IHK-Projekt gibt "Industrie 4.0" Rückenwind 

Premiere für "Kollege Cobot": Azubis und ihr Roboter schon fast unzertrennlich

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Den Cobot mit der Steuerung im Griff: Margarete Hillebrand-Königkamp, Beauftragte für das Qualitätsmanagement bei Hillebrand Coating, hinter ihr v.r. Geschäftsführer Werner Hillebrand, IHK-Präsident Andreas Rother und IHK-Geschäftsbereichsleiter Klaus Bourdick sowie Ausbilder und Azubis des Oberflächen-Fachmannes aus der Westerhaar.

Wickede – Das Roboterprojekt der IHK ist ein Gewinn für alle Seiten - das wird schon zum Startschuss deutlich, der in Wickede in der Firma Hillebrand Coating fällt. Seit wenigen Tagen erst lernen die Azubis dort mit und an dem Roboter. Bereits das reicht, um Geschäftsführer Werner Hillebrand zu überzeugen: Er stellt binnen Halbjahresfrist die Investition in mehrere solcher Arbeitsmaschinen in Aussicht.

„Industrie 4.0“ - das Stichwort steht für Digitalisierung der Produktion. Arbeitsabläufe sollen zunehmend vom Roboter unterstützt werden - etwa von so genannten „kollaborierenden Robotersystemen“. 

Beispiel bei Hillebrand Erbslöh: Bei Verpackungsarbeiten konzentriert sich der Mensch künftig auf Kontrolle und Qualität der verpackten Einheit, der Roboter übernimmt das Bücken, Heben, Drehen und Absetzen der zu verpackenden Teile.

Mensch und Maschine als funktionierende Arbeitseinheit

Vorteil des auch als „Cobot“ bezeichneten „kollaborierenden Roboters“: Er kann auf den Menschen reagieren. Kommen sich beide ins Gehege, stoppt der mit Sensorik ausgestattete Cobot seine Bewegung - Mensch und Maschine also als funktionierende Arbeitseinheit.

Versuchskaninchen: Klaus Bourdick stellt sich dem Roboterarm in den Weg. Der stoppt und stupst den IHK-Mann nur kurz an.


Die am Donnerstag von IHK-Präsident Andreas Rother und IHK-Geschäftsbereichsleiter Klaus Bourdick erneut bekräftigte Zielsetzung, „die Region weiter nach vorne zu bringen“, findet sich im Roboterprojekt in Reinform wieder. Elf Firmen haben sich unter Leitung der IHK zusammen getan, buchen den 35.000 Euro teuren Roboter zwischen drei und elf Wochen im Jahr, um ihn den Azubis an die Hand zu geben.

"Learning by doing" - und Grundkenntnisse durch Youtube

Die Bedienung ist einfach, vieles erschließt sich durch „learning by doing“, Grundkenntnisse vermittelt ein Youtube-Seminar. Nach wenigen Stunden haben die Azubis den Roboter so weit, dass er erste Arbeitsabläufe erledigt. 

Zudem wird ihre Kreativität angeregt, weil spezifische Bauteile wie ein Greifarm oder Saugnäpfe zum Aufnehmen und Transportieren von Bauteilen selbst konstruiert und angebaut werden. In kürzester Zeit erarbeitet der Firmennachwuchs Beispiele für den sinnvollen Einsatz des Cobots im Produktionsablauf - mit so viel Spaß, dass die Jungs von der Technik kaum zu trennen sind.

Die Steuerung: In der aktuellen Konfiguration hebt der Cobot maximal zehn Kilo und bewegt sich relativ langsam. Aber schon dieses Modell kann in den Gehäuse-Modus versetzt werden und arbeitet dann deutlich schneller.

 

Dieser intuitive Umgang vermittelt den jungen Azubis wie zum Beispiel Mechatronikern oder Elektrotechnikern ein Basis-Wissen, auf das bei künftigen Automatisierungsprozessen aufgebaut werden kann. 

Firmen erhöhen Wertschöpfung und verbessern Marktposition

Der Firmenchef wiederum erkennt vielfältige Chancen, um Arbeitsabläufe zu optimieren. „Wir können unsere Wertschöpfung erhöhen und unsere Position im Markt verbessern“, freut sich Geschäftsführer Werner Hillebrand mit einem herzlichen Dank an die IHK für das Projekt. 

Jeder für sich hätten die teilnehmenden Unternehmen nur schwerlich einen so aufschlussreichen Zugang zu den Einsatzmöglichkeiten von Robotern in Ausbildung und Produktion bekommen. 

Der Roboter serviert formvollendet Getränke

Am praktischen Beispiel zeigt der in Dänemark hergestellte Cobot, wie er mit einem Zischen den Kronkorken von einer Wasserflasche hebelt, ein Glas einfüllt und es vor dem Gast auf dem Tisch abstellt. Nach Tausch des Greifers gegen einen Saugkopf nimmt er Blenden für Pkw-B-Säulen vom Fließband, um sie zu palettieren. 

In kurzer Zeit haben die Azubis dem Roboter exakte Bewegungen wie das Öffnen einer Wasserflasche und das Einschütten in ein Glas beigebracht.


Dass es an der einen Stelle noch kurz stoppt, an der anderen etwas ruckelt - geschenkt. Die Möglichkeiten, die sich aus dieser digital gesteuerten Technik für die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine ergeben, liegen auf der Hand.

Aufgaben, die ohne Kooperationsprojekt nicht zu stemmen wären 

Die besondere Struktur des Roboter-Projektes - sie bietet sich auch mit anderer Ausrichtung an. „EDV, Logistik, Digitalisierung - große, komplexe Aufgaben, die ein kleineres Unternehmen so nicht stemmen kann“, gab Geschäftsführer Werner Hillebrand am Donnerstag Anregungen für weitere Themen von IHK-Kooperationsprojekten. 

Erfahrungsaustausch: Ausbilder Sven Kobbeloer (r.) erläutert die ersten Erfahrungen mit dem Roboter.


Auf diesen und anderen Feldern stehen Firmen bis zu einer bestimmten Größe alleine nicht die Ressourcen zur Verfügung, sich zu informieren, auszuprobieren und Chancen für das eigene Unternehmen auszuloten. Von mehreren Partnern gemeinsam getragen, können solche Kooperationen dagegen schnell und unbürokratisch Einblicke verschaffen.

So kam die Idee zustande:

Vorgeschlagen und initiiert wurde das Roboter-Projekt von Max Clemens Jungeblodt. Er wirkt mit im IHK-Berufsbildungsausschuss und ist Geschäftsführer des Lippstädter Schweißmaschinenherstellers Ideal. Weil so ein Roboter als Ausbildungs- und Anschauungsobjekt für das Einzelunternehmen nicht effektiv genug ist, schlug er die gemeinsame Nutzung vor. 

Die IHK entwickelte daraufhin binnen eines halben Jahres das Projekt, an dem nun elf Firmen im Kammerbezirk beteiligt sind, mit deren Buchungen der 35.000 Euro teure Roboter bezahlt wird. Zum Projekt gehört nicht zuletzt ein Internet-gestütztes Forum, mit dem sich die Teilnehmer austauschen und Erfahrungen weitergeben können.

IHK hat weitere Themen in der Pipeline

Andere Themen hat die IHK längst in der Pipeline. Die disruptive Innovation ist ein Beispiel: Bestehende Geschäftsmodelle werden nicht zuletzt mit Blick auf die Digitalisierung grundsätzlich hinterfragt und aus den verschiedensten Blickwinkeln bewertet. 

Laut IHK-Präsident Andreas Rother ist ein entsprechendes Seminar-Projekt bereits auf den Weg gebracht. Ebenso ein Projekt, das den 3-D-Druck und seine Möglichkeiten in den Mittelpunkt stellt. „Ein genialer Partner“ ist laut IHK-Vertreter Klaus Bourdick die FH Soest, die zum Beispiel mit einem Fünf-Achs-Bearbeitungszentrum komplizierteste Bauteile drucken und bearbeiten kann.

Verdrängen Roboter Arbeitsplätze?

Verdrängt der Roboter Arbeitsplätze? Auch diese Frage steht bei der Präsentation in der Firma Rudolf Hillebrand im Raum. Ohne Digitalisierung würde unsere Wettbewerbsfähigkeit entscheidend sinken, erläutert dazu Dipl.-Ing. Klaus Bourdick von der IHK Arnsberg. Angesichts des Personalkosten-Niveaus am Wirtschaftsstandort Deutschland droht ohne die Automatisierung eine Verlagerung in Länder mit geringeren Personalkosten. 

Digital gesteuerte Prozesse helfen somit, Produktionen vor Ort zu erhalten. Wenn einfache und schwere Tätigkeiten nicht mehr vom Menschen, sondern von der Maschine erledigt werden, erhöht dies wiederum den Bedarf für qualifizierte Fachkräfte, die diese Systeme betreuen. So führe die Digitalisierung und Automatisierung letztlich auch zu einer Aufwertung des Qualifizierungsniveaus. Außerdem, so Bourdick: Die Digitalisierung ist kein Modell in ferner Zukunft, sondern vielfach bereits Realität. Auf die müssen sich Unternehmen einstellen, wollen sie mit dem Markt auf Augenhöhe bleiben. Das gilt erst recht für jene, die innovative Chancen wahrnehmen wollen.

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