Paketshops in Wickede

Bestell- und Retouregeschäft boomt

Zwei Mann an Paketshop-Stand
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Mit dem Einzug Dirk Reinkes (r.) bei Detlef Lojewski haben die Kunden dort jetzt nicht nur eine enorme Angebotsbandbreite von Haushaltswaren über die Baumarktpalette bis hin zu Büchern, Spielzeug, Wolle und Kurzwaren oder Fahrradbedarf: Hier findet man seitdem auch gleich zwei Paketshops unter einem Dach, nämlich DPD und UPS.

Er ist ein bisschen wie das ungeliebte Kind. Und dennoch gewährt man ihm Unterschlupf auch in Wickeder Geschäften – dem Paketshop. Warum sich Stationen wie UPS, GLS und Co dennoch halten können? Heimische Geschäftsleute gewähren jetzt einen Blick hinter die Kulissen. Und sie liefern ganz nebenbei einen Eindruck von den bisweilen unglaublichen Kapriolen des Bestell- und Retoureverkehrs.

Wickede – Ganz gleich, ob Detlef Lojewski mit dem DPD-Shop, Bürotechnik Picker mit der GLS-Station, Dirk Reinke mit dem UPS-Stützpunkt oder weitere Angebote dieser Art: Die Paketshops stellen für die Einzelhändler alles andere als eine Lizenz zum Gelddrucken dar. Mit Margen von durchschnittlich zwischen 15 und 20 Cent pro abgehandeltem Paket müssten für einen substanziellen Umsatz pro Tag schon tausende davon abgewickelt werden. Dafür verfügen die Geschäfte aber weder über Personal noch über entsprechende Lagerkapazitäten. Und abgesehen davon: Sie haben alle ihr eigenes, ihr Kerngeschäft zu bedienen. Das ist schließlich die Basis ihres Broterwerbs.

Dennoch hat das Ganze auch vor Ort erstaunliche Ausmaße angenommen. Da lässt sich die Kundin gleich fünf verschiedene Paar Schuhe kommen, probiert daheim alles an und schickt dann – wenn’s gut läuft, „nur“ vier wieder zurück – die Retoure läuft natürlich über den Paketshop. Ebenso der Rückläufer mit dem Baumaterial: „Fünf Terrassendielen à 20 Kilo liegen hier“, hört man vom heimischen Shop-Betreiber – „da fasst man sich an den Kopf“.

Als nächstes folgt die konsternierte Frage, wie man denn wohl dazu komme, Hundefutter im Netz zu bestellen – und als Retoure auch wieder zurückgehen zu lassen. Und wenn das wegen relativ kleiner Ausmaße noch nicht zu Irritationen führt: Mit den vier großen Autoreifen, die geliefert und wieder zurückgeschickt werden, kommt das Raum- und Lagerkonzept eines Ladenbesitzers schnell an seine Grenzen.

Dann gibt’s da noch ganz andere Vertreter, die sich zum Beispiel bei Amazon ein Buch bestellen, es übers Wochenende lesen, dann als Retoure zurückschicken und grinsend anmerken: „Da krieg ich doch das Geld wieder“. Und das wohl wissend, wie mancher Onlineversandhändler mit Rückläufern umgeht. Nicht umsonst überlegt die Politik, wie man dagegen vorgehen kann, dass die Online-Händler den einfachsten und günstigsten Weg gehen und Retoure-Ware einfach in den Müll werfen.

Corona hat das alles nur noch schlimmer gemacht. Weil das Einkaufen im Geschäft mit Maske, Desinfektion und ungutem Gefühl noch unbequemer wurde, schnellte das ohnehin florierende Online-Geschäft in den harten Phasen noch mal in die Höhe – diese Erfahrungen haben sie alle vor Ort gemacht, wie die drei Paketshop-Betreiber Lojewski, Picker und Reinke bestätigen. Mittlerweile normalisiert sich das Paketgeschäft etwas, hatte es auch fürs eigene Geschäft nach harten Lockdown-Wochen wieder erfreuliche Tendenzen gegeben. Aber so richtig nachhaltig wieder aufwärts – einen solchen Erfolg kann zum Beispiel Nicole Picker noch nicht wieder vermelden.

Paketfahrer im Stress

Was weiterhin rennt, sind Pakete oder Päckchen – und die Paketfahrer, die mit ihrem Stress- und Schleppjob ebenfalls nicht zu den Superverdienern gehören. Das Nachsehen des Retouren-Wahns hat neben ihnen nicht zuletzt die Umwelt. 490 Millionen Artikel wurden in Deutschland 2018 retourniert, sagt die Internet-Plattform „Business Insider“ – alleine die dafür nötigen zusätzlichen Fahrten dürften umweltrelevant sein. Ganz abgesehen von den Müllmengen, die dadurch zusätzlichen Müll entstehen, wenn von diesen 490 Millionen Artikeln rund vier Prozent direkt in die Tonne wanderten.

„Ich will den Online-Handel nicht verteufeln“, sagt Detlef Lojewski, der seinen DPD-Shop bereits seit Mitte der 90-er Jahre betreibt. „Aber ich verstehe nicht, warum der Staat nicht sagt, dass die Retoure Geld kostet“. Wenn der Kunde direkt dafür bezahlen müsse, würde „diese ganze Retourenkutscherei“ deutlich eingedämmt, ist sich Lojewski sicher. Dass die Rücksendung aber nach wie vor kostenfrei ist – „das ist genau der falsche Anreiz“.

Retourenwahnsinn, fehlende Lagerkapazitäten, nicht immer glatte Abläufe beim Paket-Handling, dazu noch das Bewusstsein, dass gerade das Online-Geschäft der größte Konkurrent für den Einzelhandel vor Ort ist – warum beherbergen die Geschäfte vor Ort dann überhaupt einen Paketshop?

Für die Kundenbindung

Die Entscheidung bei ihnen allen wurde meist aus einem Grund getroffen: Kundenbindung. Mit einer solchen Paketstation kommt zusätzlich Kundschaft, die dann auch im Laden das ein oder andere einkauft.

Ein Kalkül, dass sich stereoptyp angepriesen wurde, ob UPS, GLS, DPD, ob Hermes-Versand oder selbst bei der Post im Grünen Warenhaus.

Diese Systematik aber – sie funktioniert nur ganz bedingt. „Der Mitnahmeeffekt ist nicht da“, sagt Detlef Lojewski. Und auch die Kollegen bestätigen: „Die Leute geben das Paket ab und sind im nächsten Moment wieder draußen“.

Und doch regiert das Prinzip Hoffnung. Ob Picker, Reinke, Lojewski und wohl auch andere Berufskollegen mit Versand im Haus: Sie alle hoffen, beim Kunden präsent zu bleiben, wenn der schon mal den Paketdienst genutzt hat. „Es geht darum, im Gedächtnis zu bleiben“, meint Delef Lojewski.

Ups, Weihnachten

Brotkrumen, die letztlich vom regen Versandgeschäft für die Läden vor Ort abfallen. Und wenn es nur derjenige ist, „der an Heiligabend hereinkommt und feststellt, dass Weihnachten ist und er noch kein Geschenk hat“, merkt Dirk Reinke an. Außer dem Mitnahmeeffekt („Ich bin sowieso den ganzen Tag im Geschäft, da kann ich auch den Paketshop mitmachen“) herrscht bei den Händlern zudem eine Gewissheit: Gegen das Internet kommt man nicht an, „ wenn ich den Paketshop nicht betreibe, macht’s ein anderer“.

Wie lange das mit den Paketshops noch läuft, fragen sich die Händler. Man müsse sich nur die Schränke angucken, die Amazon und Co mittlerweile für Retouren aufstellen – da sei absehbar, dass diese Dienstleistung künftig aus dem Einzelhandel ausziehe und es keine personelle Betreuung mehr gebe.

Solange aber werden sie wohl weitermachen, die Einzelhändler mit Paketshop. In der Hoffnung, dass so ganz nebenbei dann doch ihre sorgfältig zusammengestellten Sortimente wahrgenommen werden. Eines ist sicher: So manchen Artikel, der da hin- und hergeschickt wird, könnte man auch direkt vor Ort im Fachgeschäft bekommen. Es lohnt sich also, einfach mal genauer hinzusehen und vor Ort zu kaufen, bevor man Paketwahn und Retourenkutscherei weiter unterstützt.

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