Corona-Pandemie

Das Fahrrad ist der Gewinner der Krise

Große Fahrradgruppe in Wickede
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Als Station am RuhrtalRadweg hat auch die Gemeinde schon vielfach den wachsenden Trend zum Rad registriert - hier vor einigen Jahren eine Gruppe vom TuS Dahle aus Altena.

Was Umwelt-, Verbands- und Lobbyarbeit in Jahren nicht geschafft haben, bewirkt Corona binnen Monaten: Das Fahrrad hat durch die Pandemie enorm an Stellenwert gewonnen. Fachkundiger örtlicher Indikator dafür sind die Zweirad-Profis an der Erlenstraße. Die Firma Humpert sieht mit den Zuwächsen die Verluste in den weiteren Geschäftsfeldern des Unternehmens mehr als kompensiert und sagt: „Das Fahrrad ist zum Gewinner der Krise geworden“. 

Wickede - Das gelte gleich auf verschiedenen Ebenen, erläutert Geschäftsführer Willi Humpert. So habe die Pandemie mit dem Bestreben der Menschen, enge Kontakte etwa in Bus und Bahn zu meiden, dazu geführt, dass sehr viele Fahrten etwa zum Einkaufen oder zum Arbeitsplatz aufs Rad verlagert wurden. Auf diese Weise habe das Zweirad in seiner Bedeutung als Verkehrsmittel deutlich gewonnen.

Hinzu komme der touristische Aspekt: Statt der Corona-bedingt gestrichenen Urlaubsreise steigen die Menschen verstärkt aufs Fahrrad, um mit Ausflügen und touristischen Fahrten „die Reise im Kleinen“ zu genießen. 

Schließlich sorgt auch der sportliche Aspekt für eine weitere Aufwertung: Während Sportstätten schließen müssen oder Mannschaftssportarten aufgrund von Hygieneauflagen ausfallen, bietet das Fahrrad dem Individuum von der Straße bis Gelände eine große Bandbreite sportlicher Anreize. Willi Humpert: „Verkehr, Urlaub und Sport haben das Fahrrad komplett nach vorne gebracht“.  

Rückenwind erfahren all diese Entwicklungen durch den riesigen E-Bike-Boom, der die Branche bereits seit geraumer Zeit beflügelt. Mit der Unterstützung des Elektro-Motors verlieren Berge und Gegenwind ihre Schrecken. Das kommt der Fahrradnutzung sowohl als Verkehrsmittel im Alltag, als Gefährt für touristische Zwecke wie auch als Sportgerät entgegen. 

Die deutlich gestiegene Nachfrage des Marktes wirkt sich natürlich auf das Angebot aus. Willi Humpert spricht von ausverkauften Händlern und Lieferzeiten von drei bis sechs Monaten. Gut für den Wickeder Fahrradteile-Spezialisten, der den Markt etwa mit Lenkern, Vorbauten und Sattelstützen und dem passenden ergonomischen Know how versorgt. „Wir liegen im Umsatz deutlich über 2019“, erläutert Humpert zum diesjährigen Geschäft im Fahrradsegment. 

Und eigentlich könnte das Unternehmen an der Erlenstraße, könnte der gesamte Markt vor diesem Corona-Hintergrund noch mehr Umsatz generieren, wenn die Pandemie nicht andererseits auf die Bremse drücken würde. Und das hat mit der Produktion in und Lieferung aus Asien zu tun.

Zwar habe sich die Industrie in Asien nach der Corona-Krise schnell wieder berappelt. „Es gab vielleicht für vier Wochen Lieferprobleme“, so Willi Humpert, aber dann sei das Geschäft dort wieder auf Hochtouren gelaufen. Probleme gab es eher schon mit der Materialversorgung innerhalb Deutschlands und Europas.

Weil jetzt aber die Lager und Läden hierzulande leer gefegt seien, sehen sich die Produzenten in Fernost einem enormen Auftragsvolumen gegenüber. Gleichzeitig nutzen die Container-Reedereien die Situation, um die zuletzt kaputten Preise anzuheben, indem die Menge der zirkulierenden Container künstlich gering gehalten wird. „Das ist richtig brutal“, sagt Willi Humpert angesicht der zum Teil um das Fünffache gestiegenen Containerkosten. 

            Das riesige Auftragsvolumen einerseits und die Container-Knappheit andererseits bescheren erhebliche Verzögerungen bei den Lieferzeiten. „wenn es sonst maximal drei Monate von der Bestellung über die Produktion bis zur Lieferung dauerte, haben wir jetzt Lieferzeiten mit Glück von sechs Monaten, durchschnittlich aber eher von neun Monaten“, kennzeichnet der Wickeder Geschäftsführer die Situation.

Für die Nachfrage werden diese Verzögerungen seiner Meinung nach keine Folgen haben. Der Trend zum Rad - „das ist kein Blase“, meint Willi Humpert, das Zweirad werde sich „neu in der Gesellschaft positionieren. Und wir werden auch mittelfristig davon profitieren“, sagt der Geschäftsführer, der übrigens auch mit seiner Verbandsarbeit die Positionierung des Zweirades unterstützt. So habe man bereits im Frühjahr die Systemrelevanz des Fahrrades gegenüber der Politik unterstrichen und erreicht, dass die Werkstätten geöffnet blieben und die Händler unterstützt wurden.  

Insgesamt ist die Firma Humpert mit ihren 125 Mitarbeitern und einem konsequenten Hygienekonzept bisher gut durchs Jahr gekommen. Wenn auch der Geschäftsbereich Galvanik, gemeinsam mit der Rohrherstellung für Ladenbau und Möbelindustrie ein Anteil von etwa einem Drittel am Gesamtunternehmen, im Frühjahr schwer getroffen war und hier Kurzarbeit gefahren werden musste.   

Die Lieferverzögerungen aus Fernost immerhin werden sich auswirken. Um auf erneute Kurzarbeit zu verzichten, macht die Firma Humpert deshalb in den letzten beiden Wochen des Jahres Weihnachtsferien.  

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