Hochwasser in Wickede

Spektakulärer Einsatz am Wehr: So löste sich der tonnenschwere Treibgutteppich - mit Video

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Nicht ungefährlich: Die Kanuten auf dem Holzteppich. Dort befestigten sie ein Stahlseil, damit der Bagger einzelne Stämme aus dem Geflecht ziehen konnte.

Der riesige, tonnenschwere Teppich aus verkeilten Baumstämmen, Balken, Ästen und anderem Schwemmgut vor dem Wehr ist verschwunden. Mitgerissen vom Druck der Ruhr, deren Hochwasser die Holzfläche vor dem Mannesmann-Wehr derart komprimiert hatte, dass tagelange Versuche, das sperrige Geflecht zu lösen, ergebnislos blieben. Der Anlauf am Montagabend brachte endlich Erfolg.

Wickede – „Betriebsarzt“, das ist nur einer von vielen Titeln, die Dr. Bernd Walters im Laufe seiner Karriere verliehen wurden. Weniger in Bezug auf seinen Beruf als Zahnarzt, vielmehr auf seine Berufung als Betreiber von gegenwärtig rund einem Dutzend Wasserkraftanlagen. Darunter das ehemalige Mannesmannkraftwerk in Wickede.

Auf das ist Bernd Walters besonders stolz. „Das ist unser ältestes Schätzchen, Baujahr 1911“, stellte er jüngst noch in einem WDR-Bericht die Anlage vor. Die hatte im gleichen Jahr zum Schützenfest erstmals die Glühbirnen leuchten lassen, überlebte zwei Weltkriege und die Möhneflut ohne Störung und liefert jährlich 1,5 Mio. Kilowattstunden Strom.

Spektakulärer Einsatz am Wehr in Wickede: So löste sich der tonnenschwere Treibgutteppich

Doch zurück zur Gegenwart: Wichtig für die Kraftwerksturbine ist der Wasserzulauf. Und der wird über die Wehranlage gesteuert, die rund einen Kilometer vor dem Kraftwerk liegt und die Abzweigung vom Ruhrwasser regelt. An dieser Anlage hatte sich beim Hochwasser in der Vorwoche jede Menge Schwemmgut vor der Wehranlage festgesetzt. Riesige Baumstämme, die sich offenbar auch aus Renaturierungsmaßnahmen losgerissen hatten, steckten über- und ineinander, hatten sich an einem Fenster des Wehrs regelrecht verkeilt. Das Schwemmgut drohte, die Funktionsfähigkeit des Kraftwerk zu beeinträchtigen.

Matthias Jesse, „Maschinist“ der Wehranlage, hatte seit dem Hochwasser die drei Wehrtafeln abwechselnd geöffnet. Mit dem Wechsel der Strömungen wollte er Bewegung in den tonnenschweren Holzteppich zu bringen und so den Abgang in den weiteren Ruhrverlauf bewirken. Ohne Erfolg.

Am Montag sollte schweres Gerät ran. Das kam in Form einer großen Raupe mit Firmenchef Tobias Becker an den Hebeln. Erfahrene Kanuten vom KC paddelten rüber zum Teppich vor dem Wehr und befestigten ein Stahlseil an einzelnen Stämmen in dem Geflecht. Becker zog dann mit seinem Bagger Stämme und Wurzelstöcke aus dem Holzpulk heraus, um die Verkeilung aufzulockern.

Von erfahrener Seite kam ein Warnung: „Wenn sich das löst, ist in 20 Sekunden alles durch“. Und nachdem Becker den jüngsten Stamm aus dem Geflecht gezogen hatte, rief im nächsten Moment schon ein Helfer den Kanuten auf dem Holz zu: „Vorsicht!“ Die Wassersportler waren im Nu in ihren Booten und in Sicherheit.

Zeitgleich hatte Wehr-Techniker Matthias Jesse das mittlere Wehr um die letzte Höhenreserve emporgezogen. Das waren zwar nur wenige Zentimeter. Aber plötzlich kam Bewegung in das riesige Holz-Knäuel. Das komplette Paket schob sich binnen 15 Sekunden von der Macht des Ruhrwassers gedrückt durch das Wehrfenster, die Stämme kratzten an den Pfeiler entlang, dann trieb das Schwemmgut schwanken in den Unterlauf der Ruhr, begleitet vom Tosen des nun ungehemmt nachströmenden Wassers.

Freut sich, dass es geklappt hat: Kraftwerksbesitzer Bernd Walters

Jubel und Erleichterung überall: Kraftwerk-Besitzer Bernd Walters strahlte mit der Abendsonne um die Wette, die Kanuten freuten sich, dass ihr nicht ungefährlicher, aber kompetent kalkulierter Einsatz im Verbund mit den Strömungsstrategien von Wehr-Maschinist Matthias Jesse und dem Baggereinsatz von Tobias Becker schließlich zum Erfolg führte.

Bewusst war dabei allen vor Ort natürlich eines: Hinter dem Wehr ist vor dem nächsten Wehr. Ebenso, wie etliche der vor Ort angeschwemmten Stämme aus dem Gebiet ruhraufwärts und zuletzt auch vom Gelsenwasserwehr stammen, das in der Vorwoche geöffnet werden musste, wird das am Montagabend abgegangene Treibgut nun möglicherweise schon vor dem nächsten Wehr im Raum Fröndenberg stecken. Daher hatte es zur Schwemmgut-Problematik in den vergangenen Tagen auch eine entsprechende Kommunikation mit den Wehrbetreibern ruhrabwärts gegeben.

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