Schüsse und Steine gegen Denkmal in der Ruhr in Wickede

Schutz für den Wehrturm

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Etliche Tauben sind verendet, weil sie durch die Löcher in den Scheiben zwar rein, aber aus dem Turm nicht mehr herausgekommen sind.

Schüsse aufs Wehr, zerschmetterte Fenster, tote Tauben: Die Bezirksregierung will gegen den aggressiven Vandalismus vorgehen, der das Trommelwehr heimsucht. Vor allem die Schusslöcher in den Scheiben geben zu denken, aber auch die von Steinwürfen zerschmetterten Gläser. Mit einem Kniff sollen bald Optik und Funktion verbunden werden.

Wickede – „Wir wollen besondere Metall-Platten in die Öffnungen setzen, die von außen wie Fenster wirken“, erläutert Dezernent Ulrich Detering zu den Planungen, wie man den Funktionsraum des Wehrs künftig schützen will. Damit sei zum einen der Optik Genüge getan, wirken die Fensteröffnungen also nicht einfach nur verrammelt.

Zum anderen wird dies auch helfen, weitere Tauben vor einem elendigen Tod zu bewahren. Die Löcher in den Scheiben einerseits und die funktionsbedingten Öffnungen an der Unterseite andererseits gewähren den Vögeln immer wieder Zugang zum Technikraum. Von dort finden die Tauben dann aber nicht wieder heraus. So wird das Wehr für sie zum tödlichen Hungerturm, wie Kadaver und bis zur Bewegungslosigkeit geschwächte Tiere zeigen.

„Wir werden den Raum abdichten, damit da keine Tauben mehr hineingelangen können“, kündigt Ulrich Detering an. Anschließend soll es eine Grundreinigung des Turmraumes geben, der im Wesentlichen aus einem Rundgang um die Hebetechnik besteht, die in einem mittig angeordneten Schacht installiert ist.

Aber auch anderweitig wolle man die Wehranlage optisch und hinsichtlich der Sicherheit aufwerten. So sei etwa daran gedacht, im Umfeld wilden Bewuchs zu beseitigen und die vorhandene Pflasterung freizulegen. Gleichzeitig soll an der Nordseite eine schräg abfallende Betonfläche abgesichert werden. Die ist gegenwärtig noch zugänglich und verleitet möglicherweise zu einer Rutschpartie, die aber schnell mit einem gefährlichen Sturz hinab ins Wasser an der Spundwand enden kann.

Historisches Gebäudeensemble

Um die Bestandssicherheit des Bauwerkes sei es gut bestellt, so der Dezernent. Die Fundamente seien sehr stabil ausgebildet und mit Spundbohlen eingefasst, sodass auch bei stärkerem Wasseranfall der Stand des Bauwerkes weiterhin stabil ist.

Wenn das Wehr im Zuge der Renaturierung der Ruhr, Teil II, hergerichtet wird, fällt der Blick natürlich auch auf den Bereich weiter nördlich. Hier stehen weitere Gebäude der wasserwirtschaftlichen Geschichte Wickedes wie die leer stehenden Sandwäsche und im Anschluss das vom MSC Wiehagen genutzte, alte Wasserwerk – gemeinsam gesehen durchaus ein historisches Ensemble.

Weiterhin läuft die Einladung an Interessierte, einen kreativen Vorschlag zur Nutzung des auf zwei Etagen grob 100 qm großen Gebäudes der Sandwäsche zu entwickeln. Eine touristische Nutzung am Ruhrtalradweg zum Beispiel mit einer Dokumentation zur Wasserwirtschaft und -gewinnung oder auch mit anderen, kleinen Attraktionen für Radtouristen bietet sich hier an. Lange warten will die Gemeinde nun aber nicht mehr auf mögliche Ideen, bevor man sich ernsthaft mit dem Gedanken befasst, die Sandwäsche abzureißen. Der Bürgermeister sprach unlängst davon, dass man innerhalb der nächsten drei Monate noch für einen entsprechenden Vorstoß offen ist, der dann aber auch für einige Jahre eine Perspektive bieten sollte.

Wenn im Rahmen der Renaturierung die optische Aufwertung des Wehrs erfolgt ist, werden sicher auch die Überlegungen einer naturgerechten, lichttechnischen Inszenierung der Anlage konkretisiert. Die Vorbereitungen dafür sind bereits weit gediehen. Die artenschutzrechtliche Begutachtung hat ergeben, dass Wickedes Trommelwehr in der Ruhr bei fachgerechter Ausführung an dunklen Abendstunden ebenso attraktiv wie verträglich ins Bild gesetzt werden kann, um damit eines der Wahrzeichen der Gemeinde seiner Bedeutung entsprechend hervorzuheben.

Dass die Standsicherheit des Wehres auch heute noch auf solidem Fundament ruht, hat seinen Grund, wie Wickedes Heimatforscher Josef Kampmann bereits 2012 in seinem Aufsatz „Wassergewinnung an der Ruhr“ für den Soester Kreiskalender beleuchtete.

Nach den Anfängen der örtlichen Wassergewinnung unterhalb der Ruhrbrücke auf Wimberner Gebiet 1887 durch die Hammer Stadtwerke nahm 28 Jahre später, am 27. Oktober 1915, weiter oberhalb das Soester Wasserwerk entlang der heutigen Ruhrpromenade den Betrieb auf. Aus zweimal sechs Brunnen sei das Wasser im Hauptbrunnen an der Pumpstation gesammelt worden.

„Von hier wurde durch elektrische Pumpen das Wasser durch eine 23 Kilometer lange Leitung über den Haarstrang nach Soest gedrückt“, schrieb Josef Kampmann. Um die Leistungsfähigkeit der Anlage zu erhöhen, seien zunächst zehn weitere Brunnen gesetzt worden. Dann habe man beschlossen, den Grundwasserpegel in den Brunnen zu steigern. Deshalb wurde das heutige Trommel- oder Walzenwehr gebaut.

„Die Konstruktion erfolgte durch die Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg und der Bau durch den günstigsten Anbieter, die Werler Firma Henneke & Co.“, heißt es im Kampmann-Aufsatz weiter. Baustart war im Juni 1916. Drei Monate später sollte das Wehr bereits fertig sein, so das ehrgeizige Ziel. Das klappte nicht. Erst im Juli 1918 sei mit dem Probestau begonnen worden. Mit fatalen Folgen: Die Bodenplatte des Wehres wurde durch den Wasserdruck angehoben und zerstört.

Es folgten ein Rechtsstreit mit dem beauftragten Unternehmen und der neue Auftrag an eine andere Firma. Diese wird nach der Vorgeschichte in puncto Fundament Nägel mit Köpfen gemacht haben – offensichtlich eine Wertarbeit, die 1919 fertiggestellt war und auch heutigen Sicherheitskontrollen noch genügt.

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