Autoren mit NS-Geschichte als Straßenpaten

Straßen mit Namen von Nazi-Autoren: Pro und Contra Umbenennung

Wohnzeile am Heinrich-Luhmann-Weg
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Eine Wohnzeile am Heinrich-Luhmann-Weg: Bisher hat sich kein Anwohner für eine Umbenennung ausgesprochen.

Dass eine Änderung von Straßennamen „innerhalb von Nachbarschaften sehr konfliktreich zwischen Befürwortern und Ablehnenden“ sein kann, wie dies jetzt Bürgermeister Martin Michalzik festhielt, zeichnet sich bereits bei den bisherigen Reaktionen zum Thema ab.

Wickede - Die kommen nicht nur aus der Siedlung in der Ziegenhude, in der vier Straßennahmen nach dem Antrag der Grünen geändert werden sollen, weil die Namensgeber als Autoren und Dichter den Nationalsozialismus unterstützten.

Vielmehr kommen Stellungnahmen auch von außerhalb. Bislang zu erkennen ist ein Trend: Von den Anwohnern gibt es durchweg Ablehnung zur Umbenennung, von nicht direkt Betroffenen vielfach Zustimmung.

„Mit personenbezogenen Straßennamen soll in der Regel das Leben und Wirken von Personen gewürdigt werden, die sich in besonderer Weise für die Allgemeinheit verdient gemacht haben, wozu die Vertreter der Nazi-Schreckensherrschaft nicht zählen“, heißt es etwa aus Echthausen. Stattdessen die Opfer rechtsradikaler Gewalt zu Paten zu machen, wie auch etwa Kassels Regierungspräsident Walter Lübcke, sei „doppelt richtig“.

„Die Umbenennung ist gerade auf dem Hintergrund eines leider heute immer noch weit verbreiteten Antisemitismus und Fremdenhasses ein klares und deutliches Zeichen der Abgrenzung, ein Zeichen der Auseinandersetzung und Aufarbeitung der Vergangenheit“, lautet eine Meinung aus dem Wickeder Westen.

„Jeder, der meint, Nazis habe es ja schon immer gegeben, und es sei normal, dass auch sie auf Straßenschildern stehen, muss sich darüber im klaren sein, dass er es gutheißt, dass Personen, die sich für ein verbrecherisches System (und seine Verbrechen!) eingesetzt haben, auf öffentlichen Schildern gewürdigt werden - er macht sich damit implizit mit diesen Personen gemein“, heißt es aus Ense. 

Dann ist da aber auch Ablehnung zum Grünen-Antrag. „Hier kann man den Eindruck haben, dass mit der Lupe nach ,schwarzen Flecken‘ im Lebenslauf von Straßennamen gesucht wird, um einen Grund für die Umbenennung mit maximaler politischer Korrektheit zu finden“, heißt es etwa aus Bochum.

Und wenn man schon so ,genau‘ hinschauen mag, dann sollte man nicht verschweigen, dass auch Otto Hahn und die von den Grünen alternativ vorgeschlagene Lise Meitner in der Nazi-Zeit an der Universität geforscht haben – „was sicherlich ,offensichtlich politisch Andersdenkenden‘ in dieser Zeit nicht gut möglich war“. 

Aus dem Kreis der Anwohner, die direkt und in vielfältiger Weise von einer Namens- und Adressänderung betroffen wären, kommt ausschließlich Ablehnung zum Thema.

„Bei der Bauplanfestlegung sind diese Namen vergeben worden, (vor ca. 40 Jahre) nach westfälischen Schriftstellern und Dichtern. Keiner hat dagegen gesprochen. Auch 2010-2011 wurde dieses Thema ,Umbenennung‘ angesprochen und es verlief im Sand. Und es soll auch so bleiben!“, lautet eine Stimme.  

„Jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient“, heißt es zudem. Die in Rede stehenden Autoren hätten nach der Nazi-Zeit und Berufsverbot später systemkonform weiter schreiben und arbeiten können, Heinrich Luhmann sei 1966 sogar mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt worden.

Zum Wirken im NS-Regime heißt es: „Schön war das nicht“, aber damals sei den Menschen oft nichts anderes übrig geblieben, als mit den Wölfen zu heulen. „Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein“, sei jenen gesagt, die heute darüber urteilen.

Nicht ohne den Verweis auf die nötigen Mittel einer Umbenennung, die gerade in der Corona-Krise etwa im sozialen Bereich besser aufgehoben wären, meint wieder ein anderer Anwohner, das man die Vergangenheit nicht ausradieren, es aber heute besser machen könne.

Niemandem sei zu unterstellen, dass man hier Autoren mit einer Nazi-Vergangenheit unterstützen wolle, aber man sollte die Vergangenheit endlich einmal ruhen lassen.

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