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Folterpaar von Höxter: Neuer Prozess

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Ein Streifenwagen vor dem Haus in Höxter. Dort wurden mehrere Frauen gequält – unter anderem eine aus Wickede. Archi
Ein Streifenwagen vor dem Haus in Höxter. Dort wurden mehrere Frauen gequält – unter anderem eine aus Wickede. Archi © Kusch

Bosseborn ist ein kleines Dorf im Kreis Höxter. Aber sein Name steht im östlichen Westfalen und im Weserraum zuallererst für einen der spektakulärsten Fälle in der deutschen Kriminalgeschichte: das Folterpaar von Höxter, dem auch eine Frau aus Wickede zum Opfer gefallen ist. Zweieinhalb Jahre lang haben Angelika und Wilfried W. das Landgericht Paderborn beschäftigt. Fast fünf Jahre nach dem Urteilsspruch kommt die Sache dort erneut aufs Programm: Es geht um die nachträgliche Sicherungsverwahrung von Wilfried W.

Wickede/Paderborn – Die Verbrechen der Ex-Ehepartner Wilfried und Angelika W. schafften es damals in die internationale Presse, dank der bizarren Details, die sich im Zuge der Ermittlungen und des fast zweijährigen Prozesses ergaben. Es fing am 21. April 2016 an mit einem Notarzteinsatz in der Nähe von Northeim: Auf dem Rücksitz eines Pkw lag eine völlig entkräftete und schwer verletzte Frau, die wenige Stunden später in einem Krankenhaus in Northeim an den Folgen ihres körperlichen Zustands und einer Kopfverletzung sterben sollte – Susanne F. (41), die aus Wickede stammte.

Es endete im Oktober 2018 mit dem Urteil des Landgerichts Paderborn gegen Angelika und Wilfried W. wegen zweifachen Mordes durch Unterlassen: Die damals 49-Jährige wurde zu 13 Jahren Haft verurteilt, ihr Ex-Ehemann Wilfried (damals 48) zu elf Jahren und zur Einweisung in die Psychiatrie.

Das Schwurgericht hatte beide für schuldig befunden, Wilfrieds 33-jährige spätere Ehefrau Annika, die aus Uslar stammte, und die in Wickede aufgewachsene Susanne F. (41), die sich auf eine Kontaktanzeige von Wilfried W. gemeldet hatte, in dem heruntergekommenen Anwesen in Bosseborn psychisch und körperlich misshandelt und anschließend dem Tod überlassen zu haben.

Der Hintergrund: Die mit stark autistischen Zügen behaftete, aber hochintelligente Angelika habe die Frauen gequält, um ihrerseits Misshandlungen durch ihren tumben, aber gewalttätigen Ex-Mann Wilfried zu entgehen. Beide hätten sich als Duo Infernal hochgeschaukelt.

Schwachsinnigkeit attestiert

Wilfried W. kam mit einer geringeren Haftstrafe davon, weil eine Gutachterin ihm mit einem Intelligenzquotienten von 60 eine „Schwachsinnigkeit“ attestiert hatte und er als vermindert schuldfähig galt. Dem vorausgegangen war eine bemerkenswerte Wendung in dem Prozess: Der ursprünglich beauftragte Gutachter war zwar zu der Einschätzung gelangt, W. sei sadistisch veranlagt, aber voll schuldfähig – er wurde jedoch nach Ungereimtheiten in seinem Vorgehen vom Gericht abberufen, eine neue Sachverständige wurde bestellt.

An der Richtigkeit des maßgeblichen Gutachtens stellten sich nach der Einweisung von W. in die Psychiatrie erste Zweifel ein – kurz gesagt: Es kam der Verdacht auf, W. sei gar nicht so dumm, wie er sich darstelle. Bei einer regelmäßigen gerichtlichen Überprüfung der Unterbringung kam das Landgericht Münster schließlich im Herbst 2020 nach einer erneuten Begutachtung zu der Einschätzung, dass Wilfried W. ganz im Gegenteil zur Annahme der Gutachterin im „Bosseborn-Prozess“ sehr wohl Recht und Unrecht unterscheiden könne und voll schuldfähig sei.

Fünf Prozesstage angesetzt

In der Folge wechselte W. in den regulären Strafvollzug. Aber nicht nur das: Die Staatsanwaltschaft Paderborn beantragte Anfang 2022 die nachträgliche Verhängung der Sicherungsverwahrung. Von W. gehe eine Gefahr für die Allgemeinheit aus, er hatte in den 90er Jahren bereits eine Haftstrafe verbüßt, weil er gemeinsam mit einer Geliebten seine damalige Ehefrau sadistisch gequält hatte - ein Fall, der erhebliche Parallelen zum Fall Bosseborn aufwies.

Ab dem 30. August wird sich das Landgericht Paderborn mit der Frage befassen, ob die Sicherungsverwahrung gegen den mittlerweile fast 53 Jahre alten Wilfried W. angeordnet werden soll und er nach Verbüßung seiner elfjährigen Haftstrafe weiter in Gewahrsam bleibt.

Die Sicherungsverwahrung ist die am weitesten gehende Form des Freiheitsentzugs in Deutschland: Sie gilt unbefristet, muss jedoch jährlich überprüft werden. Für den Prozess sind insgesamt fünf Tage bis Ende September angesetzt, zwei weitere Gutachten sollen dafür erstellt werden.

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