Handelwandel und Corona

Sportgeschäft zieht die Reißleine

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Nach mehr als vier Jahrzehnten sind die Tage des traditionellen Sportgeschäftes an der Kirchstraße gezählt. Der Betrieb soll nicht zum Subventionsgeschäft zu Lasten des Pflegedienstes werden. 

Wickedes Sportgeschäft geht in den Räumungsverkauf. Der 2020 von Thomas Hinrichs vom heimischen Pflegedienst als weiteres Standbein übernommene Sporthandel entwickelte sich spätestens unter Corona-Einfluss zum Subventionsgeschäft. Jetzt zieht man die Reißleine, wie Ines Hinrichs verdeutlicht.

Wickede – Es war nicht zuletzt der Wunsch der Ur-Wickederin, Sport Papenberg als Institution der heimischen Geschäftswelt zu erhalten. Deshalb habe man 2019 den Handel von Rüdiger Papenberg übernommen – und auch die Bindung an die Fachhandelsgruppe „Sport 2000“, so Ines Hinrichs. Damit sind allerdings Waren in einem solchen Umfang zu beziehen und zu bezahlen, wie sie ein kleines Geschäft wie in der Kirchstraße kaum absetzen kann. Oder besser: Nicht mehr. Denn verschiedene Faktoren sorgen dafür, dass der Absatz schrumpft.

Das Internet ist seit Jahren ein Faktor: Die Leute orientieren sich über die Produkte vor Ort im Fachhandel, kaufen dann aber günstiger online. Auch Corona wirkt. Zum Beispiel deshalb, weil plötzlich Waren aus dem Sportsegment beim Discounter oder Vollsortimenter auftauchen. Als Verkaufsstätten des täglichen Bedarfs durften und dürfen sie auch während der Pandemie verkaufen, während der Fachhandel im Lockdown steckte oder wegen Testnachweis nicht genutzt wurde. Die Hersteller wollen nun mal ihre Produkte loswerden – egal wie.

Hinzu kommt der Preisunterschied: Eine Handelskette mit großer Abnahme bekommt ganz andere Rabatte als der kleine Einzelhändler. Der besorgt sich seine Waren deshalb bisweilen lieber selbst bei Amazon und Co, statt bei seinem Einkaufsverbund, weil es so günstiger ist.

Unterm Strich resümiert Ines Hinrichs daher zum Sportgeschäft in der Kirchstraße: „Der Bedarf ist nicht da, es lohnt sich nicht“. Die Konsequenz ist jetzt der Räumungsverkauf und die Trennung von der Handelsgruppe Sport 2000. Damit wäre dann schon mal ein Kostenfaktor ausgeräumt, wenn auch für weitere rund 1,5 Jahre noch die Pacht für das rund 150 qm großen Ladenlokal zu bedienen ist.

Plus minus Null würde man das Projekt sogar noch weiterfahren. Doch bei aller Identifikation mit dem alteingesessenen Sportgeschäft als Teil der Wickeder Einkaufskultur: Ein Zuschussgeschäft sollte es nicht werden. Aus wirtschaftlichen Gründen verbot sich daher ein Weitermachen.

Zumal die roten Zahlen, die das Sportgeschäft schrieb, vom Pflegedienst aufgefangen werden mussten. Für Ines Hinrichs ist das keine Option. „Wir haben seit vier Jahren die Preise zugunsten unserer Patienten nicht erhöht, und ich möchte den Pflegedienst nicht teurer machen, um Sport 2000 halten zu können“.

Das Kerngeschäft nämlich, der Pflegedienst Hinrichs, läuft gut. Ebenso das aktuell hinzugenommene Corona-Testzentrum. Dass im Sportgeschäft von den Kunden weiterhin ein negativer Corona-Test erbeten wird, obwohl diese Nachweispflicht für den Einzelhandel mittlerweile wieder erlassen ist, sei nicht etwa Absicht, um das eigene Testzentrum weiter auszulasten. Das sei vielmehr eine Frage der Sicherheit, so Ines Hinrichs. Denn wenn die Mannschaft des Pflegedienstes von Corona betroffen wäre, „dann bricht hier einiges zusammen“. Ganz abgesehen von der offiziellen Pflege sei da auch eine Vielzahl ehrenamtlicher Leistungen mit dabei, die sonst gar nicht zu bezahlen wären.

Daher war es keine Frage, dass neben den häufigen Tests, denen sich das Team des Pflegedienstes „zum Schutz unserer Patienten“ unterziehe, auch die Kunden während des Räumungsverkaufes jetzt noch darum gebeten werden. Die gute Nachricht für die beiden Verkaufskräfte im Sportgeschäft: Sie werden in den Pflegedienst übernommen. „Das war uns wichtig“, sagt Ines Hinrichs. Sie freut sich, dass angesichts des gut laufenden Pflegedienstes, bei dem jüngst noch das Projekt „Park-Residenz“ in Lendringsen hinzukam, Bedarf für die beiden Mitarbeiterinnen herrscht.

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