Analyse zur Flut

Hochwasser in Wickede: „So hoch aufgetürmt haben wir Schwemmgut noch nicht gehabt“

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Matsch steht auf der Straße „Am Ruhrufer“, die weiterhin gesperrt ist, so die Gemeinde. So lange sieht auch der KC den Weg zum Bootshaus versperrt. Die Kanuten waren am Donnerstag von der Polizei aufgefordert worden, das Gelände an der Schafsbrücke zu verlassen, die sie vor Schwemmgut schützen wollten. Schließlich ist dies die einzige Zuwegung zu ihrem Vereinsgelände.

In den Kellern laufen die Aufräumarbeiten, neben den Häusern stehen Berge von durchfeuchtetem Sperrmüll, auf Paletten gehäufte Sandsäcke stehen zur Abholung bereit – Wickede nach dem Hochwasser dieser Woche, das mancher mit der Flut von 2007 vergleicht. Die galt damals als Jahrhunderthochwasser. Mit dem neuerlichen Vorfall am Donnerstag nur 14 Jahre später muss man sich von solcher Zeit- und Klimarechnung wohl verabschieden.

Wickede – Unter Druck steht gegenwärtig noch Techniker Matthias Jesse, der für Kraftwerksbetreiber Dr. Walters tätig ist. „So hoch aufgetürmt und so verkeilt haben wir das Schwemmgut noch nicht vor dem Wehr gehabt“, berichtet er zu dem dicken Teppich. Die mittlere Tafel zum Mannesmann-Wehr an der alten Ruhr ist gezogen – aber der Holzteppich will nicht abfließen.

Derweil belegte die Analyse der Arbeit im Krisenstab unter Federführung von Bürgermeister Dr. Martin Michalzik am Freitag, dass Wickedes behördliches Frühwarnsystem im Rahmen der Möglichkeiten funktionierte.

So war nach den Überflutungen am Mittwoch in Echthausen noch am späteren Abend die Anwohnerschaft der Erlenstraße durch Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung auf die Gefahr eines drohenden Hochwassers hingewiesen worden. Noch in der Nacht auf Donnerstag begannen in den besonders nah zur Ruhr gelegenen Betriebsstätten des Wickeder Profile-Werkes und von MBT Polytapes Sicherungsmaßnahmen.

Dazu gehörte insbesondere, Gefahrstoffe zu verlagern, die bei einer Überflutung zu einer kritischen Verunreinigung der Ruhr hätten führen können, z.B. durch Chemikalien. Ähnliche Vorsorgemaßnahmen wurden im weiteren Verlauf auch in der Firma Humpert getroffen.

Zugleich erfolgten erhebliche Anstrengungen, gefährdete Wohngrundstücke im Bereich „Am Graben“ zu sichern. Doch bei einem stündlich um 9 Zentimeter steigenden Pegelstand musste das Vorhaben gegen 3 Uhr am Donnerstag aufgegeben werde – sogar massive Steinbarrieren waren zu dem Zeitpunkt durchlässig geworden.

Um Leib und Leben der Anwohner und Einsatzkräfte zu schützen, wurden die Grundstücke evakuiert. Besonders bitter für die Bewohner, da sei bereits 2007 schwer von einer Hochflut betroffen waren. „Für sie war eine Betreuung durch die Notfallseelsorge des Kreises Soest vor Ort“, heißt es in der Einsatzanalyse. In Sicherheit gebracht wurde später auch eine Herde Schafe und Pferde.

Mit der Gefährdung des Gelsenwasserwehres durch große Mengen Schwemmholz spitzte sich die Lage nach Mittag dann noch zu. Zu den umgehend verfügten Maßnahmen mit Sirenenalarm, Warn-App, Evakuierung des Freibades und weiteren Sicherungsvorkehrungen speziell der gefährdeten Bereiche hieß es im Rahmen der Aufarbeitung, dass die Folgen der Öffnung des Echthauser Wehres vor Ort kaum zu kalkulieren waren.

Zwischen 20 Zentimeter und einem Meter mehr Pegel

„Es war nicht abschätzbar, wie hoch die damit einhergehende zusätzliche Flutwelle sein würde, Schätzungen reichten zwischen 20 cm und 1 Meter zusätzlichem Wasserpegel“, so der Nachbericht. Seit 11.30 Uhr lag im Gerätehaus die Einsatzleitung bei einem dreiköpfigen Stab, der als Unterstützung von der Kreisleitstelle des Kreises Soest nach Wickede verlegt worden war.

Hier war klar, dass man mit der Beseitigung des Treibgutes am Gelsenwasserwehr nicht mehr lange warten konnte. Nach allen Sicherungsmaßnahmen kam es gegen 14 Uhr zur kontrollierten Öffnung des Wehres, um das Treibgut abzuführen.

„Die weitere Erhöhung des Pegelstandes betrug schließlich nur rund 20 cm, was sich mit den bereits eingesetzten technischen Hilfsmitteln als beherrschbar erwies“, heißt es in der Analyse.

Abwasser-Pumpstationen unter Volllast

Derweil liefen alle Pumpstationen der Gemeinde unter ständiger Aufsicht auf Hochtouren. Kurze Überlastungen blieben folgenlos. Die neue Pumpstation an der Eisenbahnbrücke, durch die Echthausens Abwässer befördert, blieb mit den Entlüftungsrohren knapp unterhalb der kritischen Hochwassergrenze. Zu den Maßnahmen zählte auch die Sicherung der Trafo-Stationen sowie des Gasnetzes.

„Die Straße Am Ruhrufer sowie weite Teile der Ruhrpromenade und der Ruhrtalradweg bleiben bis auf Weiteres gesperrt“, so die Gemeinde. Das geschehe aus Gründen der Verkehrssicherheit, weil die Wege teilweise stark verschlammt und aufgeweicht sind. Erst im Laufe der kommenden Woche werde dort die Voraussetzung gegeben sein, mit Säuberungsarbeiten zu beginnen.

Bürgermeister Michalzik verschaffte sich am Freitag auch in Telefonaten mit betroffenen Firmen ein Bild. Ein großes Lob an alle Einsatzkräfte kam etwa von Firma MBT Polytapes. Auch dadurch habe der Produktionsausfall auf einen Tag beschränkt werden können.

Die Gemeinde hat die gefährliche Hochwasserlage dank des Großeinsatzes zahlreicher Hilfskräfte und mit einer guten Prise Glück glimpflich überstanden. Das ist das vorläufige Fazit aus den Lagebesprechung, die Bürgermeister Martin Michalzik nach seinem Urlaubsabbruch im Rathaus mit den Führungskräften der Verwaltung und mit Einsatzleiter Sascha Seidel von der Feuerwehr am Freitag zog – nicht ohne Anteilnahme für die Todesopfer, Verletzten und massiven Schäden anderswo im Land.

Große Hilfsbereitschaft der Bevölkerung

Dankbar äußerte sich die Gemeinde beim Blick auf die Entwicklung in dieser Woche für die große Hilfsbereitschaft, auf die man in der Bevölkerung sowie bei örtlichen Unternehmen gestoßen sei.

Freiwillige Helfer hatten ihren Einsatz angeboten, sollte er nötig werden, Sachspenden wurden in Aussicht gestellt, die Bäckerei Niehaves, die Fleischerei Hackethal, Getränke Keggenhoff, Willi Stahlhoff sowie für die Nachbesprechung am Freitag das Waltringer Unternehmen Kinkel waren mit Verpflegungsleistungen spontan zur Stelle.

Auch weitere Zeichen aus der Bevölkerung würdigen den ehrenamtlichen Einsatz der Kräfte, so etwa der Wickeder, der mit zwei Kisten Bier am Gerätehaus vorfuhr und für den Einsatz dankte.

Analyse für den Hochwasserschutz

Die Gemeinde möchte aus der Analyse der Überflutung am Donnerstag dieser Woche auch Erkenntnisse für den gegenwärtig in Planung befindlichen Hochwasserschutz im Rahmen der Ruhrrenaturierung Teil II ziehen.

Auf Geheiß der Gemeinde hat deshalb das beauftragte Planungsbüro die betroffenen Gebiete inzwischen abgeflogen. Das aktuelle Flutbild soll nun mit den Planungen abzugleichen und möglicherweise nachzuregeln und zu optimieren.

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