Heimat-Serie

"Komme immer zurück": Josef Kampmann ist das wandelnde Archiv von Wickede

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Josef Kampmann, Vorsitzender des Heimatvereins.

Wickede - Josef Kampmann ist geborener Wickeder, hat 47 Jahre in dem Ruhr-Ort gearbeitet und sein ganzes Leben lang dort gewohnt. Wohl kaum jemand kennt Wickede so gut wie der 74-Jährige, dessen Großvater bereits 1890 in das Dorf gezogen ist.

Für den gelernten Elektroinstallateur ist Wickede „Heimat pur“: „Hier bin ich geboren und aufgewachsen, hier habe ich mein Leben verbracht, viel gelernt und auch Fehler gemacht. Aber ich habe nie bereut, geblieben zu sein. 

Seit der Gründung des Heimatvereins im Jahr 1980 ist Kampmann dabei, seit 1993 als Vorsitzender – zuletzt allerdings nicht mehr ganz freiwillig: „Ich versuche schon seit sieben Jahren, das Amt abzugeben. Das hat aber nicht geklappt.“ Irgendwann habe man einfach keine neuen Ideen mehr. „Nächstes Jahr ist definitiv Schluss“, so Kampmann. Zurzeit zählt der Verein 797 Mitglieder, es waren schon mal 840 – doch auch hier gibt es Nachwuchsprobleme. 

Industriestandort

Wickede bezeichnet Josef Kampmann gern als „Industriegemeinde im Grünen“. Und er sagt stolz: „Wir sind noch ein echtes Dorf, keine Stadt.“ Die Gemeinde feiert dieses Jahr Jubiläum – 50 Jahre Wickede. Und hat für Josef den 74-Jährigen immer noch einen „gewissen Reiz“, auch wenn sich viel verändert habe. Zur Wickeder Geschichte gehöre vor allem das frühe Dasein als Industriestandort – auch wenn das erste „echte“ Industriegebiet erst 1969 kam. Kampmann erinnert sich an fast alles, immer wieder fallen ihm spontan Jahresdaten ein. 

„1911 kam der elektrische Strom nach Wickede, da brannte zum ersten Mal Licht – und zwar beim Schützenfest, dem „wohl höchsten Fest neben Ostern und Weihnachten“ für das Dorf. Eine Brennstelle kostete damals noch 46 Mark. 

Zu seiner Heimat gehören langjährige Firmen wie Heko, Humpert und Wurag, aber auch die Ortsgrenzen. Die seien mal klarer gewesen, zum Beispiel in Richtung Wiehagen. „Das ist ja inzwischen alles zugebaut.“ Wo Wickede seiner Meinung nach aufhört? „Oben am Berg, bei Gerbens!“ 

Das ehemalige Krankenhaus in Wickede ist heute ein Altenheim.

Für seinen Lieblingsort muss er nicht lang überlegen: Das ist die Ruhrpromenade, die Mitte der 50er Jahre gesperrt wurde und den Wickedern lange Zeit verwehrt blieb. Heute ist die als Ruhrtal-Radweg wieder geöffnet. Josef Kampmanns Gedächtnis reicht bis zu seiner Kindheit – und noch weiter: „Da haben wir noch draußen gespielt, bauten Buden im Wald.“ Der Spielplatz sei immer durch die Auen und um die Bergkapelle herum gewesen. „Das war schon fantastisch.“ Sonntags standen Familienspaziergänge auf dem Programm, wo man noch Spatzen oder Schwalben sah – „das fehlt heute“. 

Kampmann hat zwei Kinder, drei Enkel und auch während seiner Rente noch jede Menge Hobbys, darunter Familienforschung und Wappen. Das Wickeder Logo ist übrigens von 1953, das von Wimbern ist noch älter (1935). Eine der Leidenschaften Kampmanns ist zweifelsohne das Schwelgen in Erinnerungen. So erzählt er gern die Geschichte vom Bauernhof Wenner in Wiehagen, wo es einst kein Wasser gab, weil eine Maus vor dem Abfluss saß. 

"Westfalen ist weltoffen und bunt"

Heute gebe es mehr Schulen in Wickede, dafür immer weniger Vereine und Gastwirtschaften. „Zwischenzeitlich gab es sogar mal 70 Kneipen, vor allem entlang der B 63.“ Der erste, der nicht an der Hauptstraße lag, war die Domschänke. Heute gibt es in Wickede noch drei sowie jeweils eine in Echthausen und Wimbern. Kinos gibt es hingegen keine mehr – einst hatte Wickede mit der „Schauburg“ von Gottfried Biele neben dem Lindenhof und dem Tanzsaal in der Schützenhalle gleich zwei. Erstere ist abgebrannt, letztere wurde geschlossen. 

Die größte Katastrophe war sei die Katharinenflut am 25. November 1890 gewesen, wobei die Ruhrbrücke demoliert worden ist. Die neu aufgebaute Steinbrücke wurde wiederum bei der Möhnekatastrophe zerstört – ebenso wie die ehemalige Freilichtbühne auf Wimberaner Gebiet. 

Sport in Wickede

Auch der Sport spielte immer eine Rolle in Wickede. Kampmann erinnert sich, wie die TuS-Fußballer seit 1908 auf einem Ascheplatz spielten. „Da fragten die Gastmannschaften immer: ,Wo ist denn der Rasen?‘“ Wickede hatte sogar mal einen Olympia-Teilnehmer – Alfred „Atta“ Baum schaffte es als Deutscher Kanu-Meister in Augsburg auf den fünften Platz. 

Josef Kampmann sagt: „Ich fahre mit meiner Frau gern in den Urlaub, komme aber immer wieder nach Wickede zurück.“ Die nächste Reise geht nach Stendal in Sachsen-Anhalt – zur Ahnenforschung. Auf die Frage, ob für ihn eine schönere Heimat vorstellbar wäre, antwortet er: „Da müsste ich schon nach Bayern ziehen.“

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