisten im Erwachsenenalter.

Wenn Leonie Knapp nach vielem Hin und Her jetzt auch beim Jugendamt eine Assistenzkraft für Aaron erwirkt hat, weiß sie doch: Die amtlich betriebene Zuweisung in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung mit dem gewünschten Ziel der Eingliederung sieht in der Praxis anders aus.

Trotz der Assistenzkraft konnte Aaron bislang nicht in die Gruppe integriert werden, er arbeitet in einem abgetrennten Raum, da das Umfeld mit den Kollegen und ihren kommunikativen Bedürfnissen sowie insgesamt der Geräuschpegel zwangsläufig nicht dem Bedarf der notwendigen Reizarmut entsprechen können.

Diese Form der Integration funktioniert erst recht nicht bei dem behördlicherseits formulierten Ziel der Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt. Gleiches gilt für die behördlich skizzierte Absicht, Autisten in ihren eigenen Wohnraum und in das selbstbestimmte Wohnen zu überführen. Leonie Knapp: „Das wird nicht funktionieren, zumindest nicht für unsere Kinder“.

Noch viel Überzeugungsarbeit nötig

„In den Behörden fehlt es teilweise an Grundwissen“, heißt es vom Vorstand des Wickeder Autismus-Vereins. Obwohl die Eltern auf der einen Seite und die Sozialträger auf der anderen letztendlich dasselbe wollen, nämlich die optimale Versorgung der Autisten, werde dafür noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten sein.

Immerhin: Mit dem in Wickede gegründeten Verein haben Eltern aus der gesamten Region einen Anfang gemacht, den besonderen Bedarf des Autismus-Spektrums gegenüber den Behörden zu verdeutlichen. Dabei ist der Name ihres Vereins Programm. Denn das übergeordnete Ziel ist das „Zuhause-Gut“, die zukünftige Heimat ihrer Kinder zum Arbeiten, Wohnen und Leben, wie es dem Autismus gerecht wird.

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