In Wiehagen aufgewachsene Frau stirbt nach Martyrium in Höxter

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Die Fahnder suchen auf dem mittlerweile als „Horror-Haus“ bezeichneten Gehöft bei Höxter nach weiteren Spuren.

Wickede - Beim Klassentreffen vor rund einem Monat reagierten die Ehemaligen noch irritiert: „Susanne hat sich ja gar nicht gemeldet“. Tatsächlich war die 41-Jährige zu diesem Zeitpunkt auf einem Gehöft in Höxter-Bosseborn wohl schon in den Händen ihrer Peiniger. Jetzt ist die in der Ruhrgemeinde aufgewachsene Frau tot.

Zur Welt kommt sie in einer Psychiatrie - als Kind einer sehr jungen, dort stationär behandelten Mutter. Dann folgen die ersten Lebensjahre im Kinderheim, bevor sie mit vier Jahren von einer Wiehagener Familie als Pflegekind unter Vormundschaft des Kreises Soest aufgenommen wird. Mit der Basis, die die Familie bietet, steht dem jungen Menschen eine gute Zukunft offen. In der Schule sei sie eher zurückhaltend gewesen, ein sensibler Typ und „ein ganz liebes Mädchen“, so erinnert man sich vor Ort an die kleine Susanne. Zudem entwickelt sie Freude an häuslicher Beschäftigung. Statt in die Disco habe sie sich oft lieber mit Strick- oder Häkelzeug vor den Fernseher gesetzt, heißt es aus dem Umfeld.

„Zwei Seelen in einer Brust“

Aber es gibt auch eine andere Susanne mit Entscheidungen, die eine solche häusliche und solide Lebensweise nicht erwarten lassen. Ob es der Verlust der frühkindlichen Eltern-Kind-Bindung ist, bleibt dahingestellt, aber bei ihrer weiteren Entwicklung fällt irgendwann im direkten Umfeld auch der Ausspruch, sie habe „zwei Seelen in einer Brust“. In einem anderen Kommentar wird bedauert: „Sie ist ständig auf der Verliererseite“.

Kontaktanzeige lockt in die Tragödie

Dabei startet die erste Ehe traumhaft, gilt als die große Liebe. Ein Sohn wird geboren. Das Glück aber - es hält nicht. Die junge Frau verlässt Wiehagen, geht eine zweite Ehe ein und bekommt ein weiteres Kind. Von Essen zieht sie mit ihrer Familie vor zwei, drei Jahren nach Dortmund. Dort zerbricht im Sommer 2015 auch diese Ehe. Im September verlässt die 41-Jährige die gemeinsame Wohnung, schreibt aber per Handy: „Ich hab’ ein Dach über dem Kopf, es geht mir gut“. Ende 2015/Anfang 2016 dann zieht sie in das beschauliche Bad Gandersheim, eine „Landstadt“ mit rund 10 500 Einwohnern in Niedersachsen.

Dort reagiert sie offenbar auf Kontaktanzeigen, die ihre späteren Peiniger Medienberichten zufolge bundesweit und in Tschechien schalten. Mit diesen Anzeigen werden Frauen auf das Gehöft nach Höxter-Bosseborn gelockt. Die Peiniger, ein einschlägig vorbestrafter 46-Jähriger und seine 47-jährige Ex-Frau, leben den Berichten zufolge an ihren Opfern sadistische Machtphantasien aus. Über Jahre sollen sich auf dem Hof bei Höxter brutale Szenen abgespielt haben. 

2014 sei dort eine 33-Jährige aus Niedersachsen getötet und in der Tiefkühltruhe eingefroren worden. Später habe das Paar nach und nach Leichenteile verbrannt und die Asche an den Straßenrändern der Umgebung verteilt. Es soll auch Hinweise auf Frauen geben, die die Bekanntschaft mit dem Täter-Paar verletzt überlebten. Am Dienstag habe die Polizei eine Frau aus dem Großraum Berlin verhört, die das inzwischen als „Horror-Haus“ bezeichnete Gehöft in der Berichterstattung wiedererkannte, heißt es in den Medien.

Seit dem 11. März nicht mehr online

Wann genau die in Wickede aufgewachsene Frau Kontakt zu ihren Peinigern bekommt, ist noch nicht bekannt. Doch aus dem Umfeld heißt es: „Seit dem 11. März war Susanne nicht mehr online“. Dass auch sie auf dem Hof ein Martyrium erlitt, darauf lassen die Verletzungen schließen, die im Krankenhaus entdeckt werden.

Mehr zu den Morden von Höxter lesen Sie hier.

Eingeliefert worden war die 41-Jährige vor rund zwei Wochen. Hintergrund: Der Frau ging es körperlich offenbar so schlecht, dass ihre Peiniger sie von Höxter zurück nach Bad Gandersheim bringen wollten. Unterwegs hatte das Auto eine Panne, das Paar entschied sich, einen Rettungswagen zu rufen, die Verletzte kam ins Krankenhaus, wo sie zwei Stunden später starb. Aufgrund der Spuren der Gewalt an ihrem Körper schalteten die Ärzte die Polizei ein.

Der Peiniger ist einschlägig vorbestraft

Bei den Vernehmungen legte die 47-jährige Frau des Peiniger-Paares ein Geständnis ab. Den Opfern seien büschelweise Haare ausgerissen worden, sie hätten die Nächte an einen Heizkörper oder in der Badewanne gefesselt verbringen müssen, heißt es in Berichten. Ihr 46-jähriger Ex-Mann, 1995 in Paderborn wegen massiver Misshandlungen seiner ersten Ehefrau zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt, bestreitet jede Schuld. Die Ermittlungsbehörden fahnden nun nach weiteren Opfern. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass am Tatort noch eine andere Frau gestorben ist.

Den Höllenqualen auf dem Hof bei Höxter ist mit der aktuellen Entwicklung ein Ende gesetzt. Susanne F. aus Wiehagen hat dafür mit ihrem Leben bezahlt.

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