Vor Gericht Messer gezückt / Für Munitionsfund verantwortet

"Ich reiße viele mit in den Tod!" - So lautet das Urteil gegen einen Echthauser (55) 

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Echthausen/Arnsberg - Vor einem Jahr hatte der Mann aus Echthausen im Amtsgericht Arnsberg unvermittelt ein Messer  aus dem Ärmel gezogen, gegen den Wachmann neben ihm gerichtet und geäußert: „Ich reiße viele mit in den Tod“. Am Donnerstag gab's dafür die Quittung.

Es war der 5. April 2018, als ein heute 55-jähriger Mann aus Echthausen vor der Berufungskammer in Arnsberg nach der Beweisaufnahme unvermittelt ein Keramikmesser mit einer 20 Zentimeter langen Klinge aus seinem linken Ärmel zog und diese erst in die Luft und dann gegen den neben ihn getretenen Wachmann richtete. 

Mit den Worten: „Ich reiße viele mit in den Tod“, stellte er damals nicht nur dem Wachmann, sondern - so die Staatsanwältin des Amtsgerichts Arnsberg - auch den übrigen damals in Gerichtssaal Anwesenden die Tötung in Aussicht. „Ich habe eine Waffe dabei“, soll er zudem gedroht haben.

Der Vorfall kam am Donnerstag ein Jahr nach der Tat - vor dem Amtsgericht Arnsberg zur Verhandlung. Hier hatte sich der Echthauser außerdem für einen Munitionsfund in seiner Wohnung zu verantworten. Dort waren am 6. April 2018, als der Mann festgenommen werden sollte, u.a. 56 Kugeln Kaliber sechs Millimeter nebst frei verkäuflichen Waffen gefunden worden.

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Er selbst entzog sich damals der mit SEK-Einsatz, Hubschrauber und insgesamt großem Aufgebot eingeleiteten Polizeiaktion in Echthausen, wurde erst einen Tag später in Ense angetroffen und begab sich anstandslos in die Hände der Polizei.

Am Donnerstag nun zeigte sich der Angeklagte voll geständig, war vielleicht auch durch die ruhige Atmosphäre geleitet, die das Gericht gleich zu Beginn zu erzeugen wusste. So machte der Angeklagte durch seine ebenso umfang- wie detailreiche Aussage eine Vernehmung der zahlreich geladenen Zeugen weitgehend überflüssig.

"Seit SEK-Einsatz seelisch angeschlagen" 

„Seit mich ein Sondereinsatzkommando vor etwa vier Jahren in meiner Wohnung überfallen und geschlagen hat, bin ich seelisch angeschlagen“, so der Angeklagte. Seitdem habe er Aggressionen und fühle sich auch sehr schnell bedroht, sobald jemand mit einer Uniform in seine Nähe komme - wie der Wachmann am Tattag.

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Gerade sei die Beweisaufnahme abgeschlossen worden, als sich ihm der Wachmann von der Seite genähert habe. Schon zuvor habe er sich durch ihn provoziert gefühlt. Das Messer habe er, wie auch sonst häufiger, wenn er sich in die Nähe zu einer Behörde begeben müsse, vorsorglich eingesteckt, falls ihm noch einmal Ähnliches wie bei dem SEK-Einsatz widerfahre. 

Die Schuld für sein reizbares Verhalten gegenüber Behörden - wobei er die Gemeinde Wickede ausdrücklich ausnimmt, die dortigen Mitarbeiter seien sehr freundlich und würden ihm unaufgefordert bei allen für ihn schwierigen Dingen helfen - sieht er auch in seiner viele Jahre lang angespannten finanziellen Situation. Sechs Jahre sei er ohne Einkünfte gewesen. Das habe bei ihm Spuren hinterlassen. 

Richter blieb cool und verhandelte weiter

Auch der als Zeuge vernommene Richter, der heute pensioniert ist, kann sich an den Vorfall noch sehr gut erinnern. „Darauf wird man in der Ausbildung nicht vorbereitet“, so der Jurist. „Ich sah nur eine Möglichkeit, als der Angeklagte damals die Waffe zog: Ihn zu beruhigen, mit ihm im Gespräch zu bleiben und so zu deeskalieren“.

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So setzte der Richter die Verhandlung mit dem stehenden Zeugen, der weiterhin das Messer in die Luft hielt, einfach fort und führte die Verhandlung zu Ende. „Der Anwalt des Mannes war mehr oder weniger abgetaucht und auch die Schöffen und die Staatsanwaltschaft waren nicht mehr richtig im Saal präsent“, so seine Schilderung. Er habe nicht so recht geglaubt, dass der Mann neben dem Messer eine Schusswaffe dabei habe. „Dann hätte er die doch gleich gezogen“, so der als Zeuge vernommene ehemalige Richter. 

Nach der damaligen Urteilsverkündung durfte der Messerträger dann als „freier Mann“ durch die Sicherheitsschleuse des Landgerichts Arnsberg gehen. Noch einmal eine Schrecksekunde, denn als die sich nicht sofort öffnete, geriet der Mann noch einmal in Panik. 

„Ich hatte den Angeklagten damals im Vorfeld des Prozesses von einem Psychiater begutachten lassen. Mir war klar, dass es sich um einen schwierigen Angeklagten handeln könnte, und hatte daher meine Protokollführerin darum gebeten, die Wachleute zu informieren. Vielleicht hat es ein Wachmann ,zu gut' gemeint“, so der ehemalige Richter. Jedenfalls sei genau dieser Beamte für den Angeklagten förmlich wie ein rotes Tuch gewesen.

Eine Einschätzung, die der Angeklagte teilt. Er entschuldigt sich noch im Gerichtssaal bei dem Richter für sein damaliges Verhalten und bedankt sich für die umsichtige damalige Verhandlungsführung. „Sie haben das genau richtig mit mir gemacht“, so der Angeklagte.

Urteil: Fünf Monate Haft auf Bewährung 

Ein Blick in das Vorstrafenregister zeigt zwei Verurteilungen wegen Bedrohung in den Jahren 2015 und 2016. Beide Male erhielt der Mann eine Geldstrafe. „Seit ich meine neue Lebensgefährtin habe, ist alles anders. Ich bin viel ruhiger geworden“, so der Mann. 

Ein Eindruck, den auch der Richter positiv hervorhob, als er am Donnerstag sein Urteil verkündete. Entsprechend des Antrages der Vertreterin der Staatsanwaltschaft und der Verteidiger verurteilte er den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung.

Für die Bedrohung im Gerichtssaal erhielt er vier Monate - für den Munitionsfund zwei Monate. Zusammengezogen wurde beides zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von fünf Monaten. Die Strafe wird zu einer Bewährung von drei Jahren ausgesetzt.

Zudem bestimmt der Richter einen Bewährungshelfer. Gerade diese Entscheidung bezüglich des Bewährungshelfers habe er sich nicht leicht gemacht, wie er in seiner Urteilsbegründung hervorhebt. Er beruhigte den Angeklagten: „Ein Bewährungshelfer hat keine Uniform an, sondern allenfalls einen schlabberigen Pulli. Ich gehe davon aus, dass ihnen der Bewährungshelfer in der Zukunft bei Behördengängen eine wichtige Stütze sein kann". - tab

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