Antrag

Grüne wollen Straßen mit Namen von Nazi-Autoren umbenennen

Der Heinrich-Luhmann-Weg in der Siedlung „Ziegenhude“
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Der Heinrich-Luhmann-Weg in der Siedlung „Ziegenhude“: Auch diese Straße soll nach dem Antrag der Grünen umbenannt werden.

Die Grünen beantragen die Umbenennung von vier Wickeder Straßennamen. Deren Namensgeber seien „schillernde Vertreter der NS-Kultur und somit eine Schande und dürfen nicht weiterhin damit geehrt werden, das Straßen (Wege) in Wickede (Ruhr) ihren Namen tragen dürfen“, schreibt Grünen-Vorsitzender Lothar Kemmerzell. Es geht um den Georg-Nellius-Weg, den Maria-Kahle-Weg, den Christine-Koch-Weg und den Heinrich-Luhmann-Weg.

Wickede - In ihrem Antrag machen die Grünen auch gleich Alternativvorschläge. So soll der  Georg-Nellius-Weg in Halit-Yozgat-Weg umbenannt werden, der Maria-Kahle-Weg in Marie-Curie-Weg, der Christine-Koch-Weg in Lise-Meitner-Weg und der Heinrich-Luhmann-Weg in Albert-Einstein-Weg. 

Den Anwohnern dürften hierbei keine Kosten entstehen. Die Grünen: „Für die notwendige Umschreibung öffentlicher Dokumente wie Personalausweise, Führerscheine, Jagd- und Waffenscheine oder Kfz-Scheine erlässt oder übernimmt die Gemeinde Wickede (Ruhr) die anfallenden Gebühren für die Anwohner“.

„Maria-Kahle, Christine Koch und Heinrich Luhmann waren Mitglied in dem von Georg Hermann Nellius gegründeten völkischen Sauerländischen Künstlerkreis (SKK)„, erläutert Kemmerzell in dem Antrag, der mit Verweisen auf Internet-Quellen arbeitet.

Die Mitglieder des SKK hätten gegenüber der Öffentlichkeit bekundet, dass die „nationalsozialistische Revolution“ sie „mit großer Freude“ erfülle. Die Grünen: „Der SSK erklärte, ,unserem Führer Adolf Hitler in seinem Kampf um die Wiedererweckung deutschen Geistes, deutscher Art und Sitte Helfer und Mitarbeiter zu sein‘“.

Georg Nellius sei unter anderem Mitglied im Nationalsozialistischen Lehrerbund und der NSDAP gewesen, sei als Hitlermann bezeichnet worden und habe „bei musikalischen Programmbeiträgen ,Vollblutjuden‘ festzustellen versucht und Chorleiter anschließend unter Drohungen zur Programmänderung“ aufgefordert.

Er habe nach dem Krieg zunächst nicht wieder lehren dürfen, zudem seien die Belege für Nellius’ völkische und nationalsozialistische Überzeugungen auch später nicht entkräftet worden.

Maria Kahle war eine Autorin und Propagandistin der Nazis, erläutert der Grünen-Antrag weiter. Sie habe das Regime unter anderem mit Reden und Vorträgen „noch bis in die Endphase des Zweiten Weltkriegs bedingungslos unterstützt“, sei für ihre „volksdeutschen Bemühungen“ ausgezeichnet worden und habe sich in einem Kriegsbekenntnis westfälischer Dichter zu ,Soldaten des Wortes‘ erklärt. Ihre Werke seien „geprägt von ihrer völkisch-rassistischen Weltanschauung“.

Auch Christine-Koch habe der völkischen Literaturszene angehört. „Ein Teil ihrer Gedichte haben völkischnationalsozialistische Tendenzen, sowie eine offene Parteinahme für Adolf Hitler und seine NSDAP“, so die Grünen.

Heinrich Luhmann gab verschiedene Schriftenreihen heraus, „ns-ideologische Textkompilationen“, heißt es im Antrag. „Die jüngeren Beiträge waren Texte ,systemkonformer Hardliner‘ wie Heinrich Anacker, Hans Friedrich Blunck, Josefa Berens-Totenohl, Maria Kahle oder Will Vesper oder Führerreden“.

Dass er diese Schriften herausgeben konnte, sei als „Auszeichnung für ideologische Zuverlässigkeit“ zu sehen.  Auch er habe sich zum „Soldaten des Wortes“ ebenso wie zur Bücherverbrennung der Nazis bekannt.

Seine „nach 1933 entstandene Romane und Erzählungen enthalten ausgeprägt antisemitische, antiziganistische und sonstige rassistische Tendenzen“, so der Grünen-Antrag. Innerhalb Westfalens sei Luhmann im Nationalsozialismus zu einem der führenden Autoren aufgestiegen. Im Rahmen der Entnazifizierung sei er aus dem öffentlichen Dienst entlassen worden, die Pensionszahlung war „sofort einzustellen“.

Auch die alternativ vorgeschlagenen Straßenpaten stellen die Grünen im Antrag vor. Halit Yozgat sei Betreiber eines Internetcafés gewesen und am 6. April 2006 in Kassel durch zwei Kopfschüsse getötet worden. Laut Grünen-Antrag war der 21-jährige Deutsche türkischer Abstammung „das neunte und letzte Todesopfer der rechtsextremen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) und ihrer Mordserie von 2000 bis 2006 in deutschen Großstädten“.

Er besuchte die Abendschule, um sein Abitur nachzumachen. „Halit Yozgat kann als vorbildlich in seinem Werdegang und seiner Zukunftsplanung angesehen werden“, so der Grünen-Antrag.

Marie Curie war Physikerin, Chemikerin und mehrfache Nobelpreisträgerin. Lise Meitner war Kernphysikerin, lieferte 1939 mit ihrem Neffen Otto Frisch die erste physikalisch-theoretische Erklärung der Kernspaltung, die ihr Kollege Otto Hahn und dessen Assistent Fritz Straßmann am 17. Dezember 1938 ausgelöst hatten.

Die Rolle Albert Einsteins, „einer der bedeutendsten theoretischen Physiker der Wissenschaftsgeschichte und weltweit bekanntester Wissenschaftler der Neuzeit“, ist hinlänglich bekannt. 

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