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Rätsel um Sponnier-Bild gelöst

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Von: Anne Schoplick

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Abbildung eines Aquarells aus dem Jahr 1930
Das Rätsel um dieses Aquarell ist gelöst: Der Gebäudekomplex stand in Wickede an der Ringstraße/Ecke Hauptstraße. © keine Angabe

„Es ist genau so gemalt, wie ich es kenne“. Anneliese Heckmann (90 Jahre) hat das Haus auf dem „rätselhaften Sponnier“-Bild noch so vor Augen. Ebenso Winfried Gülde (87). Und erst recht Josef Kampmann (77). Auch wenn letzterer das Haus selbst nicht mehr kannte; als Fotomotiv ist es ihm geläufig: „Ich kenne den Bildband der Gemeinde aus dem Jahr 1982 in- und auswendig“.

Wickede – Das Rätsel ums Künstler-Motiv ist damit gelöst: Der Gebäudekomplex stand tatsächlich in Wickede und zwar an der Ringstraße/Ecke Hauptstraße. Mit dem bislang unbekannten und vom Werler Maler Hans Sponnier 1930 in idyllische Szene gesetzten Aquarell-Motiv verbinden allerdings zwei Wickeder traumatische Erlebnisse.

„Es ist bei der Möhnekatastrophe zerstört worden, es schwamm einfach weg“, schildert die heute 90-jährige Anneliese Heckmann. Sie hat dieses schreckliche Ereignis in der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 hautnah miterlebt – fast nebenan auf dem Dach des Hauses Düllmann an der Hauptstraße. Dort war die damals Zwölfjährige mit ihrer Familie zuhause. Als Bomben die Talsperre zerstörten, überlebte sie hoch oben auf dem First des Hauses die Flutwelle, die damals soviel Leid auch nach Wickede gebracht hatte.

Anneliese Heckmann, geborene Hillebrand, hat die lebensbedrohlichen Stunden und die furchtbaren Bilder, wie sie sie in unmittelbarer Nachbarschaft an fast der gemalten Stelle an der Hauptstraße miterlebt hat, nie vergessen. Sie hat sehr detaillierte Erinnerungen an die Stunden und eben auch das gesuchte Gebäude. Im Fachwerkhaus links habe Familie Dirks gewohnt. „Im braunen Haus daneben wohnten Jolmes“, erzählt sie.

Der Hausherr sei Soldat und nicht zuhause gewesen, als seine Familie in den Fluten umkam. Und hinter dem Fenster mit den Gardinen im verschindelten Gebäudeteil, da habe „Becks Marga“ gewohnt. „Sie war meine Schulfreundin; als die Flut kam, hat sie sich glaub ich auf den Baum gerettet“, erzählt sie. „Die ganze Ringstraße ist damals weggeschwommen,“ schildert die Wickederin. Ihre Schwester Rita habe von all dem nichts mitbekommen: „Sie war zu der Zeit bei unserer Tante im Sauerland“.

Die folgenschwere Nacht war ein einschneidendes Erlebnis für das Mädchen. Ein so nachhaltiges, dass es sie auch ihr weiteres Leben begleiten sollte: „Ich hätte niemals an der Ruhr gebaut“, stand für sie seitdem fest – sie baute später gemeinsam mit ihrem Mann in Wiehagen.

Das Wasser liebt sie nach eigenem Bekunden nur als leidenschaftliche Schwimmerin. „Aber nicht, wenn ich den Strand oder das Ufer nicht mehr sehen kann.“ Auf Schiffsreisen verzichtete die Wickederin fortan.

Auch Winfried Gülde (87) hat die zerstörerische Nacht nicht vergessen. In dem von ihm ebenfalls schnell identifizierten Aquarell-Motiv „hat Familie Dirks gewohnt.“ Er selbst sei in der Brückstraße zuhause gewesen, das sei ja nicht weit weg bis zum Haus an der Ringstraße, wo ein Mitschüler von ihm wohnte.

Der Senior kann wie Anneliese Heckmann auch die dunkle Katastrophennacht nicht vergessen. „Ich war acht Jahre und sieben Monate alt.“ Auch Winfried Gülde erinnert sich nach so vielen Jahren immer noch sehr präzise.

„In der Nacht habe ich die erste Explosion gehört“, schildert er. „Die Explosion war dermaßen laut, dass sie bis nach Wickede zu hören war.“ Es war wohl eine erste Bombe, die die Talsperre nicht getroffen habe, vermutet Gülde. Die zweite Detonation und vermutlich der Treffer sei deutlich leiser gewesen in dieser anfangs stockdunklen Nacht. Sein Vater sei da längst unruhig geworden. „Wir mussten aus dem Haus raus und hoch zur Bergstraße; wir haben die Nacht dort im katholischen Kindergarten verbracht“, berichtet der Zeitzeuge.

„Doch ich habe die ganze Nacht draußen gestanden, habe die Schreie der Menschen, der Pferde und Kühe gehört.“ Der Mond habe dann eine schreckliche Szenerie beleuchtet. Und am nächsten Tag „bin ich erst mal in die Erlenstraße gelaufen, um nach meinem Schulfreund Albert Betten zu sehen. Ich war wie erstarrt: Das Haus war weg, Menschen waren tot. Und diese Erinnerungen gehen nicht weg.“

Josef Kampmann, heute 77 Jahre alt, war zu der Zeit „nicht alt genug“ für Erinnerungen an diese Schreckensnacht. Die Möhnekatastrophe und ihre Folgen sind ihm als ehemaligem Vorsitzenden des Wickeder Heimatvereins aber aus dem umfangreichen Wickeder Archiv präsent. Darum hat er manche typischen Wickeder Ansichten auch im Kopf und wusste ziemlich schnell, wo der verstorbene Werler Maler sein Aquarell-Motiv gefunden hatte. Wie Anneliese Heckmann und Winfried Gülde konnte er den Gebäudekomplex eindeutig zuordnen: In dem 1982 erschienenen Bildband der Gemeinde ist auf Seite 112 exakt dieses Gebäude samt Erläuterungen zu finden.

Anneliese Heckmann und Josef Kampmann sind sich mit Blick auf das nun nicht mehr rätselhafte Sponnier-Bild aber einem Punkt einig: Das kleine Detail links im Hintergrund – das Gebäude hinter dem Fachwerkhaus – das kennen beide nicht. „Das dürfte wohl der Fantasie des Werler Malers entsprungen sein,“ vermutet nicht nur Kampmann.

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