Zeitzeugen der Möhnekatastrophe

Möhnekatastrophe in Wickede: "Sie sind alle ertrunken..."

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Mathilde Quante.

Wickede - Ein scharfes und lautes Zischen und Fauchen, wie wenn eine der alten Lokomotiven Dampf ablässt: So hat Mathilde Quante den Moment in Erinnerung, als die Wasserwalze Wickede erreicht. Eine Sekunde zuvor wurden die Neunjährige und ihre Schwester von der Tante geweckt: „Kinder, Kinder, steht schnell auf, das Wasser kommt“. Doch das Wasser ist längst da, platzt gurgelnd ins Parterre. 

Die fünf Menschen im Haus laufen die Treppe zum ersten Stock hinauf, flüchten dann auf den Dachboden. Und während von draußen das Chaos ins Haus schallt, fleht die Tante: „Kinder, betet!“ „Ich hab’ geschrien, ich will auch immer artig sein“, erinnert sich Mathilde Quante an die furchtbaren Momente. 

Orientierung in dem Getöse gibt der Blick aus der Dachluke. „Am Haus nebenan konnten wir sehen, dass das reißende Wasser immer noch stieg“. In das Rauschen der Flut mischen sich Schreie. Menschen, Kühe, Schweine brüllen ihre Todesangst in die tosende Nacht hinaus.

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Verstört sieht die Neunjährige, wie ein Hausdach mit Menschen darauf schaukelnd vorbeizieht - „sie sind wahrscheinlich alle ertrunken“. 

Dann blickt sie nach Südwesten. Da, wo die Ringstraße unterhalb wieder auf die Hauptstraße mündet, stehen vier oder fünf Häuser. „Auch das von meinem Engelchen – wir hatten doch 14 Tage vorher Kommunion. Die Mathilde war ein Jahr jünger als ich“. Im nächsten Moment ist das Haus nicht mehr da. „Dann war alles weg, das Haus war weg, die Leute weg – sie sind alle ertrunken“. 117 Opfer sind es in Wickede insgesamt.

Nebenan bei Quantes wohnt eine junge Mutter, sie will mit ihrem Baby auf dem Arm nach oben ins Haus flüchten. „Da kam eine ganz starke Welle, die hat sich durch die Tür gedrängt und ihr das Kind aus den Armen gerissen. Sie hat es am nächsten Morgen unten im Schlafzimmer gefunden – tot“. Auch die verzweifelten Schreie der jungen Mutter hat Mathilde Quante noch im Ohr.

Die Neunjährige, ihre Schwester, die Tante und die Großeltern haben Glück: Die Hauptwucht der Wasserfront wird vom langgestreckten Gebäude der Firma Wickeder Eisen abgefangen. Das Haus in der oberen Ringstraße hält dem immensen Wasserdruck stand. 

Doch das ist die spätere Analyse. Die Nacht selbst verbringen die fünf Menschen auf dem Dachboden in permanenter Todesangst, bis das Wasser langsam zu sinken beginnt und der Morgen graut. 

Durch ein Meer aus Schlamm kämpfen sich die Überlebenden jetzt ihren Weg – ganz gleich ob im oder außerhalb des Hauses.

Und während die Schaulustigen ins Unterdorf kommen, werden dort die Toten eingesammelt. „Ich weiß noch, wie die Leichen auf dem flachen Pferdewagen lagen. Die wurden alle in der Schule aufgebahrt“, erinnert sich Mathilde Quante. Und sie weiß auch noch, wie ihr Engelchen und dessen Familie auf dem Friedhof beerdigt wurden: „Da war so ein langes Grab“. 

Nur wenige, die in die braunen Flutwellen stürzten, überlebten. „Marga Peck ist nach Warmen geschwommen“, sagt Mathilde Quante, „das war ‘ne gute Schwimmerin - die haben sie durch ein Fenster aus dem Wasser gezogen“. 

Im Quante-Haus an der Ringstraße sind sämtliche Gläser in Fenstern und Türen vom Wasserdruck zerschmettert worden. Weil es in den folgenden Tagen immer wieder Fliegeralarm gibt und die Familie auf den Berg flüchten muss, wird jedes Mal das wichtigste Hab’ und Gut auf dem Bollerwagen mitgenommen; auch aus Angst vor Plünderungen – ohne Scheiben war das Haus ja frei zugänglich.

„Meine Tante blieb immer noch unten und trug den Sessel hinterher und wir hatten jedes Mal Angst, dass sie ertrinkt. Eder und Sorpe sollten ja noch folgen“. Oben auf dem Berg sah man dann Richtung Westen: „Als Dortmund bombardiert wurde, da war der Himmel rot hier“. 

Doch der Blick auf all diese traumatischen Erlebnisse, die auf das junge Mädchen einstürzen, das schreiende Sterben der Wasseropfer, die anschließende Not - „wir hatten ja nichts - es war alles weg“ - dieser Blick hat sich im Laufe des Lebens gewandelt. 

Für erwachsene Zeitzeugen hatte die Katastrophe wohl noch eine ganz andere Dimension, weil sie sich viel eher das Ausmaß des Elends vorstellen konnten: „Für einen Erwachsenen muss das ganz schlimm gewesen sein“, sagt Mathilde Quante denn auch.

 „Aber für ein Kind ist das mehr ein Ereignis - Jugendliche und Kinder sehen so etwas mit anderen Augen“. Vielleicht ist das auch gut so - ein Art Selbstschutz der jungen, noch sehr verwundbaren Seele. Die Bilder aber bleiben. 

Und wenn Mathilde Quante auch gelegentlich gerne mal einen Ausflug zum Möhnesee unternimmt: Das nasse Element ist ihr im Leben kein Freund mehr geworden. „Wasser“, so die 84-Jährige 75 Jahre nach der Schreckensnacht, „ist mir nicht sehr sympathisch“. - ate/hütt

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