Umbenennungen von Straßennamen in Wickede

Grüne halten Nazi-Thema öffentlich

Straßenschilder vor Hausdach
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Rat und Verwaltung wollen einen Vorschlag zum Antrag zur Straßenumbenennung in der Ziegenhude zunächst bis zum nächsten Jahr intern vorbereiten. Die Grünen wollten diese interne Handhabung ihres Antrags aber nicht akzeptieren und hoben das Thema mit ihrer öffentlichen Anfrage in der Sitzung wieder aufs Tablett.

Die Grünen wollen wissen, wie es mit ihrem Antrag auf Umbenennung von Straßen in der Ziegenhude weitergeht, deren Namensgeber Autoren mit Nähe zur Nazi-Gewaltherrschaft waren. Nach einem entsprechenden Antrag fragte für die Grünen-Fraktion Mitglied Gerd Schulte im jüngsten Hauptausschuss nach. Der Antwort von Bürgermeister Martin Michalzik zufolge wird die Frage frühestens im kommenden Jahr Thema sein.

Wickede – Die nach Dichtern mit Nazi-Vergangenheit benannten Straßenzüge sind im vergangenen Jahr viel diskutiert worden. Mehrere Sitzungswellen sind seit Corona ins Land gegangen, deren Themen pandemiebedingt auf das Notwendigste mit akutem Entscheidungsdruck reduziert wurden. Andere Fragen wurden aufgeschoben. Die Umbenennung der betroffenen Straßen in der Ziegenhude gehört dazu.

Während eine Ratsmehrheit damit zu erkennen gibt, dass eine mögliche Umbenennung der Straßen keine Dringlichkeit besitzt, zeigen die Grünen auf ihren Antrag. Sie pochen auf die Gemeindeordnung, der zufolge der Hauptausschuss zu beschließen habe. Bedauerlicherweise gebe die Gemeindeordnung aber nicht vor, wann, so Fraktionschef Lothar Kemmerzell gegenüber dem Anzeiger. „Da ist leider nicht ‘reingeschrieben worden, welcher Hauptausschuss zu beschließen hat“, kommentiert er zur Gemeindeordnung.

Als Mitglied der Grünen-Fraktion habe Serap Güneser Ende August bei der Konferenz der Fraktionsspitzen mit dem Bürgermeister darauf gedrängt, das Thema auf die Tagesordnung der jüngsten Sitzungswelle zu nehmen, so Lothar Kemmerzell. Doch die übrigen Fraktionen und die Verwaltung waren offenbar anderer Meinung.

Man wolle die betroffenen Anwohner mitnehmen, aber Anliegerversammlungen seien bisher aufgrund der Pandemie nicht machbar. Andererseits sei aber auch noch kein aktiver Antrag auf Umbenennung aus der Anliegerschaft gekommen. Hier sei sicherzustellen, dass und wie die Anlieger einbezogen werden. Schließlich wären für die Option einer Neubenennung auch überzeugende Alternativen vorzubereiten.

Mit diesen Argumenten gegen eine Berücksichtigung des Antrags in der jüngsten Sitzungsrunde war Serap Güneser in die Beratungen der Grünen-Fraktion gegangen. Dort wollte man allerdings nicht schlucken, dass der Antrag auf Straßen-Umbenennung einstweilen weiterhin nicht thematisiert wird. Vielmehr wollte die Fraktion ganz bewusst Öffentlichkeit und wählte deshalb den Weg einer Anfrage im öffentlichen Teil des Hauptausschusses, vorgetragen durch Fraktionsmitglied Gerd Schulte. Dass vor einer möglichen Bürger- bzw. Anliegerversammlung im nächsten Jahr das Thema im Kreis der Fraktionssprecher zunächst vertieft werden solle nebst der weiteren Begründung gab daher dort Bürgermeister Martin Michalzik aus der Fraktionsleiter-Konferenz wieder.

Für Grünen-Fraktionschef Kemmerzell ist klar: „Der Bürgermeister will das Thema nicht. Die Verwaltung hat bis bis heute nichts daran getan. Die wollen sich nicht damit auseinandersetzen“.

Zudem mache eine Befragung der Anlieger keinen Sinn, so Kemmerzell. Er erwartet aus der Anwohnerschaft keine Opposition gegen die Nazi-Autoren. Entweder sei ihnen der Name ihrer Straße und Anschrift egal, „oder sie wollen sich nicht bekennen“, sagt der Fraktionschef offen. „Die Anwohner zu befragen, ist Unsinn“, hält Kemmerzell daher fest.

Ganz gleich, mit welchen Motivationen die Beteiligten aus Politik, Verwaltung und Anliegerschaft den gegenwärtig eingeschlagenen Kurs tragen: Die Grünen stehen mit ihrer Position vor Ort relativ isoliert da. Außer von Kemmerzell und Co wird eine Dringlichkeit für die Umbenennung von Straßen ganz offensichtlich nicht gesehen.

Im Gegenteil. Neben dem vom Bürgermeister weitergegebenen Einverständnis, erst 2022 interfraktionell erneut zu beraten, fließt in die Überlegungen etwa die Anregung von BG-Fraktionschef Uwe Eder ein, mit zusätzlichen QR-Codes und/oder Erläuterungen an den Straßenschildern weitere Infos zu den Paten der Straße zu geben, ohne deren Namen zu ändern.

Wenn in der gegenwärtigen Situation unter allen Fraktionen inklusive den Grünen Einigkeit herrscht, dann wohl in einem Punkt: Die seinerzeit unter der Regie von Gemeindedirektor Franz Haarmann verabschiedete Benennung der Straßen hatte in keiner Weise zum Ziel, etwaige Nazi-Autoren zu glorifizieren. Namen wie Ernst Meister oder Maria Kahle zählten bei Errichtung der Siedlungen zum Kreis unverdächtiger Heimatdichter, die auch anderweitig etwa als Straßenpaten dienten.

Eine Verstrickung mit dem NS-Regime wurde erst Jahre später im Rahmen eines Forschungsprojektes publik. Dass die damaligen Gemeindeväter bar jeden Verdachts sind, unterstreichen nicht zuletzt die Grünen. „Ich unterstelle nicht, dass mit der Namensgebung Nazigrößen geehrt werden sollten“, sagt Lothar Kemmerzell und räumt zur Benennung ein: „Das hätte uns auch passieren können“.

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