Schlingnatter und Umwelt-Bürokratie

Bisher nicht gefunden, nun suchen, um zu gucken, ob es überhaupt da ist 

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Ungiftig, an der Bahn bisher noch nicht entdeckt und trotzdem Grund für eine einjährige Bauverzögerung: die Schlingnatter
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Wickede – Keine Frage: Umweltschutz ist richtig und wichtig. Bisweilen aber sind die Auswüchse mit dem gesunden Menschenverstand kaum noch nachzuvollziehen. Aktuelles Beispiel: Die Experten müssen ein Tier, das sie noch nicht gefunden haben, suchen, um zu gucken, ob es überhaupt da ist! 

Es handelt sich um die Schlingnatter, die wie alle europäischen Schlangenarten besonderen Schutz genießt. Und es geht um das Gelände zwischen dem Mannesmann-Werk II und der Bahnlinie südlich der alte Marscheidstraße, potenziell rund 7 000 qm Gewerbeflächen.

Salzgitter will sie verkaufen, zwei Interessenten wollen sie erwerben, wollen bauen und Arbeitsplätze schaffen. Die Kommune, in der Gewerbeflächen Mangelware sind, fördert diese Interessenlagen. Das war 2018.

In der ersten Runde aber schlug die Bürokratie bereits mit dem Planungsrecht zu. Der Bauinteressent möchte westlich des früheren Bahnübergangs Marscheidstraße eine Schlosserei errichten. Das geht aber nicht, weil der Bebauungsplan hier nur die Fertigung von Rohren erlaubt, wie dies Mannesmann auf dieser Fläche ehedem geplant aber nicht umgesetzt hatte. 

Mehr noch: Die alte Marscheidstraße, die jeder befahren kann, ist auf dem Papier nicht mehr vorhanden, muss also mit einem neuen Planverfahren quasi virtuell erst wieder geschaffen werden. Dieses Verfahren läuft noch - wir haben 2019. 

Jetzt kommt in Schritt zwei die Umweltbürokratie. Im Rahmen des genannten Planverfahrens muss auch die Natur unter die Lupe genommen werden - in diesem Fall von einer Biologin. Und die stieß auf den heißen Steinen und zwischen den verrosteten Schienen des alten Ladegleises z.B. auf Blindschleichen und Eidechsen. Und wo die sind, können auch Schlingnattern vorkommen. Theoretisch jedenfalls.

Zwar hat die Biologin keine dieser in Europa häufig vorkommenden Nattern gesehen. Aber Blindschleichen und Eidechsen als mögliche Beute, der alte Bahndamm als typisches Refugium - das und einige Anhaltspunkte mehr ließen die Expertin die eventuelle Möglichkeit erkennen, dass hier auch Schlingnattern leben könnten. 

Diese Vermutung nun reicht aus, um das Verfahren für wenigstens ein weiteres Jahr zu verzögern: Jetzt nämlich wird für die europäisch geschützte Schlingnatter die Untersuchungsstufe II eingelegt! Schweres Geschütz, denn nun muss ein qualifiziertes Planungsbüro beauftragt werden, um die knapp zwei Hektar Industriebrache zwischen Mannesmann und Bahnlinie zu kartieren, jeden Stein umzudrehen und in jede Ritze zu leuchten, um vielleicht tatsächlich mal ein Exemplar zu finden. 

Und das muss einmal im Frühjahr und einmal im Herbst geschehen. Weil die Fachbüros mittlerweile voll sind mit solchen Aufträgen, besteht die Gefahr, dass für die zweite Jahreshälfte 2019 gar kein Fachmann mehr zu bekommen ist. Dann müsste in Frühjahr und Herbst 2020 untersucht werden, könnte es mit der geplante Schlosserei wohl frühestens 2021 etwas werden. 

FDP-Ratsherr Andreas Teutenberg bedauerte für den ansiedlungswilligen Unternehmer, „dass ihn die Schlingnatter zwei Jahre warten lässt“. Ohnehin sei es „schade und schlimm, dass Wickeder Firmen abwandern müssen“. Er jedenfalls, so Teutenberg, habe „ein Problem, Schlingnatter und Arbeitsplätze miteinander zu verbinden“. 

SPD-Ratsherr Schober schlug vor, das Planverfahren erst mal laufen zu lassen - vielleicht werde die weitere artenschutzrechtliche Prüfung von den vorgesetzten Behörden ja nicht verlangt. Fraktionskollege Lutz Hofmann regte gar an: „Das ist ohnehin keine große Fläche - warum planen wir sie nicht einfach in naturnahen Raum mit Flora und Fauna um?“

Bauamtschef Markus Kleindopp verdeutlichte, dass die Umweltbehörde schon genau darauf achten werde, das habe zuletzt noch die Auflage belegt, vor dem Abriss der Bauerdick-Hallen die Fledermäuse dort zu vertreiben. Einfach nur Naturfläche auszuweisen, entspricht andererseits nicht der händeringenden Suche der Gemeinde nach Gewerbeflächen.

Interessant bleibt vor dem Hintergrund der Verzögerung, Verkomplizierung und möglicherweise sogar Gefährdung der gewerblichen Bau- und Ansiedlungspläne neben der Bahn noch eine Bemerkung von Bauamtschef Markus Kleindopp. Die Prüferin nämlich habe in Bezug auf die Möglichkeit eines Schlingnatter-Aufkommens geäußert: „Aller Wahrscheinlichkeit nach finden wir die gar nicht...".

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