Nachbetrachtung zum Hochwasser in Wickede

Lehren aus der Flut

Straße unter Wasser Mann am Straßenrand
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Nach der jüngsten Flut soll auch überlegt werden, wie die Information der Bürger wie hier an der Erlenstraße noch optimiert werden kann.

Die Feuerwehr der Gemeinde braucht mehr interne Führungskräfte, die Digitalisierung des Gerätehauses muss weiter entwickelt werden und neben den schweren Anzügen für Brandeinsätze wird leichtere Einsatzkleidung für Flächenlagen wie Hochwasser, Vegetationsbrände und Stürme benötigt. Das sind einige der Erkenntnisse, die Wickedes Feuerwehrchef Marcel Horn mit seinem Team aus den Hochwassereinsätzen Mitte Juli zieht. Am Dienstag gab er dem Gemeinderat einen Überblick.

Wickede – 36 Stunden lang waren die rund 80 Frauen und Männer der Wickeder Feuerwehr im Juli im Einsatz, am 14. Juli zunächst mit Schwerpunkt Echthausen, am 15. Juli dann mit Fokus auf die Ruhr insbesondere im Gebiet unterhalb der Ruhrbrücke. Die Zuspitzung am zweiten Tag sei dabei zunächst nicht abzusehen gewesen, so Horn. Mit dabei waren immer auch Wickeder Bauhof-Mitarbeiter und das Ordnungsamt.

Während am ersten Tag mit zwölf Einsätzen und dem Schutz der Vorgebäude am Echthauser Schloss als Hauptaufgabe noch alles in Eigenregie und mit dem örtlich verfügbaren Material erfolgreich gemeistert werden konnte, gab es einen Tag später tatkräftige Unterstützung von außerhalb. Bereits früh erfolgte an diesem Tag die Meldung, dass der Ruhrpegel bis etwa mittags um 8 cm pro Stunde ansteigen würde.

250 Einsatzkräfte

Aus den Erkenntnissen der Flut von 2007 sei man dann gezielt die neuralgischen Punkte etwa an der Erlenstraße abgegangen, erläuterte Marcel Horn am Dienstag. Vor allem aber habe man beim Ausblick auf das Hochwasser erkannt, dass die heimische Einsatztruppe an ihre Grenzen kommen werde und überörtliche Unterstützung benötigt würde.

Hilfe erreichte die Gemeinde in dieser Situation aus dem gesamten Kreisgebiet. Zusätzliche Feuerwehrzüge kamen aus Welver, Soest und Ense, dazu zwei THW-Gruppen, Logistikfahrzeuge des Kreises, die Drohnengruppe der Feuerwehr Werl zur Hilfe bei der Lagebeurteilung, das DRK war dabei, dazu Flutretter des DRLG zum Schutz der Einsatzkräfte, aber auch der Fluttouristen, sollte jemand vom Hochwasser erfasst und mitgerissen werden. Auch Kräfte für die psychosoziale Betreuung standen vor Ort zur Verfügung. „Insgesamt 250 Einsatzkräfte waren vor Ort aktiv mit 60 Einsatzfahrzeugen“, summierte Marcel Horn bei seiner Bilanz.

Und obwohl Wickedes Feuerwehrchef als Brandschutz-Profi in der Nachbarstadt arbeitet, obschon der 33-Jährige bereits reichlich Erfahrung in seinem Metier vorweisen kann, hat ihn dieses jüngste Hochwasser eine neue Erfahrung gelehrt. Denn dass man im Laufe des Morgens die Anstrengungen zur Sicherung der beiden Häuser „Am Graben“ einstellen musste, weil das Wasser von allen Seiten kam, „dass wir wegen Eigengefährdung aufgeben mussten, das habe ich so noch nicht erlebt“, berichtete der Gemeindebrandinspektor am Dienstag vor dem Gemeinderat.

Mehr Kommunikation

Die Wohnhäuser am Graben, die schließlich komplett im Wasser standen, waren nicht der einzige Brennpunkt. Am Ruhrufer galt es, Firmen wie Polytapes zu sichern. Hier waren auch die aus dem Kreisgebiet hinzugezogenen THW-Kräfte eingesetzt, die gemeinsam mit der Feuerwehr in hohen Fontänen Wasser über die Schlauchbarriere zurück in Richtung Ruhr pumpten.

So sollte zumindest ein weiteres Ansteigen vor den Firmentoren verhindert werden. Hier kam ein Gutteil der insgesamt 5000 vor Ort genutzten Sandsäcke zum Einsatz ebenso wie der insgesamt verlegten 400 Meter des mobilen Wasserrückhaltesystems; ein Schlauch, der durch die Befüllung mit Wasser seine Stabilität erhält.

Auch personell erhielt die Wehr Verstärkung vom Kreis. In der Einsatzzentrale im Gerätehaus wurde der Stab durch Kräfte des Kreises ergänzt, Wickedes Feuerwehr musst aber auch um auswärtige Führungskräfte ergänzt werden, weil die eigenen Leute nach stundenlangem Einsatz wegen Übermüdung ausgewechselt werden mussten. Diese Erfahrung führt zur Erkenntnis, dass Wickedes Wehr selbst mehr eigene Verbandsführer ausbilden muss. Ein erster Lehrgang ist bereits absolviert, weitere müssen folgen.

Auch die Digitalisierung des Gerätehauses reicht für derartig Einsatzlagen nicht aus. Zwar hat das Haus einen Glasfaseranschluss, ist inzwischen auch ein Kommandoraum eingerichtet. Aber bei Flächenlagen mit Wasser, Feuer und Sturm, die sich Marcel Horn zufolge häufen dürften, braucht es schnelle Internetzugänge im ganzen Haus, etwa um auch im Schulungsraum eine Einsatzzentrale einzurichten und von dort mit anderen Behörden leistungsfähig kommunizieren zu können.

CDU-Ratsherr Dirk Schröter sprach die Problematik des Treibgutes an, das sich z.B. vor dem Gelsenwasserwehr gestaut hatte. Bei diesem Treibgut dort und anderswo handelt es sich teilweise um komplette Bäume von der Wurzel bis zur Krone, Material, das nicht zuletzt bei Renaturierungsmaßnahmen eingesetzt wird und sich offenbar losgerissen hat.

Über dieses Thema müssen Ruhrverband und Bezirksregierung miteinander sprechen, erläuterte Marcel Horn zu den Kompetenzen. Zwar hatte das Treibgut vor dem Gelsenwasserwehr zu Problemen geführt. Die Gefahr, dass das Wehr zu brechen drohe, habe nicht bestanden. Gleichwohl musste die Anlage zur Aufrechterhaltung der Trinkwasserversorgung von dem Treibgut befreit werden, wurde deshalb im Laufe des Fluttages auch kontrolliert geöffnet.

Die Folge war ein weiterer Pegelanstieg im Bereich Wickede, der aber keine gravierenden Auswirkungen hatte. Immerhin aber: „Bei einem weiteren Anstieg von 20 cm wäre die Hauptstraße überspült worden“, erläuterte Feuerwehrleiter Horn vor dem Gemeinderat.

Bürger-Info

Auch die Möglichkeiten, auf welchen Wegen die Bevölkerung zu informieren ist, sollen weiter im Auge behalten, über Verbesserung nachgedacht werden. Erwähnt wurden die Warnapp Nina ebenso wie das Sirenensystem, zu dem sich jeder Bürger auf der Homepage der Feuerwehr die Signale vorspielen und ihre Bedeutung erläutern lassen kann.

Auf den Einwand von Grünensprecher Lothar Kemmerzell, in der Ringstraße habe man als Hausbewohner nichts von all dem mitbekommen, „woher und wohin hat keiner gewusst da unten“, erwiderte Marcel Horn: „Dass Häuser weggerissen würden, stand nie zur Debatte. Mitglieder der Feuerwehr waren auch in der Ringstraße ansprechbar“.

Der Gemeinderat honorierte die Ausführungen des Wehrführers mit Beifall. Dank und Anerkennung galten aber alle Frauen und Männern der örtlichen Feuerwehr für ihr Engagement beim jüngsten Hochwasser - ebenso wie auch den rund 170 Einsatzkräften, die aus dem gesamten Kreis Soest nach Wickede gekommen waren, um vor Ort zu helfen.

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