„Politischer Sommer“ in Wickede

Junge Leute diskutieren mit Politikern: "Sie sollten sich mehr für uns interessieren!"

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Bei der Generationen-Debatte am Donnerstag ging es um Wünsche, Sport und Abläufe zwischen Politik und Verwaltung.

Wickede – Es ist eigentlich wie bei jeder unmoderierten Diskussionsrunde. Die einen sagen mehr, die anderen weniger. Wären diejenigen, die am meisten sagen, repräsentativ für ihre Altersgruppe, so mangelte es Wickede vor allem an einem: Möglichkeiten, sich sportlich auszutoben.

Mehr Kampfsport, das wäre schön, meint der junge Mann. Er solle sich doch vielleicht mal an die örtlichen Vereine wenden statt auf ein komplettes Kampfsportstudio zu hoffen, hält ihm Bürgermeister Dr. Martin Michalzik entgegen. Die könnten ja Gruppen öffnen. Die Adressen der Verein stünden alle auf der Homepage der Gemeinde Wickede. „Ich glaube, die Seite habe ich noch nie in meinem Leben aufgerufen“, sagt der junge Mann, der mit Anfang 20 doch definitiv zu den „Digital Natives“ zählt. 

Aber es ist eine der Lehren, die man aus der kleinen Talkrunde im Garten des Martin-Luthers-Hauses, zu der der Jugendtreff seine Besucher und Vertreter der Parteien eingeladen hatte, ziehen kann: Politik ist Demokratie, und die bedeutet auch, selber aktiv zu werden, sich selber zu engagieren, seine Anregungen ans Rathaus heranzutragen. Oder eben, nicht darauf zu warten, dass die Verwaltung die Telepathie erlernt und den Bürgern ihre Wünsche von der Stirn abliest. Daher bittet Michalzik sie, ihm Fotos von Outdoor-Fitness-Geräten zu senden, die sie gerne verwirklicht sähen. 

Auch Bürgermeister Martin Michalzik beantwortete Fragen der Jugendlichen.

Zwei Stunden Zeit nehmen sich die Politiker, die den Jugendlichen irgendwie schon fremd sind. Von den 60 Stammgästen des Jugendtreffs war ein Fünftel erscheinen – 1700 in ihrem Alter gibt es im Gemeindegebiet, aber würde man ein großes Jugendforum anbieten, was Corona derzeit ohnehin nicht zulässt, es würde doch nur ein Bruchteil kommen, ist sich Streetworkerin Bianca Strauss sicher. 

Eine weitere Lehre für die jungen Leute: Verwaltung und Politik können nicht auf einen Fingerschnipp hin reagieren. Warum hier Straßenlaternen hinkommen und dort nicht? Weil da Naturschutzgebiet ist. Warum das eine Projekt so lange dauert? Weil es viel Geld kostet und daher als Teil einer Prioritätenliste abgearbeitet werden muss. Michalzik sensibilisiert sie für die zähen Prozeduren zwischen Planung, Finanzierung und Umsetzung. 

Und wie sehr die Parteien dabei miteinander kooperieren müssen. Auf der einen Freifläche will die CDU Wohnraum, die BG Grünanlagen. Überhaupt, bezahlbarer Wohnraum, für die Jugendlichen ein Thema, das ihnen unter den Nägeln brennt: „Wir wohnen seit vier Jahren am Arsch der Welt und haben selbst dafür lange suchen müssen“, meint der sportliche junge Mann vom Anfang. 

Müll und Pfandsammler

Und Müll auf den Straßen, der wurmt sie, „gerade, wenn Pfandsammler die Mülleimer durchwühlen und das meiste rauswerfen. Ich mache ihnen keinen Vorwurf, die sind oft schon alt und gebrechlich.“ Daher wünschen sie sich Ringe um die Tonnen, in die die Bürger ihre Pflandflaschen für die Sammler stellen können, sodass diese die Behälter nicht mehr durchwühlen müssen. 

Einige reden mehr, andere weniger, die Schüchternen ermuntert Strauss dazu – man merkt, sie hat die Jugendlichen auf den Abend vorbereitet. Doch auch bei den Politikern ist der Redeanteil unterschiedlich hoch. Führend sind Michalzik und Julian Bräker (SPD), gefolgt von Thomas Fabri (CDU), Uwe Eder (BG) und Inga Westermann (SPD). Lothar Kemmerzell (Grüne) und Politik-Neuling Patrick Wessel (FDP) melden sich jeweils nur ein einziges Mal zu Wort. 

Schließlich will Eder wissen: „Wir informiert Ihr Euch vor der Wahl?“ und erhält zur Antwort: „Gar nicht, für Politik interessieren wir uns nicht, wir haben null Bezugspunkte zur Politik.“ Ob der Abend denn ein wenig geholfen habe bei der Wahlentscheidung. Auch das wird verneint. Man mache halt irgendwo sein Kreuzchen, „egal wo, Hauptsache nicht AfD“, lautet eine Antwort. 

Denn auch an diesem Abend haben sie gemerkt: Zumindest hier an der Basis, wo die Politiker sich ehrenamtlich und aus Überzeugung zum Wohle der Allgemeinheit engagieren, „da sind die Unterschiede gar nicht so groß.“ Dennoch: „Sie sollten sich mehr für uns interessieren. Nicht nur dann, wenn eine Wahl ansteht.“

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