Von Wickede nach Soest

Pilgergang zum Pferdemarkt

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Gut angekommen: Hajo Senger nach seinem siebten Gang zum Pferdemarkt

Wickede – Eben noch der dunkle Morgen und das sanfte Licht des Sonnenaufgangs, dann das farbenfrohe Leuchten tausender Kirmeslichter. Erst noch die tiefe Ruhe und die meditativen Schritte in der freien Natur, im nächsten Moment das Bad im quirligen Meer gut gelaunter Menschen, Stimmen und Gesichter. Hajo Senger ist wie ein Wanderer zwischen den Welten. Seit nun sieben Jahren ist der morgendliche Marsch von Wickede in die Kreisstadt sein Ticket zum Soester Pferdemarkt.

„Um viertel vor fünf stecke ich kurz den Kopf aus dem Fenster und gucke nach dem Wetter. Und dann geht's los“ – die Reisevorbereitungen für sein alljährliches Ritual sind überschaubar. 23 Kilometer liegen dann vor dem inzwischen 75-jährigen, 23 Kilometer, die ihn über schmale Pfade durch den Werler Stadtwald zur schwindelhohen Brücke über der A445 führen. 

Von dort geht's vorbei am Dörfchen Waltringen und an den ersten Enser Windrädern bis nach Ruhne. Und etwa dort, so Hajo Sengers Erfahrung aus den vergangenen Jahren, brechen sich im Osten die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne Bahn. „Der Sonnenaufgang in Ruhne ist immer wieder etwas Besonderes“, freut sich der Wickeder über diese Phase des Wegs. 

Der Blick nach links schweift dann bereits über die Weiten der Soester Börde, und in der Ferne erkennt Hajo Senger schon sein Ziel: die Skyline der Kirmes. Aber erstmal geht es noch vorbei an Gerlingen, nähert sich die Wanderstrecke dem Hellweg, der alten Hauptschlagader der Börde, die er bei Ampen schließlich erreicht. 

Aus der Stille der Strecke auf den Haarhöhen taucht er nun mehr und mehr ein in das quirlige Leben der Börde. Je näher das Ziel rückt, umso turbulenter wird es auf Straßen, Wegen und Plätzen an einem typischen Pferdemarkt-Donnerstag. 

Hier trifft der Wickeder nach den 23 Kilometern im Alleingang vertraute Gesichter: die Mitglieder seiner Wickeder Wandergruppe „Die Rentiere“ empfangen den 75-Jährigen zum Frühstück im Pilgrimhaus. Das passt, wenn auch dieser Pilgergang nicht zu kirchlichen, sondern eher weltlichen Vergnügungen führt – natürlich nicht ohne die Option für das ein oder andere geistliche Getränk. 

Idee als mal die Bahn nicht kam: "Da kann ich auch zu Fuß gehen"

Den Kirmesbesuchen mit den Rentieren verdankt Hajo Senger übrigens auch die Idee zum Fußmarsch nach Soest. Denn mit eben jener Truppe stand er seinerzeit aufgrund einer Panne gut eine Stunde lang in Werl am Bahnhof, um auf den nächsten Zug zum Pferdemarkt zu warten. „In der Zeit kann ich auch zu Fuß gehen“, rutschte dem Wickeder damals heraus. Gesagt, getan, lautete die Parole im Jahr danach, als der Wickeder zu seinem ersten Pferdemarkt-Fußmarsch aufbrach.

Zugegeben: Das war dem in seinem Berufsleben unter anderem 30 Jahre als Service-Techniker bei Phillips tätigen Pensionär zunächst doch eine recht lange Strecke. In den Folgejahren aber ging es immer besser. Und in diesem Jahr fiel ihm der Weg so leicht wie noch nie zuvor. Nach viereinhalb Stunden war er aus der Ruhe der Strecke durch die Felder der Haar hinabgestiegen in den Trubel und das fröhliche Miteinander mit den Freunden – ein echtes Kontrastprogramm am Pferdemarkt-Morgen also und es sind wohl nicht zuletzt diese Gegensätze, die es dem Wickeder angetan haben und für die er sich nach kurzer Nacht aufmacht von der Peripherie des Kreisgebietes zu dessen Zentrum, von Wickede zum Pferdemarkt nach Soest

Der Weg ist das Ziel

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. So auch Hajo Senger. Beim Start zur Wanderung hielt neben ihm gestern um kurz nach fünf am Waltringer Weg ein Auto. Eine Frau kurbelte das Fenster 'runter: „Wo woll'n se denn hin?“ „Nach Soest“„ „Kann ich Sie mitnehmen?“„Nein danke, ich gehe durch den Wald!“ Sie: „Ich glaube, ich träume“.

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