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BVB und Schalke fiebern zusammen

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Von: Martin Hüttenbrink

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Zwei Fußballfans Arm in Arm
Daumen hoch für den Spaß am Fußball – Manuela Dreyer und Jürgen Fischer in ihrem „Studio“. © Martin Hüttenbrink

Es ist ein Duo, wie es gegensätzlicher nicht sein kann: Sie 32, er fast 73, vor allem aber sie eine stramme Schalke-Anhängerin und er eingefleischter Dortmunder. „Du hast das falsche Trikot an“, frotzelt sie. „Ich geh’ nicht in die Turnhalle“, spöttelt er über die Schalke-Arena. Wie, so fragt man sich, passt das zusammen? Es passt. Immer wieder sitzen Manuela Dreyer und Jürgen Fischer in ihrem kleinen Fußballstudio an der Rosenstraße einträchtig zusammen und begeistern sich jedes Spiel neu am Fußball.

Wickede – Es ist in jeder Hinsicht ein gemischtes Doppel, was sich da aus der Mieterschaft zusammengefunden hat. Als sie vor vier Jahren nach Wickede kam und hier einzog, besorgte er einen Bulli und half ihr so beim Transportproblem. Die Nachbarn unter einem Dach entdeckten die gemeinsame Leidenschaft für den Fußball. Mal saß sie im dicken Baum und guckte, während er live im Stadion dabei war, dann wieder war es anders ‘rum oder aber sie beide fieberten im „Baum“ bei der Fußball-Übertragung mit.

Dann kam Corona und die Stammkneipe blieb dicht „Wir müssen was machen“, kamen Manuela und Jürgen überein. Kurz drauf war ein leer stehender Raum im Haus zum „Fußballstudio“ umgemodelt. Möbel aus dem KaDeWi und von eBay, die Fan-Schals an der Wand und der Fernseher mit Zugang zu den Privatsendern und nicht zu vergessen: das Phrasenschein - eine perfekte Ausstattung, um hier gemeinsam die Spiele zu verfolgen.

Beim Bier hat sich die Schalke-Anhängerin durchgesetzt - oder Jürgen Fischer ließ ihr generös den Vortritt. Jedenfalls sorgt kaltes Veltins für einen kühlen Kopf, während es auf dem grünen Rasen heiß hergeht.

Rietberg ist blau-weiß

Und natürlich wird da auch gestichelt, wenn’s um des anderen Verein gut. „Mein Vater war eigentlich Schalker“, erzählt Jürgen von seiner fußballerischen Prägung, „das war ein vernünftiger Mann“, kommentiert Manuela keck.

Wie geriet der Wickeder dann an die Borussen? „Mit 15 war ich das erste Mal in Dortmund - Rote Erde gegen Prag. Das war 1964. Da war der Zaun offengeschnitten und wir krabbelten durch“.

Später fand sich eine Truppe von 7 oder 8 Leuten zusammen, die bis heute dem BVB hinterherfährt und Spiele besucht. „Mailand, Rom, Freiburg, Bremen - wir fahren immer drei Tage und gucken uns auch die Gegend an“, erzählt Jürgen. „’89 waren wir in Berlin. Pokalfinale - da hat Norbert Dickel zwei Tore geschossen“, erinnert sich der frühere Kfz-Mechaniker und Berufskraftfahrer an den 4:1-Triumph über Werder damals.

„Da war ich noch gar nicht geboren“, grinst Manuela Dreyer, gelernte Reno-Fachkraft mit Weiterbildung zur Personalmanagerin und seit Mai bei WHW in Brot und Arbeit. Trotzdem hat sie schon ihre historischen Erfahrungen mit den Blau-Weißen, denen sie seit der Kindheit in ihrem Heimatstädtchen Rietberg angehört. „Rietberg ist Schalke“, verortet sie den OWL-Ort, jenes Rietberg übrigens, in dem Wickedes früherer Vikar, Pastor Alexander Plümpe heute seinen geistlichen Dienst tut. „Der geht zu meinem alten Friseur“, lacht Manuela und empfiehlt einen Ausflug in das Fachwerkstädtchen.

Mit dieser fußballerischen Prägung jedenfalls war sie schon früh „auf Schalke“ zu Gast - „ich hab die letzten Spiele im Parkstadion gesehen“. Und für die neue Veltins-Arena sicherte sie sich auch gleich ihre Dauerkarte, gab sie aber leider in den bewegten Zeiten von Schulende, Ausbildung etc. wieder ab - „heute gibt’s da zehn Jahre Wartezeit“, bereut sie ihre Leichtfertigkeit damals. Aber es gibt natürlich immer mal die Chance, ins Stadion zu kommen. Jetzt will sich Manuela Dreyer auch mal vor Ort umtun und bei den Ruhrknappen oder auch in der Umgebung nach Anschluss an eine Fantruppe suchen.

Nicht schön von Acki

Wichtig ist den beiden aber vor allem eines: Leidenschaft für den eigenen Club – klar, Jubel beim Spiel oder mal den Frust ‘rausschreien, keine Frage. Auch Sticheleien und Frotzeleien gegenüber dem Kontrahenten gehören dazu. Aber es soll immer beim begeisterten Spaß am Fußball bleiben und nicht in Pöbeleien, aggressive Beschimpfungen oder gar Schlägereien ausarten.

Da ist Jürgen Fischer sogar von BVB-Boss Watzke enttäuscht, wenn es um den S04-Abstieg geht. „Dass der Acki so abfällig über Schalke geredet hat, das hat mir ehrlich Leid getan“. Fischer macht auch keinen Hehl daraus, dass ihm die Derbys der beiden Ruhrpott-Erzrivalen fehlen. „Das ist Fußball!“ sagt er zu den mitreißenden Spielen, die bisher 54 mal mit einem BVB-Sieg endeten, 43 mal gewann Schalke, 42 mal war’s unentschiedenen. Deshalb gibt er unumwunden zu: „Mir fehlt das Derby. Deshalb möchte ich auch, dass Schalke wieder aufsteigt“. Klar, dass er da auch seine Fußball-Kollegin getröstet hat, als der Abstieg klar war. Manu Dreyer gibt zu: „Ich hab geheult wie er Schlosshund.“

Immerhin sind so aber wie beim jüngsten Spieltag beide Ligen heiß begehrt im Fußball-Studio an der Rosenstraße. „Wir haben heute lange Fußballnacht“, sagt die 32-Jährige. Erst läuft Hamburg gegen Regensburg, dann mühen sich die Dortmunder zum 2:1 gegen Stuttgart und am Ende rauft man sich an der Rosenstraße noch die Haare, als Bremen in der 8. Minute der Nachspielzeit zum 1:1 ausgleicht.

Diskussionen, Analysen und noch eine Flasche Veltins inklusive, sie im Schalke-Gazprom-Outfit in dem einen Sessel, er mit schwarz-gelber Kluft im anderen. Bei aller fußballerischen Konkurrenz und Erz-Rivalität ihrer beiden Herzensvereine wollen sie zeigen, dass es auch anders geht, dass man über diese Grenzen hinweg den Fußball gemeinsam genießen kann. „Prost“, stößt Manu Dreyer mit Jürgen Fischer an und ihr rutscht bei der Diskussion unvorsichtigerweise noch ein Spruch ‘raus: „Geld schießt keine Tore“ – klarer Fall: das gibt Futter für’s Phrasenschwein...

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